Der junge Bo Katzman will das pralle Leben spüren. 20 Jahre alt ist er damals. Es ist ein sonniger Tag, über den Feldern flirrt die Sommerluft, ideales Wetter, um seine Yamaha DS-7 auszuführen. Er dreht die Maschine in den roten Bereich, spielt in den Kurven mit den Grenzen der Schwerkraft, geniesst die Angstlust, wenn die Schultern fast den heissen Asphalt berühren. Dann, hinter ­einer Biegung, ein Stau. Katzman knallt ungebremst ins letzte Fahrzeug der Ko­lonne. Für Sekunden ist es still.

«Ich wusste sofort, jetzt hat meine letzte Stunde geschlagen. Verzweifelt fragte ich mich: Wieso ich? Warum schon jetzt? Mich packte erst eine grosse Wut. Doch dann schickte ich mich in mein Schicksal, eine ­erlösende Ruhe breitete sich aus. Ich fühlte mich unbeschreiblich glücklich, geborgen, sah mein Leben an mir vorbeiziehen. Am Ende meines Lebensfilms versank ich in eine tiefe Bewusstlosigkeit.»

 

«Ich habe gehört, was der Chirurg denkt.»

«Jetzt bin ich tot»

Katzman ist schwer verletzt. Die Rippen sind gebrochen, die Leber gerissen, die Milz gequetscht. Er hat innere Blutungen, verliert literweise Blut. Mit Blaulicht fährt ihn die Ambulanz ins Spital.

«Ich war bei klarem Bewusstsein. Mein ­Körper lag auf dem Operationstisch. Ich schwebte an der Decke und sah meine sterbliche Hülle daliegen. ‹Jetzt bin ich tot›, ­wurde mir schlagartig bewusst. Ich war nicht traurig oder wehmütig. Es war in Ordnung. Ich hörte klar und deutlich, wie der operierende Professor rief: ‹Jetzt hat es ihm die Pumpe abgestellt! Bringen Sie ­sofort den Elektroschock-Apparat.› Ich schwebte auf den Professor zu, um ihm zu sagen, dass er aufhören könne, mich zu behandeln, ich sei tot. Ich versuchte seinen Arm zu packen, doch ich fuhr einfach durch ihn hindurch. Ich war Teil geworden einer Sphäre, in der das gesamte Wissen des Universums gespeichert war. Wie ein Wassertropfen, der ins Meer fällt. Ich wusste die Antworten auf alle ­Fragen.»

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Katzman überlebt. Doch sein Erlebnis während der Operation lässt ihn nicht los. Als sich die Gelegenheit ergibt, fragt er den Chirurgen, ob während der Operation ­etwas schiefgelaufen sei. Die Antwort verblüffte ihn. «Erst zierte sich der Professor ein wenig. Dann gab er zu, dass mein Herz für eine kurze Zeit zu schlagen aufgehört hatte. Ich wiederholte den Satz mit der Pumpe und fragte ihn, ob er das tatsächlich gesagt habe. Er dachte einen Augenblick nach. Dann nickte er.»

Hört das Herz auf zu schlagen, kommt es zu einem Kreislaufstillstand. Mediziner sprechen dann vom klinischen Tod. Werden innert Minuten Gegenmassnahmen ergriffen, gelingt es manchmal, das ­Leben des Patienten zu retten. Einige Patienten berichten nach der Reanimation von ­klaren Bewusstseinserlebnissen, wie auch Katzman sie erfahren hat. Medizinisch ­gesehen eigentlich eine Unmöglichkeit. Rund 15 Sekunden nach dem Herzstillstand fallen die Hirnströme aus. Elek­trische Aktivität im Gehirn aber ist nach heutigem Wissensstand Voraussetzung für ein funktionierendes Bewusstsein.

Für diese Art von Erlebnissen prägte Raymond A. Moody den Begriff der Nah­toderfahrung und machte ihn 1975 in seinem Buch «Leben nach dem Tod» einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Der amerikanische Philosoph und Psychiater beschrieb darin die Erfahrungen von rund 150 ­Menschen, die klinisch tot gewesen ­waren und dann doch weiterlebten. Moody fand heraus, dass sich die Erlebnisse der Betroffenen in vielerlei Hinsicht ähnelten. So beschrieb er als typische Elemente einer Nahtoderfahrung das sichere Gefühl, tot zu sein, das Empfinden von Ruhe, völlige Schmerzfreiheit, das Ablaufen eines Lebensrückblicks und die Erfahrung, seinen Körper zu verlassen.

