Beobachter: Herr Knecht, wie fühlt es sich an, Männern gegenüber zu sitzen, die ihre Partnerin umgebracht haben?
Thomas Knecht: Was mich immer wieder erstaunt, ist die Kompromisslosigkeit dieser Männer, wenn ihnen das allerletzte Fünklein Kontrolle über die Partnerin entgleitet. Quasi eine Politik der verbrannten Erde nach dem Motto: «Wenn nicht mit mir, dann mit keinem.» Dann kommt die Dienstwaffe, das Küchenmesser oder sonst etwas, das gerade gäbig ist, zum Einsatz. Ein gläserner Aschenbecher, ein Gürtel, ein Hammer …

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Sie sprechen von Taten im Affekt.
In diesem Fall, ja. Es gibt bei Tötungen im häuslichen Bereich aber verschiedene Tätertypen.


Die wären?
Volkstümlich gesprochen gibt es zwei Sorten: den Pitbull und die Kobra. Der Pitbull ist die weitaus häufigste Form und wird in der Fachwelt «Power and Control Batterer» – Macht- und Kontroll-Schläger – genannt. Er will die Beziehung zu seiner Partnerin um jeden Preis, beisst sich quasi darin fest, zieht seine Kontrollbemühungen gewaltsam und bis zum bitteren Ende durch. Solche Täter bewegen sich in der Öffentlichkeit weitgehend unauffällig, werden nur im privaten Bereich und im Affekt gewalttätig. Der Pitbull hat zwar ein Aggressionsproblem, ist aber nicht psychisch krank.

«Auch der unauffällige, nette Schweizer, der mit 77 seine Frau umbringt, hat einen Machtanspruch.»

Thomas Knecht, Psychiater

Aber ist denn ein Mann, der im Streit seine Frau umbringt, weil sie sich trennen will, nicht in jedem Fall psychisch krank?
Nein, meist ist die Verhaltensstörung situationsgebunden. Oft sind es ungelöste Konflikte, bei denen irgendwann böse Worte, dann Gegenstände und schliesslich die Fäuste fliegen. Das Machtstreben, das beim Täter sicher ausgeprägt vorhanden ist, muss an sich noch nicht krankhaft sein.


Wo ist die Grenze?
Für eine krankhafte Persönlichkeitsstörung müssen sechs Kriterien erfüllt sein, für die spezifische Diagnose, etwa Narzissmus, noch weitere neun. Das braucht schon ziemlich viel Absonderlichkeit. Wenn jemand aber stark überzeugt ist, mit dem Mord alles richtig gemacht zu haben, dann ist die Grenze zum Krankhaften überschritten.


Und der zweite Typ?
Der Kobra-Typ benutzt Gewalt gezielt, um sein Opfer zu dominieren, es gefügig zu machen. An der Partnerin selber liegt ihm nichts. Sie ist nur dazu da, seine Wünsche, Vorstellungen und Bedürfnisse zu befriedigen, bleibt aber austauschbar. Die Kobra neigt auch ausserhalb der Paarbeziehung zu überzogenen Handlungen, ist in jeder Konfliktsituation labil. Hier treibt eine psychische Störung die Handlung an. Man nennt ihn auch den «Psychopathic oder Borderline Dysphoric Batterer», den psychopathischen Schläger. Die Fachwelt kennt noch einen dritten Typus, den «Criminal Batterer», den kriminellen Schläger. Das sind Männer, die grundsätzlich ein kriminelles Leben führen, in dem Gewalt auch ausserhalb der eigenen vier Wände eine alltägliche Rolle spielt, etwa Zuhälter.


Sind diese Täter therapierbar?
Wenn überhaupt, lässt sich am ehesten beim Pitbull etwas erreichen, und zwar mit Antiaggressionstraining. Die anderen beiden Typen sind kaum erreichbar. Aber im Normalfall ist das Leben eh zu kurz für einen Rückfall. Es fällt diesen Männern meist schwer, wieder eine Frau an ihre Seite zu bekommen. Wenn sie nach 15 Jahren oder mehr aus dem Gefängnis kommen, sind sie nicht mehr die Jüngsten, und was die Finanzen und die Stellung in der Gesellschaft angeht, sieht es auch nicht gerade rosig aus. Zudem geht beim Pitbull meist eine langjährige Beziehung der Tat voraus. Die äusseren Umstände sorgen also dafür, dass sie im Regelfall nicht zu Wiederholungstätern werden können.

