Wenn Nathaly Tschanz zügelte, brauchte sie keinen Lastwagen – zwei Koffer und einen Laptop, mehr hatte sie nicht dabei. Möbel und Kisten wären bei fünf Wohnungswechseln innert zweieinhalb Jahren nur hinderlich gewesen.

Der Grund für die vielen Wechsel: Vor vier Jahren hatte die heute 38-jährige Redaktionsleiterin von Beobachter.ch ­einen Job in der Region Bern angenommen. «Ich wusste, dass ich dort nicht ewig bleiben würde», sagt sie rückblickend. Zum Pendeln war die Distanz zu gross, und Lust auf eine eigene Wohnung in Bern hatte sie nicht. «So entstand die Idee, als Untermieterin in möblierte Wohnungen zu ziehen», sagt Tschanz.

«Ich wollte mich von dem Ballast befreien, den man mit sich herumträgt.»

Nathaly Tschanz, Journalistin

Den Entscheid fällte sie aber nicht nur aus praktischen Gründen, sondern sehr bewusst: «Ich wollte ein Stück weit anders leben als bisher und mich von dem Ballast befreien, den man mit sich herumträgt – die Untermiete bot die Chance dazu.» Um für die häufigen Umzüge ausreichend mobil zu sein, reduzierte sie ihren Besitz nach und nach auf ein Minimum: Ihre Bücher brachte sie ins Brockenhaus und stellte auf ein Lesegerät um, die CDs wurden im Laptop ­gespeichert und verkauft, eigene Möbel brauchte sie keine.

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Die Chance, Menschen kennenzulernen

Die erste Wohnung entdeckte Tschanz im Internet. Vier Monate wohnte sie dort, die Mieterin war im Ausland. Danach wechselte Tschanz alle drei bis vier Monate die Adresse. «Ich habe spannende Leute getroffen, mit denen ich zum Teil bis heute in Kontakt stehe», sagt sie.

In einer fremden Wohnung zu leben war für Tschanz kein Problem: «Nicht immer war alles ganz nach meinem ­Geschmack eingerichtet, aber wenn man nur kurz bleibt, arrangiert man sich.» Für sie waren die Wohnungen auch eine Chance, Neues kennenzulernen: «So konnte ich in verschiedenen Berner Stadtteilen leben», sagt sie. Für einige Monate bewohnte sie ein WG-Zimmer im beliebten Länggassquartier, ein andermal eine Wohnung mit Garten.

Nathaly Tschanz: «In meinem Laptop habe ich alles dabei, was ich brauche.»

Quelle: Tanja Demarmels
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Das Internet verändert die Lebensweise

«Wohnungs-Hopper» wie sie praktizieren eine mobile Art des Wohnens. Neben Leuten, die lokal umziehen, gehören diejenigen dazu, die mehrere Wohnsitze haben – zum Teil in verschiedenen Ländern. Die Wissenschaft nennt das Phänomen «multilokales Wohnen». In der Schweiz nutzen laut einer aktuellen Studie der ETH Zürich 28 Prozent der Bevölkerung parallel mehrere Wohnsitze.

Europaweit beschäftigt sich ein ganzes Forschernetzwerk mit dem Thema. Einer der Treiber der Wohnmobilität ist das Internet: «Die heutigen Kommunikationsmittel binden uns oft nicht mehr an einen fixen Wohn- oder Arbeitsort», sagt Cédric Duchêne-Lacroix, Sozialwissenschaftler an der Universität Basel. Das sieht auch Nathaly Tschanz so: «In meinem Laptop habe ich alles dabei, was ich brauche.»

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«Ohne rasche und günstige Mobilität gäbe es die neuen Wohnformen nicht.»