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Die meisten Mediziner sind skeptisch

Knapp 40 Jahre nach Erscheinen von Moodys Buch polarisieren Nahtoderfahrungen noch immer. Mediziner stehen dem Phänomen meist skeptisch bis ablehnend gegenüber. Nicht zuletzt aus Angst um ihren wissenschaftlichen Ruf. Wer dieses Gebiet erforscht, braucht ein dickes Fell, einen ­gesunden Selbstbehauptungswillen und geistige Unabhängigkeit.

Wie Jean-Pierre Postel. Der franzö­sische Chefanästhesist aus Sarlat in der Dordogne hat rund 40 Jahre in verschie­denen Spitälern dafür gesorgt, dass die ­Patienten von der Operation nichts mit­bekommen. Anfeindungen brauchen ihn nicht mehr zu kümmern. Jetzt möchte er den Beweis erbringen, dass Menschen während einer Nahtoderfahrung zu Wahrnehmungen fähig sind, die nach dem ­geltenden physikalischen Weltbild nicht erklärbar sind.

Postels Werkzeuge sind erstaunlich einfach. Es sind verschlossene Briefumschläge und hermetisch verschlossene Boxen, in denen sich Bildschirme befinden, die er in den Operationssälen versteckt. In den ­Umschlägen befinden sich Zahlencodes, die Bildschirme zeigen Piktogramme. Um ­welche Zahlencodes und Piktogramme es sich genau handelt, weiss nur der Notar, der sie versiegelt. Postel geht davon aus, dass ­Patienten während einer Nahtod­erfahrung vielleicht Interesse an den Karten und Piktogrammen haben könnten. Kennen sie nach einer geglückten Reanimation die Codes und Piktogramme, wäre der wissenschaftliche Beweis erbracht, dass Menschen während einer Nahtod­erfahrung tatsächlich über bisher nicht ­erklärbare Fähigkeiten verfügen.

Postel arbeitet seit 2008 an diesem Projekt, doch konkrete Resultate kann er bislang nicht vorlegen. «Methodologisch sind diese Untersuchungen sehr schwierig. Aus­serdem hatten wir in dieser Zeit nur fünf Patienten mit einer Nahtoderfahrung», sagt Postel.

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Immer wieder haben Forscher versucht, die paranormalen Befähigungen von Nahtodbetroffenen nachzuweisen. Es gibt eine Vielzahl anekdotischer Berichte von reanimierten Patienten, bei denen während der Operation alle messbaren Herz- und Hirnfunktionen ausgefallen waren und die nach dem Erwachen trotzdem erstaunliche Details über das Operations­geschehen wiedergeben konnten.

Die amerikanische Nahtodforscherin Janice Holden hat die in der einschlägigen Literatur beschriebenen Fälle und Studien zu aussersinnlichen Wahrnehmungen von Nahtodbetroffenen durchforstet, kommt aber zu einem eher ernüchternden Urteil. Zwar gebe es Fälle, bei denen es starke Hinweise auf die Möglichkeit einer solchen Wahrnehmung gebe. Jedoch habe keine der insgesamt fünf unter kontrollierten ­Bedingungen durchgeführten Studien zu einem positiven Resultat geführt. Doch die Nahtodforscher geben nicht auf. Seit 2008 läuft unter der Bezeichnung Aware die ­bislang grösste Untersuchung, an der sich 25 Spitäler beteiligen, unter anderem in den USA, in Grossbritannien und Österreich. Resultate soll es erst 2014 geben.

Nahtoderlebnisse scheinen einen Blick zu gewähren auf das, was nach dem Tod kommt. Gibt es ­eine Seele, gibt es ein ­Jenseits? Solche Fragen treiben die Menschheit seit je um. Die ­religiösen und mythischen ­Konzepte dazu scheinen in allen Kulturen und Zeiten einem tiefen menschlichen Bedürfnis zu ­entspringen. Noch nie konnte sich der Mensch mit der ­Endgültigkeit des Todes abfinden. 

