Nein, mit dem letzten Kaiser Äthiopiens ist Mistre Haile Selassie nicht verwandt, genauso wenig wie mit Weltrekordläufer Haile Gebre Selassie. Haile Selassie ist in Mistres Heimatland Äthiopien ein gängiger Nachname. «Die meisten Äthiopier sind orthodoxe Christen. Das spiegelt sich in unseren Namen», sagt Mistre Haile Selassie. «Mistre» – das Geheimnis. «Haile Selassie»: die Kraft der Dreifaltigkeit. Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Auch Mistre Haile Selassie ist gläubiger Christ.

Seit 30 Jahren in der Schweiz

Er gehört der äthiopisch-ortho­doxen Tewahedo-Kirche an, die mit 30 Millionen Anhängern die grösste orientalisch-orthodoxe Gemeinschaft ist. Die orthodoxen Kirchen sind nach der katholischen Kirche und dem protestantischen Christentum die drittgrösste christliche Glaubensrichtung der Welt. In der Schweiz leben rund 150'000 Menschen, die sich zum orthodoxen Christentum bekennen. Sie stammen aus Griechenland, Russland, Rumänien und Serbien, aber auch Armenien, Indien, Ägypten, Eritrea und wie die Haile Selassies aus Äthiopien. Allein in Zürich feiern 13 christlich-orthodoxe Gemeinschaften regelmässig ihre Gottesdienste. Ihre kirchlichen Tradi­tionen und Lehren gehen nach ihrem Selbstverständnis unmittelbar auf Jesus Christus zurück.

Auch die ersten Zürcher Christen waren orthodox. Die Stadtheiligen Felix und Regula waren Angehörige der koptischen Kirche. Sie kamen um das Jahr 300 aus Ägypten in die Schweiz – wo man die beiden ­ihres Glaubens wegen köpfte.

Mistre Haile Selassie lebt seit mehr als 30 Jahren in der Schweiz. Glücklich. «Das ist mein Land. Ich habe es ausgewählt. Es gefällt mir hier. Ich mag alles», sagt der 59-Jährige, nachdem er sich aufs schwarze Ledersofa im Wohnzimmer seines Reiheneinfamilienhauses im zürcherischen Opfikon gesetzt hat. An der Wand hängt im ­üppigen Silberrahmen da Vincis letztes Abendmahl, daneben ein Foto von Mistres zweiter Ehefrau in einem Lederbustier.

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In Äthiopien aufgewachsen, zieht Haile Selassie nach der Matura nach Israel, um dort Hotelfach und Hebräisch zu studieren. Im Kibbuz lernt er seine erste Frau kennen. Eine Schweizerin. 1978 ziehen die beiden zusammen in die Schweiz und werden Eltern eines Sohnes. Mistre Haile Selassie schreibt sich in Zürich an einem amerikanischen Col­lege ein und studiert Betriebswirtschaft, daneben besucht er Journalismuskurse. «Damals war hier alles sehr anders», erinnert sich Haile Selassie. «Ich kannte nur Schweizer. Nicht einmal in der Fussball-Nationalmannschaft fand sich ein Secondo.»

«Wir sind ruhig, eher kühl»

Als sein Sohn in die Schule kommt, ist er der einzige Schwarze. Mistre hat Angst um ihn, fürchtet sich vor Diskriminierungen. Heute sagt er: «Man muss einfach gut sein. Besser als der Durchschnitt. Dann wird man akzeptiert.» Fremd hat er sich selber nie wirklich gefühlt: «Ich komme vom Hochland. Wir sind ein Bergvolk, und unsere Mentalität ist der schweizerischen sehr nahe», sagt Haile Selassie. «Wir sind ruhig, zurückhaltend und eher, wie soll ich sagen, kühl.» Der kaufmännische Angestellte spricht auffallend leise und gewählt.

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Über seine Schweizer Kollegen weiss er nur Gutes zu sagen: «Auch wenn am Anfang Vorurteile bestehen, sobald man ins Gespräch kommt, merken sie, dass man einer von ihnen ist, auch wenn man ein wenig anders aussieht.»

Nach 20 Jahren Ehe hat sich Mistre Haile Selassie von seiner ersten Frau scheiden lassen, und ein paar Jahre später hat er Makda geheiratet – sie stammt wie er aus Äthiopien. Die beiden haben heute drei gemeinsame Söhne: den fünfjährigen Kaleab, «Gottes Worte», den neunjährigen Kedus, was so viel bedeutet wie «der Heilige», und den 13-jährigen Maren, übersetzt, «Verzeih uns!».

Marens Geburt haben es die Mitglieder der äthiopisch-orthodoxen Kirche in Zürich zu verdanken, dass sie nicht mehr nach Deutschland oder Holland reisen müssen, wenn sie heiraten oder ein Kind taufen lassen möchten. Als Maren vor 13 Jahren geboren wurde, beschloss Haile Selassie, für dessen Taufe nicht ins Ausland zu reisen, sondern einen Priester nach Opfikon einzuladen. Nur gerade eine Handvoll Freunde besuchte damals den Gottesdienst. Haile Selassie organisierte weitere. Heute sind es mehr als 200 Frauen, Männer und Kinder aus Äthiopien und Eritrea, die sich am Sonntag im Pfarreisaal der katholischen Kirche Opfikon treffen.

