«Als Kind habe ich in einem Schultheater König Balthasar aus dem Morgenland gespielt», erinnert sich Önder Güneş und lacht. Das habe bei ihm kein Trauma ausgelöst. Noch heute könne er die ersten Zeilen seines Texts auswendig.

Güneş ist Mediensprecher der Föderation islamischer Dachorganisationen der Schweiz. Es sei für die Integration muslimischer Kinder kontraproduktiv, vom Schulunterricht freigestellt zu werden, wenn Weihnachtslieder gesungen, Krippenspiele aufgeführt oder Adventsdekorationen gebastelt werden. Wichtig sei aber, dass «den Kindern in diesem Zusammenhang auch interreligiöse Kompetenz vermittelt wird und sie gegenseitig von den jeweils anderen Religionen lernen». Und es brauche Augenmass. «Wenn Kinder Lieder singen müssen, deren Inhalt dem eigenen Glaubensgrundsatz widerspricht, wäre es angebracht, ihnen zu erlauben, diese Passagen nicht mitsingen zu müssen.»

Eine gläubige Christin geht mit solchen Weihnachtsritualen gewiss anders um als ein atheistischer Lehrer wie der Walliser Valentin Abgottspon. Der Vater von zwei Kindern hatte sich 2010 geweigert, in seinem Schulzimmer ein Kruzifix aufzuhängen. Der Verfechter einer konsequenten Trennung von Staat und Religion – auch im Schulzimmer – erhielt deswegen die fristlose Kündigung. Er stört sich daran, dass es immer noch Kantone gibt, in denen konfessioneller Religionsunterricht zum obligatorischen Schulstoff gehört.

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Manuela Gsponer zum Beispiel, die ihre beiden Kinder humanistisch und ohne Religionsbezug erzieht, muss in Brig VS jedes Jahr einen neuen Dispensantrag für den katholischen Religionsunterricht stellen. «Dennoch kam es vor, dass einer meiner Buben einfach in die Kirche mitgenommen wurde», sagt sie. Er habe das gewollt, rechtfertigte sich die Lehrerin. «Klar, dass die Kinder einem sozialen Druck ausgesetzt sind. Christliche Rituale wie der Umzug des Heiligen Martin, Kommunion oder Firmung werden hier immer noch über die Schule organisiert», so Kommunikationsberaterin und Ethikerin Gsponer. Sich der örtlichen Religionskultur entziehen zu wollen, stosse manchmal auf Unverständnis.

«Weihnachten sollte heute ein Anlass sein, um einen Blick in die Welt zu werfen, und ein Anstoss für Gespräche über Traditionen und andere Religionen.»

Franziska Peterhans, Zentral­sekretärin Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz

Viele religionsfreie Eltern suchen deshalb Rat bei Valentin Abgottspon, der auch Vizepräsident der Freidenker-Vereinigung der Schweiz ist. «Gerade in kleinräumigen, christlich geprägten Gebieten – etwa im ‹Vatikanton› Wallis – ist es heikel, sich direkt bei der Schulleitung zu beschweren. Das bekommen dann unter Umständen die Kinder zu spüren. Da können wir von der Vereinigung anonymisiert und deeskalierend eingreifen.» Grundsätzlich sei es aber so, dass es viele Kantone und Schulen gebe, die mit dem Thema Weihnachten feinfühlig umgingen, vor allem im städtischen Umfeld.

Abgottspon plädiert dafür, mit Kindern offen und ehrlich über Religionen und Weltanschauungen zu sprechen. Weihnachtliche Rituale könnten auch weltlich und gemeinschaftsstiftend gestaltet werden – ohne Krippen, Krippenspiel und einem religiös geprägten Liedgut.

Konfessionsfreier Unterricht

Der Lehrplan 21 hat dafür eigentlich schon die Leitplanken gesetzt, indem der Religionsunterricht heute Bestandteil des obligatorischen Schulfachs «Natur, Mensch, Gesellschaft» sowie konfessionsfrei ist. Das Fach soll Grundwissen über die verschiedenen Weltreligionen vermitteln und ethische Fragen behandeln. Dazu gehört auch das Kennenlernen und Vergleichen religiöser Feiertage: Welche Gemeinsamkeiten bestehen etwa zwischen unserer Weihnacht und dem jüdischen Chanukka-Fest, das Ende November beginnt und acht Tage dauert?

Neutralität ist bei diesem Unterricht wichtig, denn immer mehr Personen verlassen in der Schweiz ihre Kirchen und religiösen Gemeinschaften. Fast 30 Prozent bezeichnen sich inzwischen als religionsfrei – Tendenz steigend, wie die jüngste Erhebung des Bundesamts für Statistik zeigt. Die Frage, ob die Schule darauf und auf die unterschiedlichen religiösen Überzeugungen ihrer Schüler Rücksicht nehmen soll, beantwortet in der Schweiz die Bundesverfassung, in der die Glaubens- und Gewissensfreiheit garantiert ist. Diskutieren kann man nur die Frage, wie weit diese Rücksichtnahme zu gehen hat.