Quelle: Luxwerk &nbsp
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Künstliche ausserkörperliche Erfahrungen

Fehlt also den Nahtoderfahrungen jeg­licher übernatürliche Aspekt? Zumindest Roland Meier* ist fest dieser Überzeugung. Im Gokyo-Tal unterhalb des Mount Everest erwischte die Höhenkrankheit den Berner Trekkingfan. Eine tödliche Bedrohung. Das einzige Mittel dagegen ist der Abstieg in tiefere Lagen.

Meier bekommt Kopfschmerzen, ihm wird übel. Gegen Abend verschlimmert sich sein Zustand. Das Blut hämmert ­gegen seine Schläfen, er muss erbrechen. Doch für den Abstieg ist es zu spät, die Gruppe ist auf 4500 Metern gefangen. In der Nacht macht Meier eine verstörende Erfahrung.

«Es war kalt in der Hütte. Trotzdem ­schwitzte ich wie in der Sauna. Mir ging es sehr schlecht. Ich wollte unter keinen Umständen einschlafen, weil ich Angst hatte, nicht mehr zu erwachen. Kurz nach Mitternacht habe ich mich auf einmal von oben auf dem Bett liegen sehen. Ich schwebte knapp unter der Decke, sah hinunter auf meinen Körper und wusste: Der da unten bin ich. Es war ein schönes Gefühl, ich ­spürte überhaupt keine Schmerzen und war im Frieden mit mir.

Ich habe mit vielen Leuten über meine Erfahrung geredet. Einige sagten mir, ich sei im Jenseits gewesen und wieder zurück­gekommen. Ich sehe das anders. Es ist wohl so, dass ich da oben in Lebensgefahr war. Aber ich glaube nicht, dass ich etwas Übernatürliches erlebt habe. Es war einfach ein Fieberwahn.»

Die Ergebnisse eines Westschweizer Forscherteams um den Neurologen Olaf ­Blanke scheinen Meiers Sicht zu stützen. Den Forschern gelang es, ausserkörper­liche ­Erfahrungen künstlich auszulösen. Eine 43-jährige Patientin litt unter epileptischen Anfällen, die medikamentös nicht in den Griff zu bekommen waren. Die Ärzte suchten nach dem anfallauslösenden Zentrum. Dabei reizten sie über implantierte Elektroden verschiedene Hirnareale. Plötzlich hatte die Patientin das Gefühl, sie ­sinke oder falle. Als die Ärzte die Stromstärke erhöhten, sagte die Patientin, sie ­sehe sich von oben im Bett liegen. «Offensichtlich hatten wir ein Areal gefunden, dessen Aktivität direkt mit der ausserkörperlichen Erfahrung zusammenhängt», sagt Neurologe Lukas Heydrich. Dieses Areal gehört zu jenen Hirnregionen, die bei einem Herzstillstand früh nicht mehr durchblutet werden. Für seine Forschungen erhielt Heydrich zusammen mit einem Teamkollegen den Forschungspreis 2012 der Schweizerischen Hirnliga.

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Der Nachwuchsforscher referiert seine Ergebnisse auch an Konferenzen. Dabei macht er die Erfahrung, dass viele Menschen mit Nahtoderfahrung sich gegen ­seine Erkenntnisse sperren. Heydrich ficht das nicht an, diese Reaktion sei legitim. Er akzeptiert sehr wohl, dass diese Menschen subjektiv gesehen eine sehr intensive Erfahrung gemacht haben. «Bloss glaube ich als Naturwissenschaftler nicht an ihren ­objektiven Gehalt.»

Nahtoderfahrung bloss ein Mythos?

