Ansteckung tut manchmal gut. Etwa die ansteckende Begeisterung von Noémie Roten, wenn sie über ihre Herzensangelegenheit spricht – den Bürgerdienst: Alle, Frauen und Männer, vielleicht auch in der Schweiz wohnhafte Ausländerinnen und Ausländer, sollen einen obligatorischen Einsatz für die Allgemeinheit leisten. Zum Beispiel Senioren pflegen oder in der Schule aushelfen.

Die 31-jährige Volkswirtschaftlerin redet sich in Feuer. Da bekommen selbst angestaubte Pfadfinder-Parolen wie «Einer für alle, alle für einen» einen Charme.

«Wir sehen die Schweiz als Eidgenossenschaft von Bürgerinnen und Bürgern, in der sich alle für die Gemeinschaft engagieren», sagt Roten. «Wir» – das ist der Verein Service Citoyen. Eine kleine, parteipolitisch unabhängige Organisation aus der Romandie, in der sich Leute zwischen 30 und 40 zusammengeschlossen haben. Sie bereiten eine eidgenössische Volksinitiative für die Einführung eines allgemeinen Bürgerdienstes vor. Dazu wollen sie den Artikel 59 der Bundesverfassung, der die Dienstpflicht regelt, ändern und damit das Schweizer Milizsystem komplett umkrempeln.

Heute heisst Dienstpflicht: Armee, Zivilschutz oder ziviler Ersatzdienst. Männer müssen, Frauen dürfen. Beim Bürgerdienst müssten alle. Sie könnten dabei weitgehend wählen, in welchem Einsatzgebiet. Ein breites Angebot, möglichst offen – das solle der Pflicht zum Dienst den Beigeschmack von Zwang nehmen, sagt Noémie Roten, die im Militär Lastwagenfahrerin war.

Anzeige

Noch agieren die Initianten hinter den Kulissen. Sie sammeln Geld für die Kampagne und wollen Partner an Bord holen, die den Vorstoss mittragen. Positive Signale kommen vor allem von den Jungparteien aus dem ganzen politischen Spektrum. Wenn alles nach Plan läuft, sollen Anfang 2021 die ersten Unterschriften gesammelt werden.

Die neue Solidarität

Dann dürfte die Coronakrise überwunden sein, zumindest vordergründig. Sie dürfte aber noch stark nachhallen. Gerade auch die Welle der Solidarität in der Gesellschaft , das Einstehen füreinander. Gemeinsinn statt Eigensinn – genau das ist auch die Philosophie, an der sich das Modell des allgemeinen Bürgerdienstes orientiert.

Gut möglich, dass das neue Zusammengehörigkeitsgefühl dem Bürgerdienst Rückenwind verleihen wird. «Wir merken jetzt, dass es nicht nur auf mich ankommt, sondern auf uns – dem Ich wird ein Wir gegenübergestellt», sagt Theo Wehner, ehemaliger ETH-Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie (siehe Interview). Das sei ein wichtiges Korrektiv, nachdem zuvor der Individualismus überhandgenommen habe. Für Wehner ist der Bürgerdienst daher «eine progressive Idee».

Noémie Roten ist sich sicher, dass die Diskussion über Werte Erziehung Wie bringen wir unsere Werte auf einen Nenner? in die heutige Zeit passt. Die Gesellschaft stehe vor grossen Herausforderungen: Klimawandel, Umweltbelastungen, soziales Gefälle, Alterung der Bevölkerung, Epidemien, Migration. «Das alles können wir nur lösen, wenn die Zivilgesellschaft aktiv mitwirkt.» Der Milizgedanke müsse wieder gestärkt werden.

Für diese Forderung spricht einiges. Die Freiwilligenarbeit in der Schweiz Mangel an Freiwilligen «Noch nie war es so notwendig, solidarisch zu handeln» schwindet. Weniger als 20 Prozent der Bevölkerung engagieren sich aus freien Stücken für eine gemeinsame Sache; im Jahr 2000 war es noch jede und jeder Vierte. Der Rückgang betrifft besonders die institutionelle Freiwilligenarbeit, bei der man sich über längere Zeit für eine Aufgabe verpflichten muss. Das ist mit ein Grund, warum mehr als die Hälfte der Gemeinden grosse Mühe hat, genügend Personal für Milizämter zu finden.

