Gewisse Traumatherapeuten glauben fest daran: an satanistische Rituale mit sexuellem, körperlichem und psychischem Missbrauch, an absichtlich herbeigeführte dissoziative Zustände, ausgelöschte Erinnerungen, durch sogenannte Mind-Control fremdgesteuerte Opfer, geschändete Babys, aufgeschlitzte Schwangere – kurz an rituelle Gewalt. 

Auch in Schweizer Kliniken waren und sind vermutlich auch noch heute Therapeuten tätig, die der Verschwörungstheorie von ritueller Gewalt anhängen. Die gesamtschweizerische Vereinigung der Psychiatrischen Kliniken und Dienste Swiss Mental Health Care (SMHC) distanziert sich darum in einer Stellungnahme von den entsprechenden Therapiemethoden.

Dabei legen die Therapeuten ihren Traumapatienten den Gedanken nahe, dass sie Opfer ritueller Gewalt geworden seien. Und sie «helfen» ihnen mittels therapeutischer Techniken, sich an vermeintlich Verdrängtes zu erinnern. Es werden Scheinerinnerungen, sogenannte False Memories, quasi eingepflanzt. 

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«Dieses Herbeiführen von Scheinerinnerungen ist eine hochproblematische Nebenwirkung der jeweiligen Therapie – in gewissen Fällen sogar ein Kunstfehler», sagt Erich Seifritz, SMHC-Präsident. Denn diese induzierten Scheinerinnerungen können laut Seifritz selber zu Traumatisierungen führen – mit schwerwiegenden psychosozialen Folgen für die betroffenen Personen wie auch für ihr Umfeld.

«SMHC weist klar auf die Gefahren solcher Behandlungen hin. Während einer Psychotherapie auftauchende Hinweise auf rituelle Gewalt sind deshalb mit allergrösster professioneller Zurückhaltung zu behandeln.»

Bis jetzt kein einziger Fall in der Schweiz nachgewiesen

Ihren Anfang nahm die Verschwörungstheorie in den späten 1970er-Jahren in den USA. Die Existenz von ritueller Gewalt wurde aber nie belegt, entsprechende Anschuldigungen hielten vor Gericht nicht stand. Auch in der Schweiz wurde bisher kein einziger solcher Fall nachgewiesen oder gar strafrechtlich mit einer Verurteilung abgeschlossen. Es bestehen zudem keine wissenschaftlich erhärteten Hinweise, dass sich die Persönlichkeit eines Menschen gezielt aufspalten und fremdsteuern liesse, wie das die Mind-Control-Theorie behauptet.

Trotzdem grassiert die Mär von der rituellen Gewalt auch in der Schweiz. So erschütterte etwa der Skandal um die Thurgauer Klinik Clienia Littenheid. In einer SRF-Sendung hatte der Oberarzt der Traumastation der Klinik  von «rituellem, satanistischem Missbrauch», von «unvorstellbaren Gewalttaten» und Menschenopfern gesprochen. Es sei eine Parallelwelt, die sich extrem gut zu schützen wisse. Er musste daraufhin den Hut nehmen.

Unter Satanismusverdacht standen etwa auch Eltern von Patientinnen der Thurgauer Therapiestation Schnäggehuus , wie der Beobachter unlängst berichtete. 

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