«Vielleicht konnte ich einfach nichts ausser Musik machen», sagt die Sängerin DANA lachend. Von klein auf übte Dana Burkhard, wie sie mit vollem Namen heisst, Tag und Nacht mit ihrem Bruder. Noch heute spielt er in ihrer Band Bass. Mit 12 schrieb sie erste Songs, mit 15 entdeckte sie die Bühne.

Anfang 2020 hatte die 22-Jährige bereits zwei EPs veröffentlicht, über 200 Konzerte gespielt und stand vor dem Durchbruch. Doch Corona veränderte alles. Sie musste ihre Tour mit über 40 Konzerten absagen. «Es wäre die grosse Chance gewesen. Aber statt einen Schritt nach vorn sind wir drei zurückgegangen», sagt DANA. 

2020 lief es für die ganze Branche schlecht. Patent Ochsner, Bligg oder Sina kamen wohl mit einem dunkelblauen Auge davon, die Newcomer hingegen kämpfen ums Überleben. Tobias Bolfing kennt ihre Sorgen. Er betreut mit seiner Agentur TOURBOmusic rund 20 Schweizer Nachwuchstalente. «Sie sind abhängig von Live-Auftritten. Es ist ihre Chance, berühmt zu werden. Gleichzeitig verdienen sie damit ihr Geld», erklärt er. Nun verloren sie alles, was sie sich aufgebaut hatten.

Stube statt Open Air

Einer von ihnen ist Tobias Jensen. Als Gitarrist der Band Karavann und Tontechniker lebte er die letzten vier Jahre vom Musikbusiness. Dazu startete er seine Solokarriere. Mit seinen Indie-Pop-Songs traf er den Nerv der Zeit, er galt als grosse Hoffnung. Im letzten April erschien mit «Battles, Battles» die Debütsingle – mitten im ersten Lockdown. Auf Spotify kam ihm das zugute: Er wurde oft gestreamt, da viele zu Hause festsassen und mehr Zeit zum Musikhören hatten.

Die virtuelle Aufmerksamkeit half ihm aber nur bedingt. Denn in einem Song steckt nicht nur viel Arbeit, sondern auch Geld: «Eine Produktion ist eine Investition, die sich erst mit Live-Shows auszahlt.» Das war auch so geplant: Über 150 Konzerte hätte Tobias Jensen vergangenes Jahr gespielt, eins sogar am Open Air St. Gallen. «Es war eine Katastrophe für mich, emotional und vor allem auch finanziell.»

Songwriter Tobias Jensen mit Gitarre

«Wenn ich nichts erlebe, kann ich auch nicht darüber schreiben», sagt Tobias Jensen, Gitarrist und Songwriter.

Quelle: Hanna Jaray

Den Ausfall konnte er mit Streaming-Konzerten nicht kompensieren. «Das Publikum zahlt online nicht viel für Tickets.» Er beantragte noch im April finanzielle Unterstützung. Dafür musste er alle ausgefallenen Shows einzeln dokumentieren. Danach hiess es: warten. «Es war wie Fischen. Man reicht die Anträge ein und hat keine Ahnung, was rauskommt.» 

Lange Durststrecke

Die Hilfe liess drei Monate auf sich warten. In dieser Zeit griffen ihm Freunde unter die Arme. Dann endlich ein Lichtblick. Die Ausgleichskasse SVA übernahm rückwirkend zwei Drittel der Ausfälle. Weshalb nicht alle Shows entschädigt wurden, weiss er bis heute nicht. Viel wars nicht. Jensen erhielt 1'100 Franken pro Monat. «Es war genug, um meine Miete zu bezahlen.» Im Dezember folgten weitere Hilfsgelder vom Kanton Zürich. Nach über acht Monaten hatte er nicht mehr damit gerechnet, war aber sehr froh. «Zum ersten Mal hatte ich keine Existenzängste mehr», erinnert er sich. 

Dana Burkhard erhält keine Entschädigungen. Sie hatte sich erst Anfang 2020 selbständig gemeldet, der Antrag ist noch bei der SVA hängig. Doch sie hat Glück. Sie studiert noch und erhält Stipendien. Das reiche knapp, um die Lebenskosten zu decken, aber keinesfalls für die Produktion neuer Songs. Die muss sie vom Ersparten bezahlen.

Viele Künstlerinnen und Musiker können nicht einmal mehr das. Sie sind auf die Hilfe des Vereins Suisseculture Sociale angewiesen. «Wir bieten im Auftrag des Bundes eine finanzielle Nothilfe für Kulturschaffende, die keine oder zu wenig Entschädigung erhalten», sagt Vereinspräsidentin Nicole Pfister Fetz.

Die Massnahmen würden den komplizierten Arbeitsverhältnissen im Kultursektor oft nicht gerecht. So sei beispielsweise geschätzt die Hälfte freischaffend. «Es sind Menschen, die ihr Geld zu 100 Prozent mit Musik verdienen. Sie sind aber nicht offiziell selbständig und arbeiten immer nur befristet für ein bis zwei Monate am selben Ort. Damit fallen sie oft durch die Maschen.»

«Wir brauchen ein System, das mehr als einen Monat greift und alle unterstützt.»

Nicole Pfister Fetz, Präsidentin Suisseculture Sociale

Auch offiziell Selbständige bekommen nicht immer genug. Eine Künstlerin verdient im Schnitt 40'000 Franken im Jahr, zeigte eine Untersuchung von Suisseculture Sociale von 2016. «Das ist knapp über der Armutsgrenze. Wenn man davon nur zu 80 Prozent entschädigt wird, reicht das nicht zum Überleben», so Nicole Pfister Fetz. Für Neulinge sei zudem ein Problem, dass der Erwerbsersatz auf Basis ihres AHV-pflichtigen Einkommens von 2019 berechnet werde. Die meisten waren da noch nicht selbständig, viele noch in Ausbildung. 

