Aufgezeichnet von Anina Frischknecht:

Ariane Stocklin: Polizeiautos, abgesperrtes Haus, Polizisten in weissen Schutzanzügen, Masken, Sicherheitsbrillen – Karl und ich waren am Sonntagabend, 30. August, mit unserem Mahlzeiten-­Wägeli an der Langstrasse unterwegs, als wir die Szene vor der Lugano-Bar sahen. Der kantonsärztliche Dienst hatte angeordnet, dass die 48 Prostituierten in den Wohnungen über der Bar in Quarantäne müssen, weil eine positiv auf Corona getestet worden war. Der Einsatz war schon einige Stunden im Gange. Alles war in Aufruhr.


Karl Wolf: Der Verantwortliche des Hauses und der Pikettoffizier der Stadtpolizei sind auf uns zugekommen, haben uns gefragt, ob wir uns um die Frauen kümmern und sie für die Zeit der Quarantäne begleiten können. Man kennt Schwester Ariane und mich von der Gassenarbeit im Rahmen unseres gemeinnützigen Vereins Incontro. Seit drei Jahren bemühen wir uns um einen ­guten Draht zu den Frauen und Männern im ­Milieu der Langstrasse. Wir sind also hin und haben versucht, die Lage zu beruhigen.


Stocklin: In einer solchen Situation brechen bei den Betroffenen Ängste existenzieller Art auf. Wie kann ich ohne Lohn mein Zimmer weiter bezahlen? Woher nehme ich jetzt das Geld, um meine Familie zu unterstützen? Wer bringt mir Essen? Die Frauen sind verwundbar, weit weg von zu Hause, viele sprechen kein Deutsch. Die Polizisten sind mit viel Einfühlungsvermögen und Geduld auf sie eingegangen. Und der Verantwortliche des Hauses hat versprochen, dass er für diese Zeit ganz auf die Miete verzichtet.

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Wolf: Schwester Ariane und ich konnten den Frauen auch versichern, dass wir sie mit Lebensmitteln, Hygieneartikeln und Schutzmaterialien versorgen werden. Unterdessen ist offiziell die Beratungsstelle der Zürcher Stadtmission, Isla Victoria, für die Bewältigung der Situation verantwortlich. Wir arbeiten eng zusammen.


Stocklin: Die Stimmung hat sich seit jenem Sonntag zum Glück sehr beruhigt. Die Ängste sind weniger geworden. Vor ein paar Tagen haben zwei der Frauen sogar Geburtstag gefeiert. Die Atmosphäre war gelöst. Für Karl und mich eine Erleichterung. Es ist schön, zu merken, dass wir mit unserer Arbeit etwas bewirken können.


Wolf: Die Arbeit ist für alle Beteiligten schwierig. Stadt und Kanton fehlt es bis jetzt an einem konkreten Plan für einen solchen Krisenfall. Die ­infizierte Frau zum Beispiel musste den Sonntagnachmittag draussen auf einem Stuhl verbringen, während die Polizei versuchte, sie an einem geeigneten Ort unterzubringen.


Stocklin: Es braucht dringend einen Notfallplan, der unter anderem regelt, wer für die Kosten der medizinischen Versorgung aufkommt – auch für Menschen ohne Krankenversicherung.

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Wolf: Nach dem Polizeieinsatz am Sonntag war die Strasse rasch leer gefegt. Die Frauen aus ­anderen Häusern verschwanden für zwei Tage. Und jene, mit denen Schwester Ariane und ich reden konnten, waren verunsichert und verängstigt. Ob sie sich testen lassen werden, wenn sie Symp­tome verspüren, ist fraglich.


Stocklin: Es geht um Menschen, deren Würde geschützt werden muss, egal, ob sie legal oder illegal hier sind und arbeiten. In Zürich braucht es dringend ein adäquates Schutzkonzept. Verletzliche Menschen wie die Frauen im Milieu brauchen einen niederschwelligen Zugang zu Tests und zu medizinischer Betreuung. Und ­einen Ort für betreute und begleitete Isola­tion, wenn sie erkranken. Sie müssen wissen, dass auch sie im Krisenfall aufgefangen werden.


Wolf: Die Frauen im Milieu der Langstrasse leben und arbeiten im Schattenfeld der Stadt Zürich. Eine eigene Stimme haben sie oft nicht. Sie werden vergessen oder verdrängt. Wie Ware gehandelt und konsumiert. Diese Krisensituation hat viele Probleme aufgedeckt. So gesehen ist der Vorfall auch eine Chance, dem Problem endlich in die Augen zu schauen.
 

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Anina Frischknecht, Redaktorin

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