Aufgezeichnet von Caroline Freigang:

Meinen eigenen Text hier vorzulesen, wird seltsam sein. Aber es wird schneller gehen, denn ich werde keine Namen nachschauen müssen. Das braucht oft sehr viel Zeit. Ich möchte alles richtig aussprechen. Und kriege immer wieder Feedback von Hörerinnen und Hörern, wenn ich einen Fehler mache.

Letztens habe ich bei einem Bündner Bergdorf angerufen, um zu fragen, wie man einen Strassennamen ausspricht. Nach 30 Jahren habe ich eine gewisse Routine entwickelt, wie ich vorgehe. So lange lese ich den Beobachter schon ein für die SBS Schweizerische Bibliothek für Blinde, Seh- und Lesebehinderte.

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Dass ich dazu kam, war Zufall. Ich spielte Theater, brauchte einen Nebenverdienst. Eine Schauspielkollegin erzählte mir von ihrem Nebenjob bei der SBS – und dass man dort einen Nachfolger suche. Neben dem Beobachter lese ich auch Belletristik ein, Romane, Biografien.

So lange wie der Beobachter begleitet mich keine Publikation. Als ich anfing, musste ich ein Dokument unterzeichnen, dass ich niemandem verrate, was in der nächsten Ausgabe steht. Denn ich erhielt die Ausgaben vorab. Einmal habe ich eine Ausgabe sogar erst später gekriegt, weil der Inhalt so geheim war. Da ging es um die Kopp-Affäre, der Artikel sorgte mit für den Rücktritt von alt Bundesrätin Elisabeth Kopp 90 Jahre Beobachter Eine Zeitschrift verändert die Schweiz .

Kniffliges TV-Programm

Besonders gern lese ich die längeren Texte ein. Sie sind einfacher, man kommt in einen Fluss, möchte wissen, wie es weitergeht. Ich vermisse den 7-Minuten-Roman. Den gibt es leider nicht mehr. Kompliziert wird es beim TV-Programm. Für die zwei Seiten brauche ich rund eine Stunde.

Eine ganze Ausgabe einzulesen, dauert rund zwölf Stunden. Davon sind rund fünf Stunden reine Lesezeit. Hinzu kommen Korrekturen, manchmal verplappere ich mich. Bei komplizierten Texten lese ich mich ein. Es soll ja nicht so klingen, als würde ein kompletter Laie die Texte vorlesen. Das braucht Zeit.

Ich muss mir vor jedem Text überlegen, welche Stimmfarbe es braucht, ob sachlich oder emotional. Bei einem Medium wie dem Beobachter kann man Emotionen transportieren, es muss nicht klingen wie bei einem Nachrichtensender. Wenn ich etwas Trauriges vorlese, zum Beispiel über den Krieg in der Ukraine, kann ich zeigen, dass es mich berührt, dass ich mitfiebere.

«Schwer fällt es mir, wenn ich mit dem Inhalt eines Artikels nicht einverstanden bin.»

Daniel Goldberger, 63, Sprecher

Meine Arbeit als Vorleser sehe ich wie die eines Schauspielers: Ich übernehme eine Rolle. Schwer fällt mir das, wenn ich mit dem Inhalt eines Artikels nicht einverstanden bin. Das passiert beim Beobachter selten. In ganz wenigen Fällen, zum Beispiel wenn ich mit einem Leserbrief gar nicht übereinstimme, habe ich Möglichkeiten, das den Hörerinnen und Hörern mitzuteilen. Ich kann den Inhalt zwar sauber wiedergeben, aber mit dem Ton meiner Stimme andeuten, dass ich damit nicht einverstanden bin.

Ein ganzes Jahr geschwiegen

Man könnte meinen, das Vorlesen reiche mir. Aber ich verschlinge auch in der Freizeit viele Bücher. Ich hatte das Glück, dass meine Mutter mir das Lesen beigebracht Besser lesen lernen Warum schwachen Schülern nur mehr Tempo hilft hat, als ich vier Jahre alt war. Sie kam als ungarische Holocaust-Überlebende in die Schweiz und legte viel Wert darauf, dass wir Kinder die richtige Ausbildung erhielten. Als ich in den Kindsgi kam, war ich zu schüchtern, um mit anderen zu sprechen. Ein Jahr lang sagte ich kein Wort. Bis meine Mutter auf die Idee kam, mich etwas vorlesen zu lassen. Ich las ein Gedicht. Ab dem Zeitpunkt traute ich mich, mit den anderen zu reden.

Viele Jahre später las ich im Beobachter einen Artikel über Kinder, die ausserhalb ihres Daheims nicht sprechen können. Erst da habe ich verstanden, was mit mir los war. Das hat mich ziemlich aufgewühlt.

Ich hoffe, dass ich den Beobachter noch lange vorlesen darf. Mittlerweile gibt es ja Einlese-Roboter. Die lesen aber ohne die Emotionen einer menschlichen Stimme. Ich hoffe, dass ich es nicht mehr erlebe, durch so einen ersetzt zu werden. Ich finde, für die Hörerinnen und Hörer ist es ein riesiger Vorteil, eine menschliche Stimme zu hören.

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