Noch einen Schritt weiter geht der Leipziger Neurologe Birk Engmann. Der Autor des 2011 erschienenen Buchs «Mythos Nahtoderfahrung» lehnt schon den Begriff als unwissenschaftlich ab. Er bezeichne nicht nur erlebte Phänomene, sondern ­benenne vorschnell die Ursache und suggeriere ein Wissen um Vorgänge an der Schwelle zum Tod. Alle der Nahtoderfahrung zugerechneten Phänomene wie Verlassen des Körpers, Lichtmuster, Gang durch ­einen Tunnel oder Ablaufen eines ­Lebensfilms kämen auch bei anderen Körperzuständen vor, etwa Migräne, Epilepsie, Stress, Trance, bei Psychosen oder Drogenkonsum. Engmann: «Unser Hirn kann unter völlig verschiedenen Umständen dieselben Erfahrungsqualitäten hervorrufen.»

Auch für die persönliche Färbung vieler Nahtodberichte hat der Neurologe eine Erklärung: «Sobald Betroffene ihre Erlebnisse rekonstruieren, interpretieren sie damit auch.» Dabei würden Gedächtnisinhalte mit Emotionen, mit früher Erlebtem, ak­tuellen Ereignissen, Wünschen und un­bewussten Vorgängen abgeglichen. Betroffene schilderten also nicht direkte Erlebnisse in Todesnähe, sondern gestalteten Ein­drücke je nach kultureller, religiöser und biographischer Prägung aus.

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Mit diesen Aussagen kann Frederico Güdel nichts anfangen. Seit Jahren ver­suche die Wissenschaft zu erklären, was ihm und anderen Menschen zugestossen sei. Für den 63-jährigen Unternehmer aus Nottwil steckt hinter diesem Anspruch nichts als Vermessenheit. Nie werde man eine Nahtoderfahrung angemessen in Zahlen und Worte fassen können.

Güdel erkrankt nach einer Operation an einer Blutvergiftung. Tagelang liegt er auf der Intensivstation, an der Schwelle zum Tod.

«Meine Ärzte diskutierten angeregt neben meinem Bett. Plötzlich zog es mich weg, ­hinein in eine Seilbahn. Ich war allein in dieser Gondel, die durch eine Nebeldecke langsam aufwärtsschwebte. Ich hatte keine Ahnung, was mir geschieht. Ich war einfach da und staunte hinaus ins Licht, das immer heller und intensiver wurde.

Vom einen zum anderen Moment fand ich mich in einem Tunnel wieder, an dessen Ende ein noch viel intensiveres Licht strahlte. Liebe und Geborgenheit umgaben mich. Auf der linken Seite entdeckte ich eine Art Schaltkasten mit zwei Knöpfen. Ich öffnete den Deckel, drückte einen Knopf, in diesem Augenblick ging es wieder nach unten. Das intensivste und zugleich auch schmerzhafteste Erlebnis war jener Moment, in dem ich wieder in meinen kranken Körper eintrat. Während meines ausserkörperlichen Erlebnisses hatte ich endlich keine Schmerzen mehr. Nun tat wieder alles weh.»

Vor seiner Nahtoderfahrung war Güdel «ein Wirtschaftsmensch», leistungsorientiert, im festen Glauben, ohne ihn gehe es nicht. Das habe sich schlagartig geändert. Heute will Güdel nicht mehr andauernd leisten. Er hat seine Arbeitszeiten reduziert, stellt auch im Geschäftsleben den Menschen in den Mittelpunkt. Als Mensch sei er nachdenklicher geworden.

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Sein Wandel ist typisch für Menschen mit Nahtoderfahrung. «Das Erlebnis ist überwältigend. Wenn man es selbst nicht durchgemacht hat, macht man sich keine Vorstellung von der Tragweite und den tiefgreifenden Konsequenzen, die das bestehende Weltbild völlig auf den Kopf stellen», sagt Pim van Lommel. Der niederländische Kardiologe gehört weltweit zu den führenden Nahtodforschern (siehe nachfolgendes Interview). Er sorgte 2001 mit einer Studie für Furore, die er in der renommierten Fachzeitschrift «Lancet» publizierte.

 

«Ich spürte Leichtigkeit, Harmonie und Liebe.»

Teuer bezahlte Lebenserkenntnis

Die Studie ergab, dass Nahtodbetroffene nach ihrer Erfahrung dem Leben grössere Wertschätzung und Sinnhaftigkeit zumessen. Äusserlichkeiten wie teure Autos, ein grosses Haus oder eine prestigeträchtige oder einflussreiche berufliche Stellung verlieren an Bedeutung. «Die Nahtoderfahrung erweist sich als eine Lebenserkenntnis-Erfahrung», so van Lommel.

