Der Artikel «Traumatisiert auf Teufel komm raus» hat zahlreiche Reaktionen hervorgerufen. Deshalb vertieft der Beobachter das Thema mit dem Experten Jan Gysi. Der Berner Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie befasst sich intensiv mit den Folgen von Traumatisierungen durch Gewalterfahrungen. 


Beobachter: Auf Ihrer Website steht: «In der Psychotherapie hören wir zunehmend Berichte von sexualisierter Gewalt in organisierten und rituellen Gewaltstrukturen.» Wie verbreitet ist dieses Phänomen?
Jan Gysi:
Wir wissen es nicht genau, weil Untersuchungen dazu fehlen. Was bekannt ist: Das Material, das man online zu Kindsmissbrauch findet, nimmt exponentiell zu. Und die Täter vernetzen sich stärker. Das Wissen, wie man ein Kind missbraucht, ohne dass das aufzufliegen droht, verbreitet sich schnell. Das sind neue Dimensionen in der Pädosexualität. 

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Polizeistellen, mit denen wir gesprochen haben, sagen: Es gibt immer öfter Anzeigen im Bereich rituelle Gewalt, aber nie Beweise. 
Ich kenne dazu keine konkreten Zahlen, deshalb kann ich mich nicht äussern. Zudem gibt es keine einheitliche Definition von ritueller Gewalt. Bekannt ist, dass es bisher einen Widerspruch gibt zwischen den Berichten über rituelle Gewalt und der Tatsache, dass die Beweise fehlen. Ich kann mir vorstellen, dass es Elemente davon gibt, doch wir verstehen das Phänomen noch zu wenig. Was wir im Bereich schwerer Gewalt hauptsächlich sehen, ist sexualisierte Ausbeutung von Kindern durch Pornografie und Prostitution.


Es soll Opfer geben, die detailgenau von satanistischen Ritualen berichten. 
Tatsächlich kommen in der Therapie vereinzelt Schilderungen mit Satan, Bockköpfen, Exorzismus und Blutritualen vor. Der allergrösste Teil der Berichte über sexualisierte Gewalt betrifft aber andere Formen von Gewalt, wie sexuellen Missbrauch von Kindern, häusliche Gewalt, Vergewaltigungen.
 

«Täter wenden unterschiedliche Strategien an, um unentdeckt zu bleiben. Die gezielte Manipulation von Opfern kann dazugehören.»

Jan Gysi, Psychiater

Erwarten Patientinnen, die Bilder von solchen Extremereignissen haben, dass ihnen Therapeuten bedingungslos glauben?
Sie erwarten, dass ich sie ernst nehme in ihrem Leiden. Die Realität ist aber nicht, dass Leute in die Therapie kommen und sofort von Grausamkeiten erzählen. Das kommt erst nach und nach, in kleinen Stücken. Diese Bilder muss man als Therapeut annehmen, um weiter damit arbeiten zu können, um zu schauen, wie sie sich entwickeln. 


Wie gross ist da die Gefahr, traumatische Erinnerungen aktiv hervorzurufen?
Ich sehe die Gefahr durchaus, in dieser Situation suggestive Fragen zu stellen – das haben wir aber auch bei Polizei und Justiz, in Gutachten, auch im Journalismus, und zwar in beide Richtungen. Es geht darum, so vorsichtig wie möglich vorzugehen und etwa auf Aufforderungen zum Erinnern zu verzichten. In der Traumatherapie ist es der Standard, nach anerkannten wissenschaftlichen Grundlagen zu arbeiten, Symptome zu behandeln. Manchmal ist es notwendig, mit den Patienten etwas in der Vergangenheit anzuschauen, weil sich nur so ein Symptom lösen lässt. In der Therapie wie auch in der Justiz oder im Journalismus muss es unser Ziel sein, Opfer von sexualisierter Gewalt ernst zu nehmen und zugleich keine Falschbeschuldigungen zu generieren. 


Oft ist von «Mind-Control» die Rede: Täter, die bei ihren Opfern Persönlichkeitsveränderungen herbeiführen, um unentdeckt zu bleiben. Das klingt abenteuerlich. Für Sie auch?
Täter wenden unterschiedliche Strategien an, um unentdeckt zu bleiben. Die gezielte Manipulation von Opfern kann dazugehören. «Mind-Control» verstehe ich als Versuch, ein Opfer in eine extreme Abhängigkeit und emotionale Isolation zu bringen und mit Manipulation zu arbeiten. Letztlich sind das nichts anderes als Konditionierungen. Es gibt die Tendenz in gewissen Kreisen der Psychotraumatologie, daraus eine grosse Geschichte zu machen. Ich bin da vorsichtig. Wir sollten die Täter nicht noch mystifizieren. Zugleich besteht die Gefahr in Teilen unserer Gesellschaft, den Opfern schwerer Gewalt mit Vorurteilen und Misstrauen zu begegnen. 

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