Lücken im System

Um die Gelder fair zu verteilen und den bürokratischen Aufwand zu verringern, fordern vor allem linke Politikerinnen und Politiker ein Ersatzeinkommen für Kulturschaffende, allen voran in den Kantonen Zürich und Basel-Stadt.

Auch Nicole Pfister Fetz sieht, dass es im aktuellen System Lücken gibt. Ob ein Grund- oder Ersatzeinkommen die Lösung ist, hinterfragt sie jedoch. Künstler benötigten in erster Linie mehr Sicherheit. «Wir brauchen ein System, das mehr als einen Monat greift und alle unterstützt», fordert sie. 

Probleme mit der Kreativität

Nach fast einem Jahr merkt Dana Burkhard nicht nur auf dem Konto, dass ihr die Auftritte fehlen. «Ich will endlich wieder auf die Bühne zurück», wünscht sich die Sängerin. Sie vermisst nicht nur ihre Auftritte, sondern auch das Zuhören im Publikum. Konzerte seien wichtige Inspirationsquellen für sie, sagt sie. Zu Hause fehle ihr das. Auch Tobias Jensen kämpft mit Kreativitätsproblemen: «Meine Songs sind aus dem Leben gegriffen. Wenn ich nichts erlebe, kann ich auch nicht darüber schreiben.»

«Für Schweizer Bands könnte der Sommer die grosse Chance sein.»

Stefan Matthey, Konzertveranstalter

Der letzte Sommer war für beide sehr wichtig. Die sinkenden Fallzahlen erlaubten es ihnen, eine Handvoll Konzerte im Freien zu spielen. «Es war alles sehr spontan und hat sich ein wenig angefühlt wie ‹back to the roots›», sagt Dana Burkhard. «Es hat unglaublich Spass gemacht, wieder vor Publikum zu spielen. Wenn auch vor einem sehr kleinen», ergänzt Tobias Jensen. Auf solche Auftritte setzen sie auch dieses Jahr. 

Hoffen auf den Sommer

Die Zeichen stehen gut für sie, heisst es bei etablierten Konzertveranstaltern. «Wir planen für den Sommer eine Outdoor-Bühne», sagt etwa Stefan Matthey von Good News Productions. Es sei im Moment aber sehr schwer, etwas Verbindliches zu sagen, solange der Bundesrat keine festen Vorgaben mache. Das wirke sich vor allem auf grosse Shows mit internationalen Stars aus. Sie brauchen viel Vorlauf und sind mit grossen finanziellen Risiken verbunden. Zudem seien viele Bands momentan nicht bereit zu reisen. Deshalb verschiebe man schon jetzt laufend Shows ins nächste Jahr. 

«Für Schweizer Bands könnte das die grosse Chance sein», so Stefan Matthey. Wenn weniger internationale Stars in die Schweiz kommen, gebe es mehr Raum für lokale. Sie seien spontaner, einfacher zu buchen und bräuchten weniger Vorbereitung. Vor allem die Underground-Szene könne profitieren. Newcomer seien ideal für kleinere Stages. «Die Leute erwarten keine grossen Stars. Sie kommen einfach, um endlich wieder Live-Musik zu geniessen», sagt Good-News-Mann Matthey. 

Auch 2020 war für die Musikerinnen und Musiker nicht nur schlecht. Tobias Jensen brachte im November mit «Night Shift» seine erste Songkollektion heraus und wurde gleich zum «SRF 3 Best Talent» gekürt. Der Nachwuchspreis zeichnet Künstlerinnen und Künstler aus, die Potenzial haben und sich von der Masse abheben. «Damit hätte ich nie gerechnet. Es hat mir gezeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin.» 

Dana Burkhard nutzte ebenfalls jede freie Minute für ihre Musik. «Ich habe so viele Songs geschrieben. Da sie nicht auf die Bühne können, müssen sie auf ein Album», sagt sie. Mit «Pretty Face» erschien im Herbst ein Vorgeschmack auf ihr erstes längeres Werk. Ein Meilenstein, der ihr in einem normalen Jahr kaum gelungen wäre.

DANAs neue Töne schlugen Wellen bis nach Indien, wo das Magazin «Rolling Stone» einen lobenden Artikel schrieb. Das Album erscheint im Herbst 2022. «Ich hoffe, wir können es dann mit einer Plattentaufe und einer Release-Tour feiern.»

Was Bund und Kanton zahlen

Alle Selbständigen erhalten Corona-Erwerbsersatz. Dabei werden 80 Prozent des AHV-pflichtigen Einkommens von 2019 durch die kantonale Ausgleichskasse entschädigt. Voraussetzungen sind eine Umsatzeinbusse aufgrund des Veranstaltungsverbots oder eine Einbusse von mindestens 40 Prozent und mindestens 10'000 Franken Einkommen.

Für den Kultursektor hat der Bundesrat ergänzende Massnahmen verabschiedet. Dazu gehört die Nothilfe von Suisseculture Sociale. Der Verein wird vom Bund finanziert und deckt akute Lücken. Auf kantonaler Ebene gibt es zudem die Ausfallentschädigung. Sie kommt bei eingeschränkten oder abgesagten Veranstaltungen für bis zu 80 Prozent des Schadens auf.

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Yann Lengacher, Redaktor

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