Beobachter: Angesichts der Coronakrise erleben wir im Moment eine Welle der Solidarität . Ist das nur eine momentane Erscheinung, oder zeigt sich da noch etwas anderes?
Theo Wehner: Es zeigt sich Hilfsbereitschaft – sehr gut. Aber man muss zwischen spontanem und fortgesetztem Hilfeverhalten unterscheiden. Zu spontanem sind wir alle in der Lage, das ist tief in uns verwurzelt. Man hilft der alten Dame über die Strasse, zum Beispiel. Fortgesetztes Hilfeverhalten hingegen, damit meine ich die klassische Freiwilligenarbeit, kann zu einer inneren Pflicht werden. Das ist eine andere Kategorie als das, was wir jetzt erleben.

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Derzeit sehen wir also vor allem spontane Hilfsbereitschaft?
Ja, solange man nicht selber betroffen ist, hilft man gern. Das ist immer ein Stück weit auch eine Entlastung und dient dem Wohlbefinden Wohlbefinden Was macht uns gesund? . Ich bin in der überlegenen Situation, wenn ich helfen kann. «Noch mal Glück gehabt» – dieses Motiv kann dahinterstehen. Solches Hilfeverhalten ist asymmetrisch. Es braucht jemanden, dem geholfen werden kann. Dieses Verhalten macht sich jetzt breit, ist gut gemeint und wichtig.Aber echtes und längeres Engagement, Solidarität ist etwas ganz anderes.


Inwiefern?
Freiwilligenarbeit ist mehr, ist Arbeit und hat nichts mit dem Helfersyndrom zu tun, wenn ich das mal so abwertend sagen darf. Freiwilligenarbeit Mangel an Freiwilligen «Noch nie war es so notwendig, solidarisch zu handeln» muss man immer im Zusammenhang mit der Arbeitsgesellschaft sehen, in der sie stattfindet. Sinn finden heute viele nicht an ihrem Arbeitsplatz, aber in ihrem Verein oder bei der Pro Senectute.


Die Schweiz hat eine lange Tradition der Mitwirkung der Zivilgesellschaft. Das ist auch ein zentrales Anliegen des geplanten Bürgerdiensts .
Ja, das ist wunderbar. Diese innere Haltung, dieses «Ich verpflichte mich selbst», ist bei uns immer noch recht stark vorhanden. Das ist soziales Kapital, das genutzt werden muss, eine Chance! Das Verhältnis zwischen Staat und Zivilgesellschaft ist in der Schweiz ganz anders als etwa in Frankreich oder Deutschland, wo alles viel zentralistischer gehandhabt wird. In der Schweiz herrscht der Gedanke vor, erst alles selber zu regeln, bevor der Staat eingreift. Die Zivilgesellschaft versteht sich als Ergänzung zum Staat und nicht als Konkurrent dazu.

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Wie freiwillig ist denn so ein Engagement?
Das habe ich mich in meiner langjährigen Forschung auch immer wieder gefragt. Wo ist die Grenze? Wann ist ein Engagement nicht mehr freiwillig, sondern Verpflichtung? Am ehesten ist es wohl so: Ich kann mich selbst zu etwas verpflichten, habe das Bedürfnis, mich für meine Werte einzusetzen. In Freiwilligenorganisationen Unfall Sind Freiwillige versichert? wird manches verlangt, was darüber hinausgeht, da muss man aufpassen.


Warum aufpassen?
Freiwilligenarbeit ist nicht nur schön. Ich engagiere mich in der Altenpflege, fahre zum Heim und soll dort eine ältere Dame abholen. Aber sie ist nicht da. Ich muss rumtelefonieren und erfahre, dass sie bereits vor drei Tagen verlegt wurde. Oft ist die Einrichtung, bei der ich helfe, schlecht organisiert, die Kommunikation voller Pannen. Trotzdem sehe ich den Sinn hinter meiner Tätigkeit und mache weiter. Ich fühle mich aufgrund meiner Werte verpflichtet.


Da käme der Bürgerdienst gerade recht, bei dem die Pflicht im Vordergrund steht. Wie momentan, wo zum Beispiel Pflegepersonal zwangsrekrutiert wird.
Man wird nicht als Freiwilliger geboren. Keine Gesellschaft kann beliebig Freiwillige rekrutieren, der Prozentsatz liegt bei 30, 40, maximal 50 Prozent. Was ist mit den anderen 50 Prozent? Wie erreiche ich die? Das Bedürfnis nach einem Bürgerdienst muss in der Gesellschaft wachsen, es muss von innen kommen. Der Diskurs darüber ist deshalb immens wichtig und hat sicherlich jetzt, mitten in der Pandemie-Krise, eine andere Dringlichkeit als sonst.