«Nur eine massive Störung kann strafmindernd sein.»

Thomas Knecht, Psychiater

Stichwort Eifersucht. Wie steht es um die psychische Gesundheit von jemandem, den die Eifersucht dazu bringt, seine Partnerin umzubringen? Ist er krank?
Das trifft vor allem auf paranoide Psychopathen zu. Sie fühlen sich konstant bedroht, etwa durch andere Männer. Bei Tätern, die Eifersucht als Motiv angeben, wird eine Krankheitsdiagnose aber nur selten gestellt. 


Was bewegt die restlichen Eifersüchtigen?
Religion kann ein starker Treiber sein. Gerade in konservativen islamischen Kreisen ist die Frau Hab und Gut, nicht Partnerin auf Augenhöhe. Es gilt, diese Beute gegen andere Männer zu verteidigen, auch gegen den Willen der Frau. Insofern handeln solche Täter innerhalb ihres Wertegefüges korrekt, wenn sie zu verhindern versuchen, dass die Frau aus der Beziehung ausbricht. Die Einsicht, dass sie etwas Falsches getan haben, ist meist nicht möglich. Verstärkt wird das, wenn auch die erweiterte Familie hinter der Tat steht.


Und diese mangelnde Fähigkeit zur Einsicht ist nicht krank?
Nein, das ist unsere Sichtweise, die durch unseren Kulturkreis bestimmt ist. Der Täter ist unseren Wertmassstäben entrückt. In seinem Verständnis und jenem seines nächsten Umfeldes handelt er vernünftig. Wir aber würden aus unserem Werteverständnis heraus sagen, der ist total durchgeknallt.


Kann dieser Befund strafmindernd wirken?
Nein, strafmindernd kann nur eine massive Störung sein. Man muss herausfinden, wie abnorm der Täter sich vor dem Hintergrund seiner Kultur verhält. Eine echte Störung müsste sich auch noch in anderen Bereichen seines Alltags zeigen. Wenn ich eine generell verminderte Anpassungsfähigkeit feststelle, kann das zu einer psychiatrischen Diagnose führen. Wenn nicht, steht schlicht und ergreifend der Verbrechenscharakter im Vordergrund.


Statistisch gesehen sind Täter mit islamischem Hintergrund in der Schweiz überproportional vertreten. Fördert der Islam Femizide?
Grundsätzlich sind weniger einzelne Religionen die Wegbereiter als vielmehr die patriarchalischen Strukturen, die diese Religionen hervorbringen. Sie stilisieren Männer zur Krone der Schöpfung, was oft in krassem Gegensatz zur Realität des Einzelnen steht. Es ist schwierig, diesen Anspruch vor sich selber zu rechtfertigen, wenn er im Alltag, etwa bei der Arbeit, nicht erfüllt wird. Das ist wie ein steter Dorn im Fleisch. Wenn die Frau sich in der Aussenwelt besser zurecht findet, womöglich einen Job hat, während der Mann arbeitslos ist, kann es dann kritisch werden. 


Gilt das auch für andere Religionen?
Religionen muss man diesbezüglich generell sehr kritisch anschauen, auch das Christentum. Denn sie rechtfertigen die geheimste Wünsche jener, die sie einst in Schriften gefasst haben, und erklärten sie für gut und richtig. Vergewaltigung in der Ehe etwa ist in der Schweiz erst seit 1992 strafbar und wird erst seit 2004 von Amts wegen verfolgt.


Gibt es weitere Risikofaktoren?
Unterschicht ist ein Risikofaktor, Arbeitslosigkeit ebenfalls. Was nicht heissen soll, dass solche Taten nicht auch bei ökonomisch und sozial bestens gestellten Paaren vorkommen. Vor allem, wenn aus irgendeinem Grund der soziale Abstieg droht. Hinzu kommt, dass Partnerinnen in sozial gehobenen Schichten oft weniger gewillt sind, sich dem Diktat des Mannes zu beugen.

«Die gemeinsame Einsamkeit im Alter ist grundsätzlich ein Risikofaktor.»

