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FreizeitHilfe, die Ferien kommen!

Stressfreie Ferien sind nicht schwer – ausser du machst alles falsch. Warum nur werden die schönsten Wochen im Jahr bei vielen zu einer Schnitzeljagd nach Fehlern?

Sehen so erholsame Ferien aus? Ein Paar entspannt am Mar del Plata, Argentinien.
Von und

Die Kakerlake wäre besser durch ein anderes Zimmer gekrabbelt. Als die Schweizer Touristin sie entdeckte, erschlug sie das Ungeziefer mit dem Reiseführer, verpackte den Leichnam fein säuberlich in einen Plastikbeutel und schickte ihn vom ­tunesischen Ferienhotel zum Kuoni-Hauptsitz in Zürich. Seither liegt das tote Tier zusammen mit anderen Beweisstücken in der Gruselkiste des Kundendienstes.

«Die schönsten Wochen im Jahr ­arten bei einzelnen Reisenden in ­eine regelrechte Schnitzeljagd auf Fehler aus», sagt Oliver Howald, Verantwortlicher für Strandferien bei Kuoni und Helvetic Tours. Seit 20 Jahren ­arbeitet er in der Reisebranche und hat schon so ziemlich jede Beschwerde gehört, die man sich vorstellen kann. Am häufigsten ärgern sich Reisende über das Essen: Nirgends ist das Brot so gut wie in der Schweiz. Schon gar nicht im Ausland. Zu salzig, zu fad, zu bleich, zu dunkel, zu weich oder zu hart. Der Kaffee ist zu stark, der Tee zu süss und der Fruchtsaft nicht frisch gepresst. Und wehe, die Lasagne vom All-inclusive-Buffet ist nur lauwarm.

Dabei hätten wir friedliche Ferien bitter nötig. «Wir brauchen Erholung mehr denn je», sagt Mediziner Dieter Kissling, der in Baden das Institut für Arbeitsmedizin leitet. Rund ein Drittel der Erwerbstätigen in der Schweiz gibt an, ständig unter Stress zu stehen, wie eine Studie des Staatssekretariats für Wirtschaft ergab. Nur gerade mal jeder Zehnte fühlt sich nie gestresst. «Früher haben Ferien vor allem der körperlichen Regeneration gedient, heute mindestens genauso sehr der psychischen», sagt Dieter Kissling.

Faulenzen ist gut fürs Herz

Ferien steigern die Lebenszufriedenheit und reduzieren gesundheitliche Beschwerden, zeigt eine niederländisch-deutsche Studie. «Die Pause kann helfen, sich innerlich von der ­Arbeit und anderen Alltagsrou­tinen oder -aufgaben zu lösen», erklärt die Psychologin Jessica de Bloom.

Den positiven Gesundheitseffekt bestätigt auch die amerikanische Langzeit­studie «Framingham Heart»: Männer, die ­regelmässig auf ihre ­Ferien verzichteten, hätten ein um 30 Prozent höheres Herzinfarktrisiko als die, die mindestens einmal jährlich in die Ferien reisen.

Spanische Treppe, Rom.
Quelle: Martin Parr/Magnum



Nur einmal Ferien pro Jahr kommt für Familie Caspar nicht in Frage. Sie verreist im Sommer nach Möglichkeit jedes Wochenende. Von Chur aus geht es in 75 Minuten nach Silvaplana im Engadin. Wenige Schritte vom See entfernt steht der Wohnwagen der vierköpfigen Familie. «Eine Nacht auf dem Campingplatz genügt, und wir sind in einer völlig anderen Welt angekommen», erklärt Cornelia Caspar. Kein Stress, keine Hektik, keine Verpflichtungen. So sei der Alltag schnell zur Seite geschoben, selbst wenn es am Montag wieder ins Büro geht, bestätigt ihr Mann Flavio. Für ihre beiden Mädchen sei es zudem ideal, da sie den ganzen Tag mit anderen Kindern auf dem Platz rumtoben könnten.

Einen Teil des Tages geniesst Cornelia Caspar jeweils ganz für sich. Sie schnappt sich in der Frühe das Stand-up-Paddling-Brett und rudert über den See. «Dieser Moment, wenn es noch keine Wellen hat, die Sonne allmählich hinter der Bergkette hervorkommt und ich allein auf dem See ­stehe, ist einfach fantastisch und wahnsinnig erholsam.»