Hinter dem Bürgerdienst steht die Idee, dass man sich einbringen muss. Also ein Zwang zur Hilfe, zur Solidarität. Funktioniert das?
Das funktioniert nur, wenn ich als Bürgerin oder Bürger verstehe, warum ich etwas tun muss. Wenn mir das zum inneren Anliegen geworden ist. Ganz wichtig: Zwischen Pflicht und Zwang besteht ein grosser Unterschied. Ein demokratischer Staat diskutiert solche Pflichten, erarbeitet Vorschläge und kommt so zu einem Konsens, dem sich viele anschliessen können. Also zur Einsicht, dass zum Beispiel der Bürgerdienst sinnvoll ist. Das Wort Pflicht kommt von «pflegen», vom althochdeutschen «pflegan», das ursprünglich bedeutete: für etwas einstehen, sich für etwas einsetzen. Zwang dagegen erfolgt ohne Einsicht, ohne Konsens, wird durchgesetzt von oben.

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Es gibt Schul- und Militärpflicht. Wieso nicht den Bürgerdienst als Bürgerpflicht?
Wenn die Einsicht dafür gegeben ist, spricht nichts dagegen.


Wäre der Bürgerdienst vom Grundsatz her nicht gerechter als das heutige System? Nur schon weil da auch die Frauen mitmachen müssen?
Aus Sicht der Verteilungsgerechtigkeit stimmt das. Aber wichtiger ist, dass das Prozedere verstanden wird, dass die Fragen rundherum geklärt werden. Ein Beispiel: Ein Mann ist seit 15 Jahren bei der freiwilligen Feuerwehr. Muss er dann auch noch zum Bürgerdienst? Obwohl er sich bereits seit Jahren freiwillig engagiert? Es geht stark um das Gerechtigkeitsempfinden. Alle diese Fragen müssen diskutiert werden. Sie fehlen mir im aktuellen Diskurs.

«Wir hatten noch nie so viele individuelle Freiheiten wie heute. Und die werden wir auch nicht mehr hergeben. Die Frage ist also: Wie bekommen wir neben diesem Eigensinn wieder mehr Gemeinsinn hin?»

Theo Wehner, Arbeitspsychologe

Der Bürgerdienst wäre eine Ressource. Statt etwa 100'000 Personen, die heute jährlich Militärdienst Militär Wenn das Vaterland ruft leisten, hätte man einen Pool von etwa 300'000 Menschen, die zum Einsatz kommen. Zum Beispiel in Krisensituationen wie gerade jetzt. Oder in der Alterspflege, wo dringend Freiwillige gebraucht werden.
Wenn die Einsicht in eine Situation besteht, steht auch plötzlich Geld zur Verfügung, das sehen wir ja aktuell. Man hätte also schon immer die Pflegenden besser bezahlen und mit Freiwilligen unterstützen können, wenn man das als Gesellschaft gewollt hätte. Natürlich wäre der Bürgerdienst eine Ressource, aber er muss allen etwas bringen. Für den, der es professionell macht, genauso wie für die Freiwillige bei ihrem Einsatz im Heim. Sie muss sinnvoll arbeiten können, und ihre Arbeit darf auch für die Heimleitung von Nutzen sein.

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Würde der Bürgerdienst das Milizsystem stärken?
Auf jeden Fall. Wir hatten noch nie so viele individuelle Freiheiten wie heute. Und die werden wir auch nicht mehr hergeben. Die Frage ist also: Wie bekommen wir neben diesem Eigensinn wieder mehr Gemeinsinn hin? In Krisen klappt das ganz gut, die sind demokratisch und verteilen sich gleich. Wir sammeln zurzeit viele Erfahrungen, die später genutzt werden können. Das Milizsystem der Schweiz ist ein Kulturgut, das unbedingt erhalten bleiben und gestärkt werden sollte.


Der Leitspruch «Einer für alle, alle für einen» klingt etwas altbacken.
Im Gegenteil! Ich halte den Bürgerdienst für eine progressive Idee, weil er dem Ich ein Wir gegenüberstellt. Eine optimale Balance dieser Pole ist nötig. Das Gefühl «Es kommt nicht nur auf mich an, sondern auf uns» ist zentral.

 

  • Buchtipp:
    Theo Wehner u.a.: «Freiwilligenarbeit. Essenzielles aus Sicht der Arbeits- und Organisationspsychologie»; Springer, 2018, 52 Seiten, Fr. 17.–

Zur Person

Theo Wehner, 71, ist emeritierter Professor der ETH Zürich für Arbeits- und Organisationspsychologie und derzeit Gastprofessor an der Universität Bremen. Er beschäftigt sich in seinen Studien oft mit Freiwilligenarbeit und deren Wert für die Gesellschaft.

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