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Wo die Bücher wohnenDie schönsten Schweizer Bibliotheken

Totgesagte leben länger: Bibliotheken trotzen der Digitalisierung. Denn sie sind mehr als verstaubte Bücherspeicher.

Bibliotheken, im Bild die rechtswissenschaftliche Bibliothek in Zürich, haben ihre Anziehungskraft bis heute nicht verloren.
von aktualisiert am 04. Januar 2018

Moderne Kathedralen des Wissens

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Als Poet neigte er zum Überschwang. Zudem war der Argentinier Jorge Luis Borges auch Bibliothekar, also Partei. Dass er sich «das Paradies wie eine Bibliothek vorstellt», kann daher vielleicht nicht zum Nennwert genommen werden.

Oder doch? Wer in die barocke Pracht der St. Galler Stiftsbibliothek eintaucht, wähnt sich dem Himmel durchaus nahe. In anderen Bibliotheken ist diese würdige Erhabenheit ebenfalls spürbar – auch wenn die Hüllen darum herum hochmodern oder rein funktional sind.

Das mag an der beeindruckenden Menge von Wissen liegen, die in Bibliotheken gesammelt ist. Lange waren sie die erste und unangefochtene Anlaufstelle für Informationshungrige. Das hat sich mit dem Wechsel ins digitale Zeitalter drastisch geändert. Kann man die Bibliotheken also schliessen, weil sich heute alles Relevante im Internet findet? Die Legitimation des Dinosauriers wird längst öffentlich diskutiert.

Ein Volk von Bibliotheken-Fans

Doch das Papier, aus dem die Bücher sind, erweist sich als geduldig und resistent. Leicht verfügbares digitales Wissen hin oder her: Die Menschen fühlen sich von den Orten, an denen die Bücher wohnen, nach wie vor angezogen. 44 Prozent der Bevölkerung über 15 Jahre nutzt mehr oder weniger regelmässig eine Bibliothek, zeigt die Statistik über das Kulturverhalten in der Schweiz. Wenn man die jüngeren Kinder dazurechnet, ist es wohl mehr als die Hälfte. Registriert werden jährlich um die 22 Millionen Besuche. «Das ist das Zehnfache der Zuschauerzahl der obersten Fussball-Liga», vermerkt Hans Ulrich Locher, Geschäftsführer der Schweizer Bibliotheksverbände, süffisant.

Wann immer die Daseinsberechtigung der Bibliotheken hinterfragt wird, ärgern sich Locher und die Seinen über verstaubte Bilder. Bibliotheken seien längst nicht mehr bloss Lager- und Abholorte für Bücher, sondern hätten sich zu Lese-, Lern- und Begegnungszentren entwickelt, für Studierende ebenso wie für Familien, Quartierbewohner, Migranten. Tatsächlich steigen die Besucherzahlen, wo es grosszügige Verweilplätze gibt. Bibliotheken seien ihrer Zeit voraus gewesen, findet Hans Ulrich Locher: «Sie sind ein soziales Medium avant la lettre.»

 

#1: Speicherbibliothek, Büron

Speicherbibliothek, Büron
In der Speicherbibliothek herrscht ein Klima wie auf dem Eiger.
Quelle: Luca Zanier

Bau: Die erste Schweizer Speicherbibliothek wurde 2016 in einem Gewerbegebäude in Büron LU eingerichtet. Ihr Zweck ist es, Bücher aus Unibibliotheken zu lagern und zu bewirtschaften, um dort Platz zu schaffen.

Bestand: Derzeit sind in den 110'000 Plastikbehältern in den Regalen zwei Millionen Bücher eingelagert. Aufeinandergeschichtet würden sie einen Turm von 66 Kilometern Höhe ergeben. Die Speicherbibliothek ist modular konzipiert: Im jetzigen Bau hat es Platz für drei Millionen Bände, möglich wäre eine Erweiterung auf 14 Millionen.

Besonderheit: Ein Klima wie auf dem Gipfel des Eigers. Für einen optimalen Brandschutz ist der Sauerstoffgehalt in der Luft auf 13,3 Prozent reduziert. Menschen arbeiten im automatisierten Hochregallager nicht.

