Zur Person

Denise Efionayi-Mäder ist Migrationsforscherin an der Universität Neuenburg und hat eine Studie des Staatssekretariats für Migration über die Kosovaren in der Schweiz mitverfasst. (Bild: PD)

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Beobachter: Im Jahr 2014 wurden von 1000 Schweizern sechs verzeigt, bei den Kosovaren 18, also dreimal so viel…
Denise Efionayi-Mäder: Dieser Vergleich ist verzerrt.

Beobachter: Weshalb?
Efionayi-Mäder: Unter anderem weil junge Männer nachweisbar öfter kriminell sind als andere Bevölkerungsgruppen. Und da es im Vergleich zu den Schweizern mehr junge Männer in der kosovarischen Bevölkerung hat, ist die Statistik verzerrt. Um wirklich aussagekräftige Zahlen zu haben, muss man die Kriminalitätsrate von jungen männlichen Schweizern und jungen Albanern vergleichen. Und da ist der Unterschied eindeutig weniger gross.

Beobachter: Aber immer noch vorhanden.
Efionayi-Mäder: Ja, das muss man auch nicht verschweigen. Auch deshalb, weil transnationale Gruppen allgemein eher kriminell werden. Das ist ein Umstand, den Kriminelle ausnutzen können.

Beobachter: Gibt es noch weitere Faktoren, die die Kriminalstatistik verzerren?
Efionayi-Mäder: Viele. Teilweise sind in der Statistik Kriminaltouristen enthalten, die lediglich vom Balkan ein paar Tage in die Schweiz kommen, um zu klauen oder zu dealen. Hinzu kommt, dass diejenigen Kosovarinnen und Kosovaren, die tendenziell am besten inte­griert sind, eingebürgert werden – und deshalb aus der Statistik fallen. Zudem werden Menschen vom Balkan häufiger von der Polizei kontrolliert.

Beobachter: Sind Kriminalstatistiken demnach nichtssagend?
Efionayi-Mäder: Wenn man damit etwas über die gesamte kosovarische Wohnbevölkerung sagen will: ja. Und ich finde es unverantwortlich, wenn die Medien solche Zahlen ungefiltert wiedergeben.

Beobachter: Solche Zahlen zeigen doch Trends auf, die für die Bevölkerung von grossem ­Interesse sind.
Efionayi-Mäder: Unser Land versucht, transparent zu sein. Eigentlich lobenswert. Aber die Medien müssten Statistiken unbedingt aufbereiten und erklären, nicht nur nackte Zahlen publizieren.

Beobachter: Sollten Medien die Nationalität nennen, wenn jemand eine Straftat begeht?
Efionayi-Mäder: Nein, ausser diese hat etwas mit dem Delikt zu tun. Wenn die Polizei etwa jemanden verhaftet, der Teil einer Gang aus einem bestimmten Land ist.

Beobachter: Weshalb nur in solchen Fällen?
Efionayi-Mäder: Weil die Staatsangehörigkeit sonst kein aussagekräftiges Merkmal ist. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Na­tionalität und Kriminalität. Man weiss zwar, dass Leute aus gewaltversehrten Gebieten, die Krieg erfahren haben, eher gewisse Delikte begehen – etwa Raufhandel. Aber es gibt wissenschaftlich keine Hinweise, dass ge­wisse Nationalitäten krimineller sind als andere. Deshalb ist der Herkunftsstaat so wenig relevant wie die Körpergrösse. Die steht ebenfalls in Beziehung mit der Kriminalitätsrate, weil Männer grösser sind als Frauen.

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«Die Medien müssten Statistiken unbedingt aufbereiten und erklären, nicht nur nackte Zahlen publizieren.»

Denise Efionayi-Mäder, Migrationsforscherin

Beobachter: Trotzdem ist es für die Bevölkerung wichtig zu wissen, wer genau kriminell ist.
Efionayi-Mäder: Natürlich. Aber die Zeitungen könnten eher etwas über das Alter des Täters sagen oder über seine finanzielle Situation. Denn Leute aus einer niedrigen sozioökonomischen Schicht werden eher kriminell. Die Nationalität zu nennen zementiert lediglich Vorurteile.

Beobachter: Warum beharren viele Medien darauf?
Efionayi-Mäder: Weil die Staatsangehörigkeit für uns ein wichtiges und einfaches Unterscheidungskriterium ist. Wir schauen aber zu viele Phänomene durch die Brille der Nationalität an. Das erlaubt lediglich, Probleme auszugrenzen, und erklärt sie nur vermeintlich.

Beobachter: Haben wir ein falsches Bild von ­Kriminalität in der Schweiz?
Efionayi-Mäder: Der Grossteil der Bevölkerung schon. Bestes Beispiel: Rund 75 Prozent der Gefängnisinsassen sind ausländische Staatsangehörige. Diese nackte Zahl würde mich auch erschrecken, wenn ich sie zum ersten Mal hören würde. Aber Schweizer wandern beispiels­weise bei gleichem Tatbestand seltener ins Gefängnis, weil sie weniger fluchtgefährdet sind. Bei den ausländischen Inhaftierten hat zudem ein beträchtlicher Teil keinen Wohnsitz in der Schweiz. Genau solche Zusammenhänge werden in der Öffentlichkeit ­leider kaum zur Sprache gebracht.

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Autor: Jessica King
Bild: Thinkstock Kollektion
Karte: Beobachter/AS; Quelle: Stratfor.com