Thomas Knecht, Psychiater

Immer wieder töten ältere, bis dahin völlig unauffällige Schweizer Männer ihre Ehefrauen und manchmal danach sich selber. Wieso?
Es stimmt, wir haben derzeit eine Häufung solcher Fälle. In Japan haben Studien gezeigt, dass Partnertötungen unter Betagten Hand in Hand gehen mit einer Zunahme von Scheidungen im Alter. Ein Grund dürften sein, dass die Leute älter werden und als Paar oft isolierter sind als früher. Irgendwann können die Partner über die lange Jahre erduldeten Differenzen einfach nicht mehr hinwegsehen. Gerade in Gesellschaften mit einem überzogenen Ehrbegriff ist manch einem der Mord an der Frau näher als die Scheidung. Grundsätzlich ist die gemeinsame Einsamkeit im Alter ein Risikofaktor. 


Bei uns ist der Ehrbegriff aber nicht so stark verankert wie zum Beispiel in Japan.
Auch der unauffällige nette Schweizer, der mit 77 seine Frau umbringt, hat einen Machtanspruch. Nehmen wir den sogenannten Erlösungs- oder Gnadentod: Selbst wenn der Täter aus Überforderung tötet, etwa, weil einer von beiden erkrankt ist, sieht er seine Partnerin offenbar nicht auf Augenhöhe: Er «weiss», was gut für sie ist, selbst wenn es ihr Tod sein soll. 


Was ist mit jenen, die zusammen in den Tod gehen?
Es ist nach dem Tod schwierig herauszufinden, wie freiwillig die Frau mitgegangen ist. Die Darstellung in Abschiedsbriefen formuliert der Täter natürlich gezielt so, dass bei der Nachwelt der Eindruck entsteht, beiden hätten das gewollt. Und selbst wenn die Frau einen Abschiedsbrief unterschrieben hat, kann es sein, dass der Mann sie dahingehend manipuliert hat. Aber das ist vor allem eine Frage für die Kriminalisten. Es gibt jedenfalls kaum dokumentierte Fälle.


Die Trennungsphase gilt als besonders gefährlich für Frauen.
Ja. Dem Mann entschwinden die Einflussmöglichkeiten auf die Frau. Umso heftiger werden seine Bemühungen, sie zu halten. Und umso stärker wird sein Hass, wenn sie ihn zurückweist. 


Hatten Sie auch schon mit Frauen zu tun, die ihren Partner getötet haben? 
Nur wenige Male. Glücklicherweise sind in unseren Breitengraden Menschen, die Morde oder Totschläge begehen, eher selten. Die Täter sind auf ihre Art quasi Exoten. Das gilt umso mehr für Frauen. 


Was sind die Unterschiede zu männlichen Tätern?
Sie unterscheiden sich fast immer dadurch, dass sie einen jahrelangen, manchmal jahrzehntelangen Leidensweg hinter sich haben, mit psychischer und physischer Gewalt durch den Partner. Für diese Frauen war die Tat die einzige und allerletzte Möglichkeit, sich aus ihrer toxischen Beziehung zu befreien.

Frauen trifft es viel öfter

So viele Frauen und Männer starben von 2009 bis 2019 durch häusliche Gewalt. Im Schnitt sind es 19 Frauen und 7 Männer pro Jahr. Damit sind fast drei Viertel der gewaltsam Getöteten Frauen.

Infografik Femizide
Quelle: BfS/PKS - Infografik: Anne Seeger

Partner als Täter

In welcher Beziehung standen die Ermordeten zu den Tätern und Täterinnen? Tötungsdelikte bei häuslicher Gewalt, Durchschnitt (2009 bis 2019)

Infografik Femizide
Quelle: BfS/PKS | Infografik: Anne Seeger

Zur Person

Thomas Knecht, 63, ist Psychiater und seit 2012 Leitender Arzt im Fachbereich Forensik am Psychiatrischen Zentrum Appenzell Ausserrhoden in Herisau. Er begutachtet nach Femiziden Männer, die ihre Frauen getötet haben.

Offizielle Statistiken zu Femiziden gibt es in der Schweiz bis anhin nicht. Motiv und Hintergründe einer Tat werden von den Behörden nicht erfasst. Dieser Aufgabe hat sich deshalb das Rechercheprojekt stopfemizid.ch angenommen. Es durchkämmt Newsportale und Polizeimeldungen nach Fällen und listet sie auf.

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