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Die Lebenserkenntnis muss mitunter teuer bezahlt werden. Die Betroffenen brauchen gemäss van Lommel durchschnittlich sieben Jahre, bis sie ihre Erfahrung sinnvoll ins eigene Leben integrieren können. Doch es kann auch länger gehen, weil der Integrationsversuch im Umfeld der Betroffenen oft Widerstände hervorruft. Als äusserst frustrierend wird erlebt, wenn ein Austausch mit dem medizinischen Personal nicht möglich ist. Aus Furcht vor Zurückweisung hüten die Betroffenen ihre Erfahrung wie ein Geheimnis. «Ich bin Menschen begegnet, denen es erst nach 50 Jahren gelungen war, über ihre Nahtoderfahrung und deren Konsequenzen zu sprechen», sagt van Lommel.

 

«Wenn ich hätte wählen können, ich wäre im Licht geblieben.»

«Es hat mich ins Licht katapultiert»

Wie Nicole Züllig. Mit 16 Jahren erleidet die Zürcher Psychotherapeutin einen anaphylaktischen Schock, eine lebensbedrohende allergische Reaktion. Was Züllig in den ­darauffolgenden Minuten erlebt, wird das Leben der heute 62-Jährigen entscheidend prägen. Doch über den Grund ihrer Lebensveränderung schweigt Züllig fast 20 Jahre. Aus Angst, für verrückt erklärt zu werden.

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«Es hat mich ins Licht katapultiert. Es war überwältigend, ich wurde selber Licht, bin mit ihm verschmolzen. Die Sprache hat ­keine Worte für eine solche Erfahrung. Sie bleibt ein Leben lang im Gedächtnis ein­gebrannt. Als die Ärzte mich reanimierten, fühlte es sich an, als würde ich in einen Körper zurückgepresst, der viel zu klein war. Es war schmerzhaft, ich wollte nicht zurück in diesen Körper, der an Schläuchen hing und krank war. Nach der Operation war mir ­sofort klar, dass ich diese Erfahrung mit ­niemandem würde teilen können.

Um das Erlebte besser zu verstehen, stu­dierte ich Psychologie und doktorierte sogar zum Thema Nahtoderfahrungen. Der Tod hat für mich seinen Schrecken verloren, wir müssen vor ihm keine Angst haben. Ob unsere Seele im Jenseits weiterlebt, weiss ich nicht. Es gibt aber sicher ein Leben nach dem Tod in dem Sinn, dass man zurückgeht zur universellen Kraft und wieder Teil wird des Göttlichen. Das ist so schön, dass man es nicht beschreiben kann. Ich sehe das jetzt als meine Aufgabe an, die Botschaft weiterzuverbreiten: Die Liebe ist das Wichtigste, wir sollten alle versuchen, Verbindungen und Offenheit füreinander zu schaffen.»

Können Nahtoderfahrungen blosse Halluzinationen sein? Und können Halluzinationen Anlass genug bieten für radikale Lebensveränderungen? So zumindest sehen es Wissenschaftler, die paranormalen Phänomenen kritisch gegenüberstehen. Für sie basieren Nahtoderfahrungen auf Hirnstörungen, bedingt entweder durch Sauerstoffmangel, einen zu hohen CO2-Anteil im Blut, durch Nebenwirkungen von Narkosemitteln oder durch körpereigene Substanzen wie Endorphin oder DMT, das das ­visuelle Erleben verändert.

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Doch für Forscher wie Postel, Moody und andere greifen diese Erklärungen zu kurz. Für sie sind wir von einem korrekten Verständnis des Phänomens noch weit entfernt. So sagt der Kardiologe van Lommel: «Wie jemand ein klares Bewusstseinserleben ausserhalb des Körpers haben kann, während das Gehirn zeitweilig nicht mehr funktioniert, ist nach wie vor ein Rätsel.»