Laut Forscherin de Bloom spielt es keine Rolle, ob man Kurzurlaub oder dreiwöchige Ferien macht: Gesundheit und Wohlbefinden steigern sich unabhängig von der Dauer. «Genauso wie Schlaf kann man Erholung nicht aufsparen. Ein langer Sommerurlaub reicht nicht aus, um ein ganzes Jahr an harter Arbeit und Überstunden zu kompensieren.» Wichtig für die Erholungswirkung sei weniger die Länge als vielmehr die «Gestaltungsfreiheit». Was man unternimmt, soll den eigenen Bedürfnissen entsprechen und der eigenen Kontrolle unterliegen.

Das Problem dabei: Der Mensch nutzt die Gelegenheit zur psychischen Erholung oft nicht. Er will permanent erreichbar sein: am Wochenende, im Ausland, im Wellnesshotel oder auf dem Kreuzfahrtschiff. Wenn es für ein paar Stunden kein WLAN gibt, reagieren viele panisch. Schliesslich will man noch kurz seine Mails checken, die News lesen, den Sonnenuntergang posten oder den Wetterbericht für die Hochzeit der Tochter abrufen.


Hinweis: unten weiterlesen.

Falls das Quiz auf dem Smartphone nicht richtig funktioniert, bitte hier probieren. Danke.

  • Quellen: Bundesamt für Statistik BfS (Erhebung zum Reiseverhalten 2014/2015), Kuoni Schweiz (Ferienreport 2014/2015), Universität Bern (Forschungsinstitut für Freizeit und Tourismus FIF, UNIVOX-Umfrage 2009/2010).
  • Infografiken: Beobachter/Anne Seeger 

Mühe, nicht zu mailen

Laut Kuoni-Ferienreport 2014 ­lesen vier von fünf Reisenden während der Ferien ihre Mails, drei von vier schreiben gar zurück. Eine andere Studie zeigt ein verblüffendes Hauptargument für die ständige Erreichbarkeit: «Ich ­arbeite gern.» Nur auf Platz vier schafft es «Der Chef erwartet es» als Grund. «Jeder Burn-out-Patient sagt, er arbeite gern», lacht Arbeitsmediziner Dieter Kissling. «Das ist aber kein grosser Unterschied für den persönlichen ­Akku, der trotzdem leerläuft und aufgeladen werden sollte.»

Wenn sich der Mensch in einer Stresssituation befindet, steigt der Spiegel des körpereigenen Stresshormons Cortisol. Kurzfristig kann das hilfreich sein, um die Situation zu bewältigen. Wer dem Körper allerdings keine Gelegenheit zur Erholung gibt, zerstört mit dem anhaltend hohen Cortisolspiegel langfristig den Parasympathikus-Nerv, der für die Erholung zuständig ist. Dann droht ein Burn-out. «Wenn der Parasympathikus erst einmal zerstört ist, kann man sich nicht mehr erholen. Es ist rein biologisch nicht mehr möglich. Den Nerv wiederaufzubauen kann Jahre dauern», erklärt Dieter Kissling.

Das Hauptproblem: Viele Leute können ihr Stresslevel nicht richtig einschätzen. Deshalb ist in den Ferien Abgrenzung vom Alltagsleben wichtig. Natürlich ist es nicht verboten, die Mails zu checken – aber nicht sklavisch jede Viertelstunde.

Die Erholung im Urlaub werde gar immer wichtiger, sagt Ferienforscherin Jessica de Bloom. Weil viele sich am Feierabend und am Wochenende nicht vom Job abgrenzen können oder wollen, sind die Ferien oft die einzige Zeit im Jahr, in der sie wirklich frei entscheiden, was sie tun und lassen.

Allerdings: Der sprichwörtliche Müs­siggang ist nicht der Königsweg. «Viele Leute verwechseln Nichtstun mit Erholung. Wer aber bewegungslos im Liegestuhl liegt und an Jobproblemen herumgrübelt, erholt sich nicht», sagt der Zürcher Arzt und Stress­spezialist Jürg Kuoni.

«Wieder lernen, was uns guttut»

Erholung bedeutet nicht für jeden das Gleiche. Während der eine lieber ein Buch liest oder ein Museum besucht, setzt der andere auf Sport. «Eigentlich hat der Mensch ein recht gutes Gespür dafür, was ihm gut­tut», sagt Kuoni, der nichts mit dem gleichnamigen ­Ferienanbieter zu tun hat. «Das Pro­blem ist bloss, dass wir wieder lernen müssen, unsere eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen.»