Das bereitet Noémie Roten Sorgen. «Wir müssen unser System den neuen Gegebenheiten anpassen, sonst geht es bachab. Wenn wir unsere gemeinsame Verantwortung nicht mehr selbst übernehmen, stirbt das demokratische Ideal der Schweiz, Volksvertreter «Das Parlament muss nicht das Volk abbilden» wie wir es uns vorstellen.»

Doppelt so viel Power

Eine Pflicht zum Milizdienst würde völlig neue Voraussetzungen schaffen. Das zeigt schon eine kurze Rechnung: Von den 92'000 momentan 20-Jährigen leistet nur ein Drittel Militär, Zivilschutz oder Zivildienst. Im grossen Rest liegt das Potenzial. Selbst wenn man die Pflichtdienstzeit von zurzeit 245 Tagen auf 180 Tage verkürzt, würden die verfügbaren Ressourcen verdoppelt: von heute jährlich 7,5 Millionen militärischen Diensttagen auf bis zu 16,6 Millionen bei einem allgemeinen Bürgerdienst (siehe Infografiken).

Ob der Einsatz am Stück geleistet werden soll und früher oder später im Leben, ist offen. Darauf kommt es Noémie Roten aber gar nicht an. Wichtiger sei die Verteilgerechtigkeit: «Wer heute Zeit aufwendet, um sich für die Allgemeinheit zu engagieren, hat im Job oft Nachteile. Das gleicht sich aus, wenn es alle tun.» Wer keinen Bürgerdienst leistet, soll einen Ersatz zahlen Armee Willkür beim Wehrpflichtersatz müssen – wie heute beim Militär.

Es gebe genügend Einsatzmöglichkeiten, ist Roten überzeugt. Man könne etwa Lücken bei den bestehenden Diensten schliessen. Die Armee kämpft chronisch mit Rekrutierungsschwierigkeiten; das neue System sähe eine Garantie ihrer Bestände vor. Der Zivilschutz ist sogar stark unterbesetzt, und das bürgerliche Parlament in Bern will die Hürden für den zivilen Ersatzdienst noch weiter erhöhen – man fürchtet, dass sonst noch mehr Leute dem Militär den Rücken kehren. Roten stören diese Pläne: «Der Zivildienst wird künstlich kleingehalten und kann sich nicht weiterentwickeln. Dabei wäre genau das nötig.»

Das würde mit dem Bürgerdienst möglich. Er schüfe zusätzliche Aufgaben im zivilgesellschaftlichen Bereich, die die bestehenden Tätigkeitsfelder des Zivildienstes ergänzen. Bei weitem das wichtigste ist das Sozial- und Gesundheitswesen: Sieben von zehn Zivis leisten heute ihren Dienst hier. Und der Bedarf gerade in der Pflege werde für künftige Bürgerdienstler gross bleiben. Das bestätigen Heime, die schon jetzt ihren Betrieb auch dank Nichtfachleuten wie Zivildienstleistenden und Freiwilligen aufrechterhalten können.

Zunächst einmal würden diese Institutionen profitieren. Die Festangestellten würden entlastet und könnten sich stärker ihren Kernaufgaben widmen. Und die Bürgerdienstler würden profitieren, indem sie neues Wissen erwerben, das ihnen auch im Privatleben nützt.«Empowerment» ist das schneidige Schlagwort, das Roten dafür verwendet. Auch hier gehe es um Gerechtigkeit. «Alle sollen die Chance erhalten, sich zusätzliche Kompetenzen anzueignen, nicht nur die Männer im Militär.»

«Wir sehen die Schweiz als Eidgenossenschaft, in der sich alle für die Gemeinschaft einsetzen.»

Noémie Roten, Initiantin des Volksbegehrens zum Bürgerdienst

Der Vorschlag des Service Citoyen geht zurück auf Anregungen von Rotens ehemaliger Arbeitgeberin: der liberalen Denkfabrik Avenir Suisse, die seit ein paar Jahren einen Bürgerdienst propagiert. Dass die allgemeine Wehrpflicht überdacht werden müsse, ist kein ganz neuer Gedanke. Seit den Siebzigerjahren gab es immer wieder parlamentarische Vorstösse dazu. Sie scheiterten.