*Name geändert

Für den Kardiologen Pim van Lommel ist das ­Bewusstsein ­grenzenlos. ­Unser Gehirn hat bloss eine vermittelnde Funktion. Interview: Gian Signorell

Quelle: Luxwerk &nbsp

Beobachter: Pim van Lommel, kann der Geist ohne den Körper existieren?
Pim van Lommel: Ich rede nie von Geist, ­sondern von Bewusstsein. Geist ist wissenschaftlich gesehen kein genau definierter Begriff. Unsere Forschungen haben er­geben, dass 18 Prozent der Patienten, die auf der Intensivstation einen Herzstillstand erlitten, die Erfahrung eines erhöhten Bewusstseins machten.

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Beobachter: Was verstehen Sie darunter?
van Lommel: Die Patienten erinnerten sich an ihre Kindheit. Viele hatten Wahrnehmungen ausserhalb ihres Körpers und konnten ihrer Reanimation zuschauen.

Beobachter: Was ist daran bemerkenswert?
van Lommel: Wenn das Herz stillsteht, fällt die Atmung aus. Der Pupillenreflex und andere Reflexe funktionieren nicht mehr. Die Kurve der Hirnstrommessung wird nach 15 Sekunden komplett flach, die Hirnströme kommen zum Erliegen. Menschen mit Herzstillstand haben keine Hirnfunktion mehr und trotzdem ein erhöhtes Bewusstsein.

Beobachter: Ein Fehlschluss, sagen Ihre Kritiker. Die ­vermeintlichen Nahtoderfahrungen seien in Wirklichkeit das Resultat einer Restaktivität des Gehirns, die sich in seinen Tiefen abspiele und deswegen nicht messbar sei.
van Lommel: Diese Argumentation zielt am Kern der ­Sache vorbei. Es geht nicht darum, ob es vielleicht irgendwo im Gehirn noch irgendeine Form nicht messbarer Aktivität geben könnte, sondern darum, ob die ­spezifischen Formen von Gehirnaktivität vorhanden sind, die nach Auffassung der modernen Neurowissenschaften für eine bewusste Erfahrung notwendig sind. Gerade diese spezifischen Formen der Gehirnaktivität lassen sich bei Patienten mit Herzstillstand nicht mehr erkennen.

Beobachter: Am ehesten überzeugen Sie Skeptiker mit ­Berichten von Fällen, in denen Menschen ­während ­ihrer ­Nahtoderfahrung aussersinnliche Wahrneh­mungen hatten. So verfügten diese Leute nach der ­Operation über ­Informationen, die sie ­eigentlich gar nicht haben konnten.
van Lommel: Ich habe den Fall eines 44-Jährigen dokumentiert, der mit einem Herzstillstand ins Spital eingeliefert wurde. Die Ärzte begannen mit der Reanimation, eine Krankenschwester nahm ihm sein künstliches Gebiss aus dem Mund, um einen Beatmungsschlauch einzuführen. Der Mann über­lebte. Als er die Krankenschwester eine Woche später wiedersah, konnte er ihr ­genau beschreiben, in welcher Schublade sie sein Gebiss verstaut hatte. Die Krankenschwester war überrascht, denn zu diesem Zeitpunkt war der Mann tief im Koma gewesen und die Wiederbelebung in vollem Gang. Es war offenkundig, dass der Mann sich selbst im Bett hatte liegen sehen und dass er wahr­genommen hatte, wie die Krankenschwester und die Ärzte mit seiner Wiederbelebung beschäftigt waren. Er war sogar in der Lage, korrekt und detailliert sowohl den kleinen Raum zu beschreiben, in dem er wieder­belebt wurde, als auch die Anwesenden.

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Beobachter: Ein Westschweizer Forscherteam kann ausserkörperliche Erfahrungen künstlich herstellen. Das zeigt doch, dass es sich dabei schlicht um Fehlfunktionen des Gehirns handelt?
van Lommel: Sie sprechen die Experimente von Olaf Blanke und Lukas Heydrich an. Doch die beiden haben nur eine körperliche Illusion geschaffen und keine ausserkörperlichen Erfahrungen.

