Zur Person

Wulf Rössler war bis 2013 Professor für ­klinische Psychiatrie an der Uni Zürich und ­Direktor der Uniklinik für Soziale Psychiatrie und Allgemeinpsychiatrie. Heute ist er ­Professor an der Leuphana-Universität Lüneburg und an der Universität von São Paulo.

Beobachter: Drei Viertel aller Leute ­haben aussergewöhnliche Erlebnisse: Déjà-vus, Visionen, ausser­körperliche Erfahrungen. Sie auch?
Wulf Rössler: Ja, bei mir sind sogenannte Koinzidenzerlebnisse häufig. Zum Beispiel, dass ich jemanden anrufe und die Person sagt, dass sie mich soeben auch anrufen wollte. Aber ich messe dem keine Bedeutung bei.

Beobachter: Warum nicht?
Rössler: Für mich ist das ein Zufall. Unsere ­Leben kreuzen sich immer wieder mit anderen Leben, und da gibt es halt Punkte, wo beide gerade abgebogen sind. Rein statistisch gesehen, ist das möglich. Das braucht keine übersinnliche Erklärung.

Beobachter: Was ist der Unterschied zwischen Ihnen und Leuten, die da eine übersinnliche Bedeutung sehen?
Rössler: Rund zwei Drittel der Menschen glauben an eine übernatürliche Erklärung. Wir neigen allgemein dazu, im Alltag nach Transzendenz, nach Übersinn­lichem zu suchen. Wir wollen Erklärungen für Phänomene, die über das unmittelbar Erlebte hinausgehen. Das hat auch damit zu tun, dass der Mensch als einziges Lebewesen weiss, dass er sterben muss. Das ist schwer auszuhalten. Wir sehnen uns nach Zeichen dafür, dass es mehr gibt als nur diese materielle Welt.

Beobachter: Sie forschen auch nach biologischen ­Einflüssen bei solchen Erlebnissen.
Rössler: Es gibt Hinweise, dass Menschen mit einem höheren Dopaminspiegel im Hirn eher dazu neigen, solche übersinnlichen Erfahrungen zu machen. Dieser Botenstoff ist unter an­derem bei emotionalen und geistigen Abläufen im Hirn präsent und spielt vermutlich eine wichtige Rolle bei aus­ser­gewöhnlichen Erfahrungen.

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Beobachter: Mit einem höheren Dopaminspiegel erlebe ich also mehr Déjà-vus?
Rössler: Sie messen dem Erlebten eher eine übersinnliche Bedeutung zu. Interessant ist, dass Jugendliche beispiels­weise eher Déjà-vus erleben – und sie haben tendenziell mehr Dopamin im Hirn. Wie übrigens auch Verliebte.

Beobachter: Und Leute mit wenig Dopamin?
Rössler: Autisten zum Beispiel haben einen ­unterdurchschnittlichen Dopaminstoffwechsel. Und sie kennen diese ­Bedeutungszuschreibung nicht. Sie nehmen alles für bare Münze, genau so, wie sie es gesehen und erlebt haben. Sie machen deshalb auch weniger «übersinnliche» Erfahrungen.

Beobachter: Auch Leute mit einer Psychose haben ­einen hohen Dopaminspiegel. Gibt es da einen Zusammenhang?
Rössler: Da wird es heikel. Es ist nicht mein Anliegen, Leute, die aussergewöhnliche Erfahrungen machen, in eine Ecke zu stellen und zu pathologisieren. Aber es ist so: Die Grenze zwischen aussergewöhnlichen Erlebnissen und denjenigen Erfahrungen, die etwa schizophrene Menschen machen, ist unklar.

«Wir sehnen uns nach Zeichen dafür, dass es mehr gibt es als nur diese materielle Welt.»

Wulf Rössler, Psychiater

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Beobachter: Also ist ein übersinnliches Erlebnis schon krank?
Rössler: Das nicht. Alle psychischen Störungen ordnen sich auf einem Kontinuum an – es gibt nicht nur «krank» und «gesund», sondern ganz viele Zustände dazwischen. Es fängt erst an, krankhaft zu sein, wenn das Leben der Leute beeinträchtigt wird. Das ist bei einem Koinzidenz­erlebnis nicht der Fall. Da ist lediglich etwas da, was man nicht in Worte fassen kann. Eine Variante der Funktions­weise des Gehirns.

Beobachter: Aber es gibt trotzdem Ähnlichkeiten zwischen solchen Erlebnissen und ­psychischen Erkrankungen?
Rössler: Durchaus. Schizophrene können zum Beispiel nur schlecht unterscheiden zwischen der Aussen- und der Innenwelt. Sie denken, dass man ihnen ­Gedanken wegnehmen oder Gedanken ins Hirn einpflanzen kann. Ohne körperliche Grenze ist das, was im Hirn ist, und das, was ausserhalb ist, austauschbar. Und vermutlich haben auch Leute, die aussergewöhnliche Erfahrungen machen, eine schlechtere Fähigkeit, zwischen aussen und innen zu unterscheiden.

Beobachter: Was meinen Sie damit?
Rössler: Zu solchen Erfahrungen zählen ­etwa das Gedankenlesen oder das Hell­sehen, wo es zu Vermischungen zwischen innen und aussen kommt. Auch beim Déjà-vu glauben Leute teils, sie würden von aus­sen beeinflusst.

Beobachter: Wie erklären Sie denn eigentlich ein Déjà-vu?
Rössler: Vieles, was wir im Hirn gespeichert haben, unterdrücken wir. Es wäre gar nicht möglich, alles permanent im Kopf zu haben. Und beim Déjà-vu erlebt man plötzlich etwas, was an etwas Unterdrücktes aus der Vergangenheit erinnert. Es muss nicht exakt das Gleiche sein, aber wenn es auch nur eine Ähnlichkeit hat, beschleicht uns das Déjà-vu-Gefühl.

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Beobachter: Wie reagieren die Leute auf solche rationalen Erklärungen?
Rössler: Die wenigsten sind erfreut. (Lacht) Sie haben das Gefühl, ich entweihe die Erlebnisse, indem ich ihnen die Magie nehme. Aber das ist die Aufgabe der Forschung. Für komplexe Phänomene möglichst einfache ­Erklärungen zu finden. Und da bin ich Materialist. Ich glaube, dass die menschliche Existenz eine mate­rielle Grundlage hat.

Beobachter: Die Reaktion Ihres Gegenübers ist doch verständlich. Solche Erlebnisse können sinnstiftend sein.
Rössler: Das ist überhaupt nicht ausgeschlossen. Diese Freude darf man haben. Aber Leute nehmen auch Drogen, weil sie etwas Ausser­ordentliches erleben wollen – auch wenn sie wissen, dass dann das ­Erlebnis künstlich durch LSD hergestellt wird. Ist denn ein Gefühl weniger wertvoll, wenn es eine ­materielle, biologische Erklärung dafür gibt?

Beobachter: Dann verschwindet doch das ­Mysterium dahinter.
Rössler: Ich finde, das Hirn ist selber das Mysterium. Es ist doch unglaublich faszinierend, was das Gehirn alles kann. Mir genügt das.

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Quelle: Dominic Büttner
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