Noch 2016 wurde ein Postulat des Grünliberalen Beat Flach für einen allgemeinen Bürgerdienst vom Parlament haushoch abgeschmettert. Doch jetzt dreht sich der Wind. Im September 2019 gab es für einen praktisch gleichlautenden Vorstoss von CVP-Mann Beat Vonlanthen im Ständerat einstimmige Unterstützung.

Sollen Frauen müssen?

Ein Knackpunkt in der politischen Debatte wird sein: Ist es fair, auch die Frauen zum Dienst zu verpflichten? Unter Frauen gibt es zwei Lager. Die eine Position nimmt Noémie Roten ein: Wenn die Frauen die gleichen Pflichten wahrnehmen wie die Männer, lässt sich Gleichbehandlung in anderen Lebensbereichen glaubwürdiger einfordern. 

Die andere, eher linke Haltung vertritt die Zürcher SP-Nationalrätin und Sicherheitspolitikerin Priska Seiler Graf. Sie hegt zwar grundsätzlich Sympathien für die Idee eines Bürgerdienstes, sagt aber: «In Sachen Gleichstellung müssen wir sicher nicht bei den Pflichten anfangen. Zuerst kommen die Rechte.» Dazu müsse die Lohngleichheit durchgesetzt werden, aber es brauche auch mehr Wertschätzung für die Care-Arbeit . Sie ist ein – bestenfalls halbfreiwilliger – Dienst an der Allgemeinheit, der überwiegend von Frauen geleistet wird.

Die zweite Kontroverse: Sollen in der Schweiz wohnhafte Ausländerinnen und Ausländer ebenfalls Dienst tun müssen? Das sind immerhin 25 Prozent der Wohnbevölkerung. Sie sind explizit vom Militärdienst ausgeschlossen, aus Gründen der inneren Sicherheit. Das macht es aus juristischer Sicht schwierig, diese Menschen für andere Einsätze zu verpflichten. Im Entwurf des Verfassungstextes lassen es die Initianten deshalb offen, ob Ausländer dienen dürfen oder müssen. Das müsse über die Gesetzgebung geklärt werden.

Noémie Roten hat da klare Präferenzen: Im Sinn der gesellschaftlichen Integration und der Gleichbehandlung wäre zu wünschen, dass die ausländische Bevölkerung in den Bürgerdienst integriert würde. «Die Verknüpfung von Rechten und Pflichten sollte für alle Teile der Gesellschaft gleichermassen gelten.»

Juristische Bedenken

Die Schweiz mit ihrer Miliztradition sei prädestiniert, mit dem Bürgerdienst zu experimentieren, findet die Walliserin. Im Ausland gibt es bis heute nur Ansätze. Norwegen und Israel kennen die allgemeine Wehrpflicht auch für Frauen. Frankreich erprobt gerade den «universellen Nationaldienst»: Junge Leute werden noch vor der Volljährigkeit vier Wochen lang auf ihre Aufgaben als Staatsbürger vorbereitet; 2026 soll der Dienst verpflichtend werden. In Deutschland läuft eine ähnliche Debatte wie in der Schweiz. Sie dreht sich aber hauptsächlich um einen Punkt: Lässt sich die Verpflichtung zur gemeinnützigen Arbeit überhaupt mit dem Grundgesetz vereinbaren?

Diese Frage beschäftigt auch Juristinnen und Juristen in der Schweiz. Internationale Abkommen wie die Europäische Menschenrechtskonvention sagen klipp und klar: Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden. Nicht als Zwangsarbeit gelten nur der Militärdienst und der zivile Ersatzdienst aus Gewissensgründen. Ausgenommen sind auch Dienstleistungen, die zu den «üblichen Bürgerpflichten» gehören.