Beobachter: Wo liegt da der Unterschied?
van Lommel: Bei ausserkörperlichen Erfahrungen nehmen die Betroffenen Dinge wahr, die sie eigentlich nicht wahrnehmen können. Das ist wissenschaftlich bedeutsam, weil Ärzte, Krankenschwestern und Angehörige diese berichteten Wahrnehmungen veri­fizieren können. Bei der körperlichen Illusion hat man lediglich das Gefühl, ausserhalb seines Körpers zu sein.

Beobachter: Angenommen, das Bewusstsein ist nicht an ein funktionierendes Hirn gebunden. Welchen Zweck erfüllt Ihrer Meinung nach das Gehirn?
van Lommel: Das Gehirn hat eine vermittelnde statt ­einer produzierenden Funktion für das Erleben von Bewusstsein. Das Fernsehgerät stellt die ausgestrahlten Programme ja auch nicht her, sondern empfängt sie nur. Ähnlich ist es mit dem Gehirn. Die Hirnfunktion sollte mit einem Übermittler- und Empfangsmodul verglichen werden. Das Bewusstsein aber ist nichtlokal und immer vorhanden, ähnlich wie die von den Fernsehsendern ausgestrahlten elektromagnetischen Wellen immer da sind, unabhängig davon, ob sie von einem Fernseher empfangen werden oder nicht.

Beobachter: Wer macht dann das Programm?
van Lommel: Wie gesagt: Das Bewusstsein ist nichtlokal, ohne Zeit und Raum, ohne Anfang und ­Ende. Es gibt kein Programm, denn alles ist jederzeit als Möglichkeit vorhanden. Wir Menschen haben möglicherweise Zugang zu diesem erweiterten und nichtlokalen Bewusstsein, beispielsweise während einer Nahtoderfahrung.

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Beobachter: Erhascht also jemand, der eine Nahtod­erfahrung macht, einen Blick ins Jenseits?
van Lommel: Ich sage niemals Jenseits, sondern spreche von erweitertem Bewusstsein. In diesem Zustand ist alles mit allem verbunden. Man fühlt sich eins mit dem grossen Ganzen, kommuniziert unabhängig von Raum und Zeit, kann mit Verstorbenen reden. Dennoch kann uns die Nahtodforschung nicht den unerschütterlichen wissenschaftlichen Beweis für ein Jenseits geben, weil Menschen mit einer Nahtoderfahrung ja nicht gänzlich gestorben sind, sondern dem Tod nur nahe waren und ihr Gehirn in dieser Situation nicht funktionierte.

Beobachter: Sie selber sind Kardiologe, verfügen also über eine naturwissenschaftliche Ausbildung. Wie reagieren Ihre Kollegen auf Ihre Thesen?
van Lommel: Oft stosse ich auf Ablehnung. Es gibt Menschen, die sind zu kalt, um daran zu glauben. Bei anderen ist es schlicht Unwissenheit, sie kennen den aktuellen Forschungsstand nicht. Ich halte Vorträge an der New Yorker Wissenschaftsakademie, der Yale-Universität und an vielen anderen renommierten Universitäten. Dabei mache ich die Feststellung, dass gerade jüngere Ärzte viel offener sind. Die älteren Kollegen erheben oft ihre Glaubenssätze zum Dogma.

Beobachter: Was hat Sie dazu bewogen, auf diesem Gebiet zu forschen?
van Lommel: Es war reine wissenschaftliche Neugier. Heute möchte ich vor allem dazu beitragen, das Thema bekannter zu machen. ­Viele Betroffene können erst Jahre später darüber sprechen und treffen oft auf ­fehlendes Verständnis. Die Betroffenen müssen dann oftmals mit Einsamkeit und Heimwehgefühlen allein fertig werden.

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Beobachter: Kann man denn die Ergebnisse Ihrer Forschungen als Hoffnungsbotschaft verstehen in dem Sinn, dass es ein Leben nach dem Tod gibt?
van Lommel: Wir sollten die Möglichkeit in Betracht ­ziehen, dass der Tod, wie die Geburt, wohl eher nur ein Übergang von einer Bewusstseinsstufe zu einer anderen sein mag. Das Bewusstsein ist immer da. Der Tod ist so gesehen nur das Ende unseres physischen Aspekts.