 

#2: Rechtswissenschaftliche Bibliothek, Zürich

Rechtswissenschaftliche Bibliothek, Zürich
230'000 Bücher und 500 Arbeitsplätze – diese Bibliothek bietet auch etwas fürs Auge.
Quelle: Luca Zanier

Bau: 2004 wurden die zuvor auf 12 Standorte verteilten Bereiche des Rechtswissenschaftlichen Instituts der Uni Zürich im Hochschulquartier zusammengefasst. Die Bibliothek wurde in einem modernen Ergänzungsbau im Innenhof untergebracht. Sie bietet 500 Arbeits- und Leseplätze.

Bestand: 230'000 Bücher und etwa 600 abonnierte Zeitschriften und Schriftenreihen. Fünf Kilometer Bücherregale aus Holz fassen die Titel.

Besonderheit: Die verglaste, linsenförmige Kuppel scheint über dem Lichthof zu schweben. «Bücher sind materiell und schwer, Wissen ist dagegen immateriell, gewissermassen schwerelos; das wollte ich sichtbar machen», sagt der spanische Stararchitekt Santiago Calatrava dazu.

 

#3: Stiftsbibliothek, St. Gallen

Stiftsbibliothek, St. Gallen
Wer an Inkunabeln und frühen Druckwerken interessiert ist, wird in St. Gallen fündig.
Quelle: Luca Zanier

Bau: Die Stiftsbibliothek St. Gallen ist die älteste Bibliothek der Schweiz und eine der bedeutendsten Klosterbibliotheken der Welt. Kernstück ist der barocke Büchersaal, erbaut 1758 bis 1767.

Bestand: Die Bibliothek besitzt rund 175'000 Bücher, von denen etwa 30'000 im Barocksaal aufgestellt sind. Hinzu kommen 2100 Handschriften sowie 1700 Inkunabeln (Druckwerke vor 1500) und Frühdrucke (Bücher nach 1500). Die nach dem Jahr 1900 entstandenen Dokumente kann man ausleihen, die älteren einsehen.

Besonderheit: Eine Abschrift des vermutlich ersten Texts überhaupt, in dem von Europa als kultureller Einheit die Rede ist. Der irische Mönch Kolumban hat den Brief um 600 nach Christus an Papst Gregor den Grossen geschrieben. 

#4: Pestalozzi-Bibliothek, Zürich Altstadt

Pestalozzi-Bibliothek, Zürich
Ein bunt gemischtes Publikum findet hier niederschwelligen Zugang zu Wissen.
Quelle: Luca Zanier

Bau: Die Pestalozzi-Bibliothek (PBZ) ist die öffentliche Bibliothek der Stadt Zürich. Der Standort Altstadt ist der grösste der 14 Zweigstellen. Er befindet sich in einem 2007 umgebauten und erweiterten Gebäude mit grosszügigen Lese- und Verweilplätzen.

Bestand: Alle PBZ-Filialen sind miteinander vernetzt. Sie enthalten 460'000 physische und 32'000 elektronische Medien. In der Altstadt sind es rund 74'000 Titel.

Besonderheit: Die Lage im Niederdörfli. Im alten Ausgeh- und Rotlichtviertel der Stadt findet ein bunt gemischtes Publikum niederschwelligen Zugang zu Wissen und Information. Quartierbewohner, Schulklassen, Touristen und Pendler leihen hier pro Jahr durchschnittlich 450'000 Titel aus.

 

#5: Bibliothek des Rolex Learning Centers, Lausanne

Bibliothek des Rolex Learning Centers, Lausanne
Preisgekrönte Architektur: In dieser Bibliothek gibt es weder Wände noch Treppen.
Quelle: Luca Zanier

Bau: Die Bibliothek ist Teil einer riesigen Lern- und Leselandschaft auf dem ETH-Campus in Lausanne (EPFL). Zum multifunktionalen Komplex, der 2010 eröffnet wurde, gehören auch ein Hörsaal, eine Ausstellungshalle, Arbeits- und Konferenzräume sowie Ruhezonen.

Bestand: Mehr als 500'000 gedruckte Bände und zahllose digitalisierte Dokumente aus zehn EPFL-Instituten.

Besonderheit: Die spektakuläre, preisgekrönte Architektur des japanischen Büros Sanaa. Im Innern des eingeschossigen, fast 20'000 Quadratmeter grossen Gebäudes gibt es weder Wände noch Treppen. Stattdessen trennen Hügel, Senken und Kurven die verschiedenen Bereiche und erschliessen den zentralen Bibliotheksteil.

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Tina Berg, Online-Redaktorin

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