Es fragt sich nur, was alles unter «übliche Bürgerpflichten» fällt. Zentral seien Inhalt und Länge des Dienstes, sagt der ehemalige Rechtsprofessor Rainer J. Schweizer: «Mit einem Bürgerdienst Lücken füllen in Bereichen, wo Manpower fehlt – da habe ich Bedenken.» Problematisch sei es ausserdem, wenn der Dienst so lange dauere, dass faktisch die Freiheit der Berufswahl eingeschränkt werde. Der Bürgerdienst ist schon Juristenfutter, bevor es ihn gibt.

Es bleibt die Frage der Finanzierung. Sie soll, so der grobe Plan, analog zu den heutigen Schutzdiensten teilweise über die Erwerbsersatzordnung erfolgen. Daneben sollen auch die öffentlichen und privaten Einsatzbetriebe, die von den Dienstleistenden profitieren, ihren Beitrag leisten.

Welche Kosten ein Bürgerdienst verursacht und welchen langfristigen Nutzen er bringt, wird derzeit von Masterstudenten der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ermittelt. Die Gruppe untersucht auch, wie er sich auf den regulären Arbeitsmarkt und die institutionalisierte Freiwilligenarbeit auswirken würde. Im Sommer soll der Bericht vorliegen – Stoff für die Überzeugungsarbeit auf der Strasse, wenn der Verein Service Citoyen die benötigten 100'000 Unterschriften für sein Volksbegehren zusammenbringen will. 

15 Jahre in die Zukunft

In ihrem Homeoffice lehnt sich die nimmermüde Initiantin Noémie Roten nun ein bisschen zurück. Sie beginnt zu rechnen: sicher vier Jahre bis zur Abstimmung. Und bei Erfolg mindestens weitere 15 Jahre, bis das Modell umgesetzt wäre.Und bei einem Scheitern der Initiative? Zurück auf Feld eins – alles nochmals von vorn.

Bereiten Ihnen diese Szenarien kein Kopfzerbrechen, Frau Roten? «Ach was, daran denke ich nicht! Wichtig ist, dass wir jetzt einmal loslegen und die Diskussion in der Gesellschaft in Gang bringen.» Es gibt viel zu tun. Noémie Roten wird weiter weibeln für ihre Sache. Und in den nächsten Monaten Tausende Mails durchs Land schicken mit ihrer unverkennbaren Grussformel am Schluss: «avec mes salutations citoyennes».

Infografiken: Einsatz für die Allgemeinheit

Infografik: Aufteilung der Dienstleistenden von Armee, Zivildienst und Zivilschutz
Quelle: VBS/VTG/BABS/ZIVI – Infografik: Anne Seeger und Andrea Klaiber

 

  • 1'640'000 Schweizer Männer zwischen 20 und 70 Jahren wären schätzungsweise tauglich für den Bürgerdienst.
  • 3'340'000 Bürgerdienstler wäre es, wenn alle Frauen mit Schweizer Pass in dieser Altersgruppe hinzukämen.
  • 4'620'000 Männer und Frauen könnten Bürgerdienst leisten, wenn Ausländerinnen und Ausländer beteiligt würden. Gerechnet wird jeweils mit einem Fünftel dienstuntauglicher Personen.
  • 16,6 Millionen Diensttage kommen pro Jahr zusammen, wenn alle Bürgerdienstler irgendwann im Leben ihre 180 Diensttage absolvieren. Aktuell werden gesamthaft 7,5 Millionen Tage Dienst geleistet.
     

Einsatzgebiete für den Bürgerdienst

Einsatzgebiete: Hier würde der Bürgerdienst tätig

Klicken Sie auf die Infografik, um Sie in voller Grösse anzuzeigen.

Quelle: Anne Seeger und Andrea Klaiber

Feuerwehr: «Für viele ist anderes wichtiger»

«Mir sueched gueti Lüüt und serige, wo s gern wetid werde» – so wirbt die Freiwillige Feuerwehr Bauma ZH um neue Mitglieder. Bei Beat Bosshard war das nicht nötig. Er stiess damals durch seinen Bruder dazu – vor 27 Jahren.

