Mal fühlt er eine «entsetzliche Lücke» in seinem «Busen» und ein Strom von Tränen bricht aus seinem «gepressten Herzen», mal möchte er sich vor Weh «die Brust zerreissen» – der junge Werther mit seinen Leiden ist wohl der berühmteste Liebeskümmerling der Literaturgeschichte. Goethes Bestseller um den unglücklich Verliebten und seine angebetete Lotte zeigt beispielhaft, wie Liebesweh körperlich aufs Herz schlägt.

Fragiles Zentralorgan

Das hat nicht zuletzt medizinhistorische Gründe, wie Psychokardiologe Christian Albus vom Universitätsklinikum Köln erklärt: Bei den ersten Leichensezierungen in der frühen Neuzeit entdeckten Forscher die zentrale Funktion des Herzens für den Organismus.

Diese Erkenntnis begünstigte dessen Wahrnehmung als Sitz der Seele, was sich in der «Empfindsamkeits»-Literatur des 18. Jahrhunderts niederschlägt: Alles Erleben geht durch das Herz – auch durch das von Werther. Jeder Nachwuchspoet reimt seither «Herz» auf «Schmerz». Und zahllose Redewendungen wie «etwas auf dem Herzen haben», «sich etwas zu Herzen nehmen» oder eben «das bricht mir das Herz» gründen ebenso in dieser Vorstellung.

Wenn es bis zum Hals schlägt

Wo die Seele wirklich sitzt, weiss die Wissenschaft noch immer nicht, dass aber Geist – also Hirn – und Herz zusammenwirken, ist mittlerweile medizinisch belegbar. Laut Christian Albus zeigen neuere Studien, dass Depressionen, Angst oder Trauer koronare Herzerkrankungen in besonderem Mass begünstigen. Zudem erhöht sich nach einem emotionalen Schock wie dem Tod eines nahen Angehörigen das akute Herzinfarktrisiko um das Zwanzigfache.

«Der Zusammenhang Herz-Hirn ist viel evidenter als bei anderen Organen», so Mediziner Albus. Hirn und Herz sind «bidirektional» verbunden, reagieren wechselseitig aufeinander. Wer etwa Angst hat, dessen Herz schlägt schneller. Nimmt der Betroffene das Herzrasen wahr, löst das noch mehr Angst aus, das Herz schlägt noch schneller.

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Dass «Herzeleid» ebenfalls mehr als ein Wahrnehmungsphänomen ist, verdeutlicht ein vor einigen Jahren entdecktes Syndrom. Nach ausserordentlichen emotionalen Belastungen wie einer Trennung kann sich das Herz in einer Art Schockstarre verformen und verengen, als Folge pumpt es nicht mehr richtig. Die Medizin spricht in einem solchen Fall vom Broken-Heart-Syndrom.

Es trifft meist Frauen über 50

 

Die Symptome dieser gefährlichen Erkrankung, die am häufigsten bei Frauen über 50 auftritt, sind ähnlich wie bei einem Herzinfarkt: starke Brustschmerzen und Atemnot. Anders als beim Herzinfarkt erholt sich ein «gebrochenes Herz» aber meist vollständig, wenn es behandelt wird.

Das gilt bekanntlich auch bei gewöhnlichem Liebeskummer. So stirbt der junge Werther nicht etwa an krankem Herzen. Er gelangt vielmehr zur bitteren Erkenntnis, dass seine geliebte Lotte niemals die Seine werden wird – «was soll diese tobende endlose Leidenschaft?» –, und schiesst sich am Ende in den Kopf.