Für Franziska Peterhans, Zentralsekretärin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH), «sollte Weihnachten heute ein Anlass sein, um einen Blick in die Welt zu werfen, und ein Anstoss für Gespräche über Traditionen und andere Religionen». Auch sie sagt, es gebe in den Schulen grosse Unterschiede, vor allem variiere die Handhabung je nach Region. «Im Kanton Basel-Stadt ist es ganz anders als in Gegenden, die stark katholisch geprägt sind.»

Vielfalt vermitteln

Beatrice Kümin Rüegg, Dozentin für Religionen, Kulturen, Ethik an der Pädagogischen Hochschule Zürich, spricht von unterschiedlichen Schulhauskulturen. «Ihnen zugrunde liegen sollte aber stets der Auftrag, über verschiedene religiöse Traditionen und Weltanschauungen zu lehren und den Kindern deren kulturelle und historische Hintergründe zu vermitteln.» Dabei warnt sie davor, Kinder in der Klasse als Experten hinzuzuziehen, etwa mit der Frage «Wie ist das bei euch an Weihnachten, mit dem Samichlaus und der Adventszeit?». Damit würden die Kinder exponiert, in eine Rolle gedrängt oder gar ausgeschlossen.

Besser wäre es, die Adventszeit zu nutzen, um die eigenen Rituale mit anderen Kulturen zu vernetzen, sagt Lucia Amberg, Studiengangleiterin Kindergarten/Unterstufe an der Pädagogischen Hochschule Luzern: «Zum hinduistischen Lichterfest Diwali im November könnte beispielsweise auch im Schulalltag ein entsprechender Bezug geschaffen werden. Das Diwali-Fest ist schliesslich eines der beliebtesten im Hinduismus und so etwas wie das indische Weihnachten.»

Beschwerden kommen nicht von Andersgläubigen

Die Berücksichtigung von immer mehr Ritualen unterschiedlichster Religionen an der Schule führt oft auch zum Vorwurf, ob all der Andersgläubigen in der Schweiz sei es gar nicht mehr möglich, traditionell Weihnachten zu feiern. Diesbezüglich hat Simon Spengler allerdings andere Erfahrungen gemacht. Der Kommunikationschef der Katholischen Kirche im Kanton Zürich betont, dass «Reklamationen wegen christlicher Rituale an den Schulen in der Regel nicht von Muslimen oder anderen Andersgläubigen kommen, sondern von konfessionsfreien Schweizern und deutschsprachigen Ausländern».

Schliesslich sei Jesus auch für Muslime ein Prophet, und die meisten Bräuche, etwa der Weihnachtsbaum, seien eh heidnischen Ursprungs. Auch hätten «das ‹Jingle Bells›-Trällern in den Shoppingcentern, der blöde Elch und der Weihnachtsmann nichts mit dem christlichen Weihnachtsfest zu tun».

Mit dieser Vernetzungsidee kann Manuela Gsponer, die ihre Kinder vom Religionsunterricht dispensieren lässt, wenig anfangen: «Der Mensch braucht Rituale. Aber sie müssen doch nicht zwingend mit einer Religion zusammenhängen.»

Nicht missionieren

Auch für Spengler ist klar: Andere Religionen, die bei uns präsent sind, haben ebenfalls ihren Platz im Religionsunterricht. «Das ist heute eine Selbstverständlichkeit.» Es gehe nicht darum, zu missionieren, sondern Wissen über die Religionen und die Grundlagen zentraler Werte zu vermitteln, die das gesellschaftliche Zusammenleben prägen.

Er findet aber auch, dass Schülerinnen und Schüler die christliche Religion im Unterricht als Teil unserer Geschichte, Kultur und Gegenwart kennenlernen sollten. Auch heute noch sei in der Adventszeit bei den Menschen «eine weihnachtlich geprägte Grundstimmung vorhanden sowie der Wunsch nach Frieden, Geborgenheit, Besinnung und Gemeinschaft. Das belegt allein schon die Spendenfreudigkeit in der Weihnachtszeit».

Was Wunder, hat selbst Valentin Abgottspon einen feierlich geschmückten Weihnachtsbaum bei sich zu Hause. «Im Umgang mit solch heidnischen Symbolen und Ritualen bin ich relaxed. Man muss auch nicht alles streichen, was einen religiösen Hintergrund hat.» Es gebe gar Lieder, die heute zum allgemeinen Kulturgut, zur Poesie und zur Philosophie gehören. «Ich denke dabei an Leonard Cohens ‹Hallelujah›.»

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