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Jeden Sonntag legen die Gläubigen Teppiche aus, stellen Stühle auf, hängen Bilder ihrer zahlreichen Heiligen an die Wand und verbrennen Weihrauch. Sie ­feiern ihre Liturgie, die in der ausgestorbenen äthiopischen Sprache Ge’ez und in der äthiopischen Umgangssprache Amharisch gesungen wird.

Irgendwann einen eigenen Raum für den Gottesdienst zu haben ist ein Traum von Mistre Haile Selassie. «Für Leute, die weit weg von der Heimat sind, hat die Kirche einen grossen Stellenwert.» Sie ist Gotteshaus und sozialer Treffpunkt in einem. «Man diskutiert über das tägliche Leben. Alle Berufe kommen zusammen, ein Arzt, einfache Menschen, Lehrer.»

«Wem gebe ich – und wem nicht?»

Das Leben mit dem Glauben habe nur Vorteile, ist Haile Selassie überzeugt. Man lerne, ein guter Mensch zu sein. «Was du dir wünschst, machst du für die anderen. Das ist eine tolle Sache, aber einfach ist es nicht.» Vor allem für jene, die wie Mistre Haile Selassie ein gutes Einkommen haben. «Die Bibel sagt, wer hat, der soll jenen geben, die nichts haben. Aber in unsere Kirche kommen so viele, die nichts haben: Flüchtlingsfamilien, Asylbewerber. Wem gebe ich? Wem nicht? Was passiert mit der Gemeinschaft, wenn ich den einen gebe, den anderen nicht?»

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Fragen, die Mistre Haile Selassie stark beschäftigen. Er streicht seinem jüngsten Sohn Kaleab, der sich zu ihm aufs Sofa gesetzt hat, über den Kopf. Seine drei Söhne haben im Moment andere Sorgen. Sie möchten lieber draussen Fussball spielen, als Fragen der Journalistin zu beantworten. Alle drei teilen die Leidenschaft ihres Vaters für den Fussball. Die zwei älteren spielen erfolgreich für den FC Zürich. Was ist ihnen wichtiger, wenn am Sonntag Kirche ist und ein Match angesagt ist? «Beides ist wichtig», sagen die Buben. Sicher ist: Bevor die Jungs, begleitet von Mutter oder Vater, zum Fussballplatz fahren, wird gemeinsam gebetet. Aber einen Match abzusagen komme schon nicht in Frage.

Makda Haile Selassie ist aus der Küche ins Wohnzimmer gekommen. Die schöne Frau mit den wachen Augen entlässt die Buben nach draussen. «Die Religion», sagt sie, «ist ein Teil von uns. Gott ist immer dabei, wenn wir etwas machen.»

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Jeden Morgen vor dem Frühstück betet Familie Haile Selassie zusammen. «Nicht lange», sagt Mistre Haile Selassie. «Nur: Herrgott, mach unseren Tag angenehm und eine Freude für alle.» Am Abend beten sie ein zweites Mal. «Und beim Fussball», sagt Mistre Haile Selassie und lacht. «Wenn die Jungs ein Tor schiessen, denken wir, Gott hat geholfen.»

Andere Dinge seien schwieriger einzuhalten. «Unsere Religion verlangt sieben Fastenzeiten pro Jahr. Die längste vor Ostern dauert 55 Tage. Dann sind alle Milch- und Fleischprodukte verboten. In der Schweiz ist das nicht einfach», sagt Mistre Haile Selassie. «Die Kinder gehen in die Schule, und einer bringt Geburtstags­kuchen mit. Schon fertig gefastet…» Mistre Haile Selassie nimmts gelassen. Solche Vorschriften gebe es in jeder alten Religion, sagt er. «Die Rituale sind seit 1000 Jahren dieselben, aber die Welt rundherum hat sich verändert.»

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Leidgeprüftes Volk

Mistre Haile Selassie pflegt einen pragmatischen Umgang mit diesen Dingen. «Wir bemühen uns, gute Christen zu sein, aber es gelingt uns nicht immer.» Manchmal beschleichen ihn auch Zweifel. Trotz seiner reichen Kultur und Geschichte ist Äthiopien eines der ärmsten Länder der Welt, mit einer zerstörten Natur, Krieg und Hunger. Viele von Mistre Haile Selassies Freunden aus Kindestagen leben nicht mehr.

«Warum», fragt sich Mistre Haile Selassie in dunklen Momenten, «muss ein Volk, das so tief gläubig ist, das sein ganzes Leben Gott widmet, so viel Leid erfahren?» Er kann es sich nur so erklären: «Gott gibt den Menschen, die nahe bei ihm sind, die schwersten Prüfungen.»n

Buchtipp: Peter Wittwer, Vera Markus: «Ein Stück Himmel auf Erden. Ostkirchen in Zürich»; Theologischer Verlag Zürich

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