Wir reden uns ein, dass es uns nicht schadet, in den Ferien zu arbeiten, weil wir es ja gern tun. «Die ­Unterteilung in Eustress und Dis­stress, also in guten und schlechten Stress, ist für unseren Körper irrelevant», warnt aber Kuoni. «Die phy­sische Reaktion ist dieselbe, der Blutdruck steigt, es werden Stresshormone ausgeschüttet, die Atmung wird schneller. Auch wenn der Geist signalisiert, ­Bungee-Jumping, Downhillrennen oder Arbeit machten doch Spass, ist der Schaden im Körper schon lange angerichtet. Wenn wir uns zwischen den Stress­episoden nicht erholen können, entstehen Schäden.» Intervallstress ist gut, chronischer Stress da­gegen nicht.


New Brighton, England.
Quelle: Martin Parr/Magnum

Ferienzeit ist auch Trennungszeit

Es gibt noch einige andere ­Dinge, die Ferien zu den schlimmsten Wochen des Jahres machen können. Etwa Beziehungsstress. «Nicht nur die plötz­liche dauernde Nähe zum Partner führt zur relativ hohen Trennungsrate nach den Ferien», sagt Paarpsychologe Reinhard Felix aus Sursee LU. «Ferien sind auch ideal für das Auffliegen von gut gehüteten Geheimnissen.»

Der Mann lässt das Handy im ­Hotelzimmer liegen, die Frau kommt vom Strand zurück, um schnell die Sonnencreme zu holen, das Handy ­vibriert, und sie hat die heimliche ­Geliebte am Draht. «Oft versucht auch einer der Partner, ein Suchtproblem zu verheimlichen. Wenn es dann ans Licht kommt, ist die Stimmung natürlich ebenfalls auf dem Nullpunkt.»

Auch plötzliche Zweisamkeit kann auf die Befindlichkeit drücken. «Ehepaare, die die Brutpflege abgeschlossen haben und zum ersten Mal ohne Nachwuchs in die Ferien gehen, merken oft, dass ihnen die gemeinsamen Themen abhandengekommen sind», sagt Reinhard Felix. Kein Wunder! Wenn das Thema 20 Jahre lang die ­Erziehung war, vergisst man leicht, dass man auch noch ein Paar ist.

«Wir werden oft gefragt, was unser Geheimnis ist, dass wir so gut als Team funktionieren», sagt Margrit ­Jörger, die mit ihrem Mann Pius den Grossteil des Jahres auf dem Velo ­unterwegs ist. Mal geht es quer durch Afrika, mal durch China, über die ­ganze Seidenstrasse oder einfach nach Spa­nien und zurück. Einmal ­waren die beiden fünf Jahre lang unterwegs. «Wir kennen das Geheimnis auch nicht so recht, auch nicht nach 45 gemein­samen Jahren.»

Wichtig ist, dass man die Stärken, Schwächen und Vorlieben des anderen kennt. «Vor einer längeren Reise ­würde ich jedem Paar raten, zuerst einmal eine kürzere zu machen. Um zu sehen, wer bei Stress wie reagiert und wie man als Team funktioniert», sagt Margrit Jörger.

Tipps: So werden Ferien erholsam

  • Erwarten Sie nicht zu viel. Natürlich sieht im Katalog alles perfekt aus. Doch es gibt auch Regen, Stechmücken und Quallen.

  • Reden Sie ehrlich mit Partner und Familie. Nicht jeder stellt sich unter Erholung dasselbe vor. Der eine möchte ausschlafen, die andere früh biken gehen. Die eine freut sich auf Kultur, der andere auf den Liegestuhl. Manche wollen essen wie zu Hause, andere möglichst exotisch. Finden Sie schon vor den Ferien sinnvolle Kompromisse. Und: Wieso nicht allein Ferien machen?

  • Planen Sie, was Sie müssen, aber seien Sie bereit, davon abzuweichen. Manchmal erweisen sich Distanzen als länger, Strassen als schlechter, Orte als schöner, Hotels als schäbiger. Wer auf das Abhaken von geplanten Ausflügen verzichtet, kann sich viel Stress ersparen.

