Ruth F.: «Ich habe mich viel mit Spiritualität auseinandergesetzt. Doch ich kann Gott nicht verzeihen, dass er eine Welt erschaffen hat, in der so viel Leid möglich ist. Er kommt mir wirklich sadistisch vor.»

Sadismus – also Freude am Leiden anderer zu haben – ist eine seelische Störung. Ein höheres Wesen stellen wir uns dagegen vollkommen vor. Aber auch ein vollkommenes Wesen kann trotz seiner Vollkommenheit Leid zulassen. Es ist ein biologisches Gesetz, dass alles Leben sterben muss. Raubtiere töten ihre Beute. Menschen töten Tiere, um Fleisch essen zu können. Leben, das nicht getötet wird, erkrankt in der Regel, bevor es stirbt. All dies bedeutet Leid, obwohl es der ganz normale Lauf der Welt ist. Selbst wenn es keine Verbrechen und Kriege gäbe, wären da noch immer Krankheit und Tod.

Hiob, von dem in der Bibel erzählt wird, hatte aber bereits ein sehr ähnliches Problem wie Sie. Mitten aus einem erfüllten Leben im Wohlstand verlor er Hab und Gut und seine Familie. Trotzdem wandte er sich nicht von Gott ab, sondern sprach die vielzitierten Worte: «Der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen, der Name des Herrn sei gelobt.»

Aber natürlich gibt es auch die andere Reaktion: Wenn man die Ungerechtigkeit, die Gewalt und das Leid auf der Welt sieht, kann es Gott nicht geben.

Spende fürs Jenseits

«Gott ist tot», schrieb der Philosoph Friedrich Nietzsche 1882. Wissenschaftlich beweisen kann man weder die Existenz noch die Nichtexistenz Gottes. Aber man kann nach der Funktion der Reli­gion fragen. Sind gläubige Menschen härter im Nehmen? Ist es leichter, Schicksalsschläge zu ertragen, wenn man eine Beziehung zu Gott hat? Beeindruckend ist, dass alle Völker der Menschheitsgeschichte eine Religion praktizierten. Ob das nun die alten Ägypter, die Griechen oder indigene Völker aller Kontinente waren: Offenbar gehört Religiosität zur menschlichen Kultur und zum menschlichen Seelenleben.

Zuerst hat wohl die Erschütterung beim Tod geliebter Menschen zur Vor­stellung eines Jenseits geführt. Selbst die frühesten menschlichen Kulturen pflegten ­einen Ahnenkult. Sie waren überzeugt, dass die Geister der Verstorbenen nach dem Tod weiter existierten. Nur so erklären sich die Grabbeigaben, die Toten im Jenseits zur Verfügung stehen sollten. Später bewohnten auch Götter und schliesslich der eine Gott der Juden, Moslems und Christen das Jenseits. Vom Mittelalter bis in die Neuzeit wurden Heilige um Hilfe ­gebeten, etwa Achatius gegen Todesangst und Zweifel oder, harmloser, Dionysius ­gegen Kopfschmerzen. Konnte ein Unheil abgewendet werden, spendete man etwas Wertvolles, aus Dankbarkeit gegenüber Gott oder den Heiligen der Kirche.

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Der Glaube kann helfen, Leid zu ertragen

Jüngere wissenschaftliche Untersuchungen ergaben, dass vier von fünf Patienten Hilfe und Stärke in ihrer religiösen Überzeugung finden. Eine weitere Studie stellte fest, dass sich nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center 90 Prozent der Amerikaner der Religion zuwandten, um das Ereignis zu bewältigen. Der Schweizer Religionssoziologe Jörg Stolz hat mit einer Untersuchung gezeigt, dass die religiöse Einstellung auf das Erleben von Krankheit, von schwierigen Situationen, auf die Beziehung zu Natur und Umwelt und auf die Kindererziehung einen Einfluss hat, aber wenig auf das Geschlechtsleben, die Wahl des Lebenspartners oder auf politische Entscheidungen.

Die Umfrage einer Zeitschrift ergab 2004, dass drei von fünf Deutschen an die Existenz von Gott oder einem höheren Wesen glauben. Von jenen, die nicht an Gott glauben, waren 19 Prozent überzeugt, ein Leben mit Gott oder einem höheren Wesen wäre erträglicher. Die Zahlen für die Schweiz dürften ähnlich aussehen. Dankbar sein darf also, wer wie Hiob einen unerschütterlichen Glauben hat. Dieser wird helfen, Leid zu ertragen. Sigmund Freud, der die Religion für eine Neurose hielt, war aber überzeugt, dass die Seele auch ohne jenseitige Hilfe schwere Erschütterungen verarbeiten kann. Zum Glück, denn einigen ist die Religion heute eben doch keine Stütze mehr.