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Katzen «Die Büsi werden in die Güllengrube geworfen»

 «Die Büsi werden in die Güllengrube geworfen»
Absolute Notlösung: Susann Schmid hat eine ausgesetzte Katzenfamilie vorübergehend aufgenommen. Bild: Nadja Schärli

Susann Schmid setzt sich in der Innerschweiz dafür ein, dass Katzen kastriert werden. Das erspart vielen einen qualvollen Tod.

aktualisiert am 2017 M11 10

Aufgezeichnet von Andrea Haefely

Jedes Jahr werden in der Schweiz etwa 100'000 Kätzchen getötet, weil sie unerwünscht zur Welt kamen. Sie werden in die Güllengrube geworfen, erschossen, ertränkt oder erschlagen. Manchmal sogar mit dem Hammer wie bei dem Bauern, dessen Fall kürzlich durch die Presse ging. Er zog es vor, die Tiere zu töten, statt sie kastrieren zu lassen. Das habe man immer so gemacht. Diesen Satz höre ich nicht nur von Senioren, sondern auch von Jungen.

Weil die Tiere bei diesen Tötungen oft sehr leiden, setze ich mich bei der Tierschutzorganisation NetAP für die Kastration ein. Wir lassen herrenlose und verwilderte Katzen auf unsere Kosten behandeln und kastrieren. Zudem haben wir eine Petition für eine Kastrationspflicht lanciert. 139 Tierschutzorganisationen stehen dahinter, mehr als 80'000 Personen haben die Petition bereits unterschrieben.

Das Auge hing ihm aus der Höhle

Bei meiner Tierschutzarbeit habe ich schon viel Schlimmes gesehen. Wir bergen Katzen in miserablem Zustand aus Schrebergärten, von Fabrikarealen und Bauernhöfen. Erst kürzlich fand ich auf einem Biohof ein acht Wochen altes Kätzchen, bei dem ein Auge aus der Höhle hing. Ich brachte es sofort zum Tierarzt. Das Kätzchen konnte zwar gerettet, das Auge musste aber amputiert werden.

Es gibt aber auch viele Bauern, die ihre Katzen vorbildlich halten und uns sogar verwilderte Tiere abnehmen. «Mir kann nichts Besseres passieren, als von euch einen zusätzlichen Mauser zu bekommen. Und erst noch geimpft und kastriert», hören wir dann. 

Schwierige Zustände finden wir quer durch alle Bevölkerungsschichten und Landstriche. Vor kurzem wurden wir von einer Luzerner Gemeinde um Hilfe gebeten. Eine 86-Jährige hielt mitten im Dorf unzählige Katzen. Wie viele es waren, wusste sie selbst nicht. Es waren 36! Alle unkastriert. Zu fressen gabs für sie Reis und Teigwaren.

Die Frau wollte ihre Katzen nicht kastrieren lassen. Ihre Begründung: «Babykätzchen sind so herzig.» Dieser Art von Egoismus begegnen wir oft. Den Leuten geht es gar nicht um die Lebewesen, die sie «so herzig» finden. Von übertriebener Tierliebe kann man nicht sprechen, nur von übertriebener Selbstsucht.

Mehr Nachwuchs wegen Klimawandel

Wenn so viele Katzen freilaufend gehalten und womöglich auch noch schlecht gefüttert werden, wandern sie oft weiter. Besonders gern zum nächsten Bauernhof. Dort gibt es Mäuse, Milch und manchmal auch Futter vom Bauern. Und im Heu ist es erst noch warm und kuschelig. Auf einem Hof haben wir vor zwei Jahren alle 15 Katzen kastriert. Jetzt sind dort schon wieder etliche unkastrierte Tiere, die dem Bauern zugelaufen sind.

Unter den Vermehrern, so nennen wir die Leute, die unkontrolliert Katzen «produzieren», gibt es auch solche, die es wegen des Geldes machen. Katzen gebären in der Regel zweimal jährlich, wegen des Klimawandels mittlerweile manchmal sogar dreimal. Die hübschen Katzenbabys werden – meist ungeimpft und verwurmt – für bis zu 100 Franken verkauft. Die überzähligen werden getötet oder sich selbst überlassen. Sie gehen dann an Krankheiten oder Parasiten ein, werden überfahren oder vom Fuchs gefressen. 

Auch die Katzen, die so viele Würfe haben, sind oft krank. Das ist nicht verwunderlich. Es ist, als bekäme eine Frau jedes Jahr ein Kind. Da leidet der Körper massiv.

Ich treffe auch auf viel Unwissen. Nach wie vor geistert das Vorurteil herum, dass kastrierte Katzen nicht mausen. Oder dass sie es nicht tun, wenn man sie füttert. Beides ist völliger Blödsinn. 

«Ein junger Bauer mit einem topmodernen Hof wollte wissen, ob man Katzen überhaupt füttern müsse.»

Susann Schmid, Tierschützerin

Ein Bauer fragte mich kürzlich, wieso seine Katze so mager sei. Sie hatte vier Junge. Ich fragte, was er ihr zu fressen gebe. Er sagte: «Altes Brot.» Und ein junger Bauer mit einem topmodernen Hof wollte wissen, ob man Katzen überhaupt füttern müsse. «Natürlich», sagte ich, «und erst recht im Winter. Die Mäuse rennen ja nicht im Schnee herum.» 

Er regte sich auch darüber auf, dass die Katzen im Winter ins Heu machen. Ist ja klar, wenn draussen alles gefroren ist – Katzen sind sehr reinlich und scharren ihren Kot gern zu. Das geht auf gefrorenem Boden nun mal nicht. Ich habe ihm dann geraten, ein oder zwei Katzenkistchen aufzustellen – und siehe da, sein Problem war gelöst. Am liebsten würde ich in der Landwirtschaftsschule einen Crashkurs in Sachen Katzenhaltung auf Höfen anbieten.

Bei der Katzenhalterin im Luzernischen haben wir übrigens alle Katzen eingefangen und kastriert. Vier durfte sie behalten, die restlichen haben wir platziert.

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Matthias Pflume, Mitglied der Chefredaktion

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