  • Wenn Sie Ihre Mails abarbeiten wollen: Vereinbaren Sie mit Mitreisenden und auch mit sich selbst Zeitfenster dafür. Kaum etwas wirkt weniger entspannt als Touristen, die in einer griechischen Hafentaverne sitzen, am Handy hängen und keine Augen für blau-weisse Boote haben. 

Viele Ferienprobleme liessen sich durch das richtige Mass an Kommu­nikation, Planung und Lockerheit verhindern. Wer bereits bei der Planung unterschiedliche Erwartungen berücksichtigt und das Programm entsprechend gestaltet, erspart sich viel Ärger. Und wer schon weiss, wie man vom Flughafen zum Hotel kommt, vermeidet vielleicht gar einen Ehekrach. Wenn hingegen die Flugverbindung nicht klappt oder der Jetlag quält, hilft oft nur eins: so cool wie möglich bleiben.

Oder: einfach aufhören zu planen. So machen es Chantal-Cleo Landis und ihr Mann Dusan Milakovic. Mit ihren vier Kindern zwischen drei und zehn Jahren gehen sie regelmässig auf lange Reisen durch exotische Länder. Mit den Kleinen 15 Stunden lang nach Costa Rica oder in die Dominika­nische Republik fliegen, das fremde Essen, die Hitze, die Zeitverschiebung und sechs Rucksäcke immer wieder ein- und auspacken: Das ist Stress pur, könnte man meinen. «Im Gegenteil», sagt Landis, «diese Wochen sind die besten überhaupt. Wir haben endlich genug Zeit miteinander, sehen viel Neues und geniessen ganz einfach den Augenblick.»

Wenn am Montag der Stress zurück ist

Doch wie kann das funktionieren? «Wir sind flexibel, haben keine festen Pläne, die dann durch den Jetlag, eine Magenverstimmung oder schlechte Laune sowieso über den Haufen geworfen werden», erzählt die 37-Jäh­rige. Sie seien langsamer unterwegs als ohne Kinder, dadurch aber auch viel entspannter. Es gebe eigentlich nur ­einen einzigen traurigen Moment: die Rückreise.

Ferienforscherin Jessica de Bloom stellte in ihrer Studie fest, dass viele nach der ersten Arbeitswoche wieder genauso gestresst waren wie vor den Ferien. Der Gesundheits­zustand bessere sich zwar zu Beginn der Ferien sehr schnell und sei am besten am achten Ferientag, verschlechtere sich aber schon vor Urlaubsende wieder und erreiche seinen Tiefpunkt am ­ersten Arbeitstag.

Dagegen gibt es zum Glück zwei Mittel: erst eine Weile in Erinnerungen schwelgen und dann möglichst schnell die nächsten Ferien planen.

Louvre, Paris.
Quelle: Martin Parr/Magnum

«Ferien sind kein Geschenk» – Das sagt das Gesetz

  • Ferien müssen der Erholung dienen, schreibt das Arbeitsrecht vor. Der Arbeitgeber muss mindestens zwei zusammenhängende Ferienwochen gewähren – ohne Unterbrechung durch Einsätze am Smartphone. Die Forderung nach ständiger Erreichbarkeit ist nicht erlaubt.

  • Das Obligationenrecht schreibt für Arbeitnehmer vier Wochen Ferien vor, für junge Mitarbeiter bis 20 fünf Wochen. Über 50-Jährige hingegen haben nicht automatisch Anspruch auf eine fünfte Woche, es sei denn, der Gesamtarbeitsvertrag regelt es so.

  • Im Gesetz heisst es: Den Zeitpunkt der Ferien bestimmt der Arbeitgeber. Er muss dabei aber so weit als möglich auf die Wünsche des Arbeitnehmers Rücksicht nehmen.

  • Ferien seien spätestens bis zum 31. März des Folgejahrs zu beziehen, heisst es oft im Vertrag. Das ist ungültig. Die Verjährungsfrist beträgt zwar fünf Jahre. So weit kommt es aber nicht, weil immer die ältesten Ferienguthaben getilgt werden.

  • Ferien sind kein Geschenk, sie dienen der Erholung des Arbeitnehmers. Sie müssen als Ferien bezogen werden und nicht für andere Jobs. Wird man während der Ferien krank, kann man die ausgefallenen Ferientage nachholen, wenn man ein Arztzeugnis hat.

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Veröffentlicht am 05. Juli 2016