Robert Nadler, Geograf

Weitere Treiber des multilokalen Wohnens sind billige Flugverbindungen, Hochgeschwindigkeitszüge und Fernbusnetze. «Ohne rasche und günstige Mobilität gäbe es die neuen Wohn- und Lebensformen nicht», sagt Robert Nadler. Er hat am Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig geforscht und ist im Rahmen seiner Doktorarbeit auch auf extreme Formen der Wohnmobilität gestos­sen. Etwa auf Leute, die wechselweise ein paar Tage in München, Berlin, London oder Madrid arbeiten und keinen festen Wohnsitz mehr haben, sondern ausschliesslich in Hotels leben.

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Multilokales Wohnen ist vor allem in der Kreativwirtschaft und in Teilen der Wissenschaft verbreitet. «Es gibt heute diverse Berufe, für die eine wechselnde Präsenz an verschiedenen Orten sehr wichtig ist», sagt Forscher Nadler.

Neu ist das Phänomen eigentlich nicht. «Multilokales Wohnen ist Teil ­unserer Geschichte», sagt Forscher Duchêne-Lacroix. Nomaden oder Wanderarbeiter sind für ihn Beispiele, aber auch Bergbauern, die früher je nach Jahreszeit im Tal oder in Alphütten lebten.

An Erfahrungen reicher

Zurzeit hat Nathaly Tschanz wieder eine eigene Wohnung. Dem multilokalen Wohnen ist sie aber ein Stück weit treu geblieben: Unter der Woche lebt sie in Zürich, am Wochenende wohnt sie bei ihrem Partner in Walenstadt SG.

Auch wenn derzeit kein Umzug angesagt ist, möchte sie die Erfahrung nicht missen: «Durch die häufigen Umzüge habe ich heute keine Angst mehr vor örtlichen Veränderungen. Und ich weiss, dass ich mit wenigen persönlichen Dingen auskommen kann.» Sollte sie einmal für einen Job ins Ausland gehen, wäre das kein Problem: «Ich würde zur Untermiete wohnen und nur meine zwei Koffer und den Laptop mitnehmen.»

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Temporäre Hüter für Heim und Haustier

Sie reisen um die Welt, wohnen in den Häusern anderer Leute, schauen zu deren Gärten und füttern die Haustiere. Housesitter haben sich in den letzten Jahren als Lösung während Ferienabwesenheiten etabliert. So funktioniert die Sache:

Housesitter finden
Diverse Websites führen Housesitter und Hausbesitzer zusammen. Am besten stellt man drei, vier Monate vor Abreise ein Inserat online. Die Bewerbungen umfassen meist ein Foto, einen persönlichen Brief, in dem sich die Housesitter vorstellen, und Empfehlungsschreiben anderer Hausbesitzer. Mit passenden Sittern tauscht man sich dann per Mail oder Skype aus.

Sicherheit
Wie überall im Internet gilt: 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht. Eine Hilfe sind aber die Referenzen, die man bei den Hausbesitzern, bei denen die Sitter zuvor gewohnt haben, einholen kann. Die Housesitter sollten über eine Haftpflichtversicherung verfügen, und man kann ein Depot sowie eine Ausweiskopie verlangen. Ein knapper Vertrag hält die wichtigsten Punkte fest: Dauer des Sittings, Pflichten der Housesitter, die wohnberechtigten Personen, Rückgabe des Hauses (zum Beispiel gereinigt). Wertsachen sollte man an einem sicheren Ort hinterlegen und Nachbarn über die Sitter informieren.

Bezahlung
In der Regel wohnen Sitter kostenlos (inklusive Strom, Warmwasser, Heizung). Falls doch eine Bezahlung erfolgt, ist die Höhe im Vertrag zu regeln.

Organisation
Am besten reisen Housesitter einen Tag vor der eigenen Abreise an. So bleibt Zeit für eine Einführung. Hilfreich ist eine möglichst mehrsprachige, schriftliche Dokumentation mit Adressen und nützlichen Informationen zu Haus, Garten und Tieren.

Auswahl von Housesitting-Plattformen