Hier im oberen Tösstal ist Bosshard daheim, leitet mit dem Bruder eine landwirtschaftliche Firma und ist Vater von vier Kindern. Seit 2013 amtet er auch als Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Bauma. Der 49-Jährige schmunzelt: «Dass wir nach jedem Einsatz etwas trinken gehen, ist ein Klischee. Das liegt zeitlich gar nicht drin.» Schliesslich müssten alle 55 Mitglieder früh aufstehen und könnten nicht bis Mitternacht im Spunten hocken.

Vor 15 Jahren zählte die Feuerwehr in Bauma noch 100 Aktive. Nachwuchs zu finden, war kein grosses Problem. «Heute wird es immer schwieriger, Junge zu rekrutieren», so Bosshard. «Für viele ist halt anderes wichtiger als der Einsatz für die Allgemeinheit.»

Letzten Herbst warb seine Feuerwehr mit einem Flyer mit zweideutiger Botschaft: «Wir haben die dicksten Hupen, die längsten Schläuche… und wollen mehr als nur ein kurzes Abenteuer.» Angesprochen fühlten sich nur gerade zwei Personen. «Zwei sind besser als keine», sagt Bosshard ungerührt.

«Auch Ungelernte können mithelfen»

In den Plänen für einen obligatorischen Bürgerdienst ist die Feuerwehr ausdrücklich eingeschlossen. Das könnte die Situation in Bauma entspannen. «Wir suchen immer Leute, die in der Zentrale im rückwärtigen Dienst arbeiten. Telefon und Funk bedienen. Das können auch Ungelernte», sagt Bosshard.

Wer bei der freiwilligen Feuerwehr mitmacht, muss Einsatz zeigen und sich verpflichten. «Ich richte meine Ferienplanung nach den Übungen.» Jeden Montag von 19.30 bis 22 Uhr findet eine Übung statt. «Dieses Training ist sehr wichtig, damit im Einsatz alles klappt.» Etwa 40- bis 45-mal pro Jahr muss die freiwillige Feuerwehr ausrücken.

Wie damals im Dezember 2016, als das Gasthaus Sternen in Sternenberg brannte. «Wir mussten eine 4,5 Kilometer lange Pumpleitung legen, weil es dort oben kein Wasser gab.» Eine recht grosse Herausforderung. «So etwas brennt sich einem ein.» 

Beat Bosshard

Freiwillige vor: Kommandant Beat Bosshard

Quelle: Christian Schnur

Pflege: «Entlastung für unsere Kernaufgabe»

Gäbe es für ein Heer von obligatorisch verpflichteten Bürgerdienstlern überhaupt genügend Einsatzmöglichkeiten?

Diese Frage stellt sich in einem Bereich bestimmt nicht: bei der Betreuung von Betagten Hilfe im Alter Wenn Kinder sich bei der Pflege übernehmen . Es gibt immer mehr von ihnen, und der Bedarf an Pflege nimmt zu. Bis 2030 werden gemäss Schätzungen 60 Prozent mehr informelle Freiwilligenarbeit nötig sein, wenn man gleich viele Ressourcen pro hochaltrigen Senior einsetzen will wie bisher.

Ein guter Teil davon geschieht im privaten Rahmen, mit der Pflege durch Angehörige. Auch die Mitwirkung von Nichtfachleuten in Heimen dürfte einen hohen Stellenwert behalten, viele Institutionen setzen bereits heute darauf.

«Ein gutes Mittel gegen Betriebsblindheit» 

Zum Beispiel das Alterszentrum Wengistein in Solothurn, wo neben 160 Festangestellten auch rund 80 Freiwillige in den Betrieb eingebunden sind. Sie leisten jährlich gegen 6000 Einsatzstunden, meist in der psychosozialen Betreuung: spazieren, spielen, reden, vorlesen. «Sie bringen jene Zeit mit, die den Pflegenden oft fehlt im durchgetakteten Arbeitsprogramm», sagt Esther Ludwig, die im Heim die Einsätze koordiniert. «Das bringt eine Entlastung bei unserer Kernaufgabe, der Pflege.»

Am meisten von der Freiwilligenarbeit hätten jedoch die Bewohnerinnen und Bewohner. «Man kann ihnen mehr individuell angepasste Angebote machen, und sie haben Ansprechpartner, die ihnen auf einer anderen Ebene begegnen. Das steigert die Lebensqualität.»

Ausserdem profitiere das Alterszentrum von der unverbrauchten Sicht der Helfenden. «Sie sehen unsere Abläufe von aussen – ein gutes Mittel gegen Betriebsblindheit.»

Ein Gewinn an Qualität

Ähnliche Erfahrungen macht Thomas Peterhans, Direktor des privaten Pflegeheims Reusspark in Niederwil AG. In seinem Haus mit 300 Betten kommen neben fünf Zivildienstleistenden auch 240 Freiwillige zum Einsatz. Meist übernehmen sie Aufgaben im Bereich Beschäftigung und Aktivierung.

Ein Gewinn an Qualität – nicht nur für die Bewohner, sondern auch für das Pflegepersonal. «Es ist einfacher, sich um Heimbewohner zu kümmern, denen es mental gut geht», sagt Peterhans. Ausserdem würden professionelle Pflegerinnen oft darunter leiden, dass sie nicht die Zeit hätten, die die Betreuungsbedürftigen eigentlich bräuchten. «Dieser Stressfaktor fällt weg, wenn die Freiwilligen einspringen.»

Esther Ludwig und Thomas Peterhans

Positive Erfahrungen mit Laien im Altersheim: Esther Ludwig und Thomas Peterhans

Quelle: PD

Schule: «Ich wollte etwas Sinnvolles machen»

«In meinem Umfeld hat es sehr viele Militärgegner, die sich für untauglich erklären liessen und nun nichts für die Gemeinschaft tun», sagt Nando Schweizer.

Der 23-Jährige studiert im zweiten Semester an der Pädagogischen Hochschule Zürich – er will Primarlehrer werden. Einen obligatorischen Bürgerdienst für Frauen und Männer fände er eine gute Sache: «Dann müssten alle ihren Beitrag an die Gesellschaft leisten.» Mehr noch, es könnte eine Chance sein. «Sie bekämen einen Einblick in einen Bereich, der ihnen später einmal nützen könnte.»

So wie ihm. Eigentlich wollte er ins Militär, als Gebirgsspezialist. Weil er aber eine Lehre als Mechaniker bei den SBB gemacht hatte, hätte er auch bei der Armee in diesem Bereich einrücken müssen. «Das wollte ich nicht. Ich wollte etwas Sinnvolles, das mir auch für später etwas bringt.»

Erkenntnis im Zivildienst

Schon damals war ihm klar, dass er nicht ewig Mechaniker bleiben wollte. Er entschied sich für den Zivildienst und bewarb sich als Assistent an einer Primarschule in Herrliberg am Zürichsee. «Ich musste dafür an mehrere Gespräche und einen Tag zur Probe arbeiten – dann hatte ich die Stelle», erinnert er sich. Es sei «megaläss» gewesen.

«Ich hatte Einblick in alle Stufen, weil ich in fast jeder Klasse aushelfen musste.» Beim Turnen, bei den Sprachen und in Mathematik. «Das Highlight war aber der Donnerstag: Da war ich den ganzen Tag mit den Kindern im Schwimmbad.» Vielen Flüchtlingskindern habe er Einzelunterricht gegeben. «Das war ein tolles Gefühl, zu sehen, wie sie nach einem Jahr dann schwimmen gelernt hatten.»

In diesem Jahr als Zivildienstler sei ihm klargeworden, dass er Lehrer werden will. «Am liebsten in der Mittelstufe.» Mit den Viert- bis Sechstklässlern seien schon ernstere Gespräche über reale Themen möglich, das gefalle ihm. Unvergessen seien auch die drei Klassenlager, die er mitleiten konnte.

Nando Schweizer kann sich vorstellen, nach der Ausbildung an die Schule in Herrliberg zurückzukehren. «Männer sind an Primarschulen schliesslich sehr gefragt.»

Nando Schweizer

Dank Zivileinsatz Lehrer: Nando Schweizer

Quelle: Christian Schnur

«Lesen Sie, was wir beobachten.»

Dani Benz, Ressortleiter

Lesen Sie, was wir beobachten.

Der Beobachter Newsletter