Er war ein bisschen unaufmerksam, vielleicht auch etwas schusselig. Als Sebastian Wenger* im Schritttempo aus dem Parkhaus des Flughafens Kloten fuhr, kam sein Wagen ruckartig zum Stillstand. Wenger prallte mit der Brust auf das Steuerrad. Ein Bagatellunfall und erst noch selbst verschuldet. Das war vor vier Jahren.

Wenger war damals 50, ein sportlicher, kräftig dynamischer Mann, der einen Kaderjob hatte und für seine Firma ständig auf Achse war. Nach dem Aufprall verspürte er starke Schmerzen in der Brust. Er meldete den Vorfall der Versicherung und erhielt kurz darauf eine Kostengutsprache für zehn Behandlungen beim Chiropraktiker. Der hatte ihn schon bei früheren Verletzungen betreut.

Die ersten fünf Behandlungen bringen keine Linderung. Am sechsten Termin an jenem schicksalhaften Tag Ende Oktober 2012 behandelt der Chiropraktiker die oberen Halswirbel. Danach ist nichts mehr wie zuvor.

30 Minuten nach der Behandlung treten erste Störungen auf. Auf dem Weg ins Büro verliert Wenger die Kontrolle über seinen Körper. Er stösst mit der Hand an einen Pfosten, lässt die Autoschlüssel fallen, kann die Kaffeetasse nicht mehr halten.

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Es packt ihn die grosse Angst

Nach einer Sitzung verliert er im Geschäft das Gleichgewicht und fällt vom Stuhl. Trotzdem fährt Wenger mit dem Auto nach Hause. Unterwegs gerät er auf die Gegenfahrbahn, kann aber noch rechtzeitig einbiegen. «Seltsamerweise bin ich nicht einmal erschrocken», sagt Wenger.

Zu Hause will er den Computer einschalten, kann sich aber nicht mehr ans Passwort erinnern. Da packt ihn die grosse Angst. Er schafft es gerade noch, einen Bürokollegen anzurufen. Der fährt ihn ins Spital Limmattal. Auf dem Parkplatz des Spitals wählt Wenger die Nummer des Chiropraktikers, erreicht ihn aber nicht. Er schildert der Rezeptionistin die Symptome. Sie meint, das könne vorkommen, deswegen müsse er nicht extra ins Spital kommen. Trotzdem sucht er die Notfallaufnahme auf. Dort werden Röntgenbilder und eine Computertomografie gemacht.

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Sein Mund hängt schräg, Speichel tropft, der Arm ist wie gelähmt. Sie könne nichts Auffälliges feststellen, sagt die Ärztin.

Die Untersuchungen nehmen ihren Lauf. Nachmittags um vier erklärt die Ärztin auf der Notfallabteilung, sie könne nichts Auffälliges feststellen. Obwohl Wengers Mund schräg hängt, Speichel aus dem Mundwinkel tropft und sich der eine Arm taub anfühlt. Die Ärztin sagt, er solle in einer Woche erneut für ein MRI vorbeikommen.

Sein Fuss knickt zwar immer wieder ein, trotzdem geht Wenger zu Fuss ins Büro, das anderthalb Kilometer weit entfernt liegt. Ein Bürokollege fährt ihn später nach Hause.

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Gelähmter Arm und Hirninfarkt

Beim Aussteigen merkt er, dass er nicht mehr aufrecht gehen kann. Sein linker Arm ist gelähmt. Er gerät in Panik, meint, keine Luft mehr zu bekommen. Seine Freundin ruft im Spital Limmattal an, spricht mit derselben Ärztin, die ihn untersuchte. «Ja, dann kommen Sie halt nochmals vorbei», lässt sie ihm ausrichten. Wengers Symptome sind die gleichen wie einige Stunden zuvor. In der Notfallstation sagt die Ärztin: «Gut, dass Sie gekommen sind, wir nehmen das sehr ernst.»

Nach einem Computertomogramm eröffnet sie Wenger, er habe eventuell einen Riss in der Halsschlagader. Weil die Intensivstation voll ist, wird er ins Zürcher Stadtspital Triemli verlegt. Dort steckt man ihm eine Infusion und versorgt ihn mit Sauerstoff.

Dann folgt die Diagnose. Die innere Halsschlagader ist gerissen, was einen Hirninfarkt ausgelöst hat.

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Ein Schatten seiner selbst

Wenger bleibt zwölf Tage im Spital. Darauf folgen acht Wochen in der Rehabilitation in Zurzach. Ein Jahr lang leidet der Mann an schweren Schlafstörungen, klagt über Ängste und Verspannungen, ist nur gering belastbar und hat posttraumatische Symptome.

Die Hilflosigkeit führt zu Gefühlsschwankungen. Wenn Wenger überfordert ist, überkommen ihn Weinkrämpfe. Sein Gedächtnis wird schwächer, und die Fähigkeit, Probleme zu lösen, ist reduziert. Der Mann, der früher Triathlons durchstand, ist ein Schatten seiner selbst.

Zwei Tage nach dem Hirninfarkt erhält Wenger den nächsten Schlag. Seine Versicherung, die Mobiliar, bei der er privat versichert ist, lehnt die Haftung ab. Seine Beschwerden seien nicht auf den Bagatellunfall oder die Fehlmanipulation durch den Chiropraktiker zurückzuführen, schreibt die Mobiliar. Seither liegt Wenger mit ihr im Streit. Es geht um viel.

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Auf dem Weg ins Büro verliert Wenger die Kontrolle über seinen Körper.

Quelle: Andreas Gefe

Wenger kann zwar schon im April 2013 wieder zu 30 Prozent arbeiten, bei minimaler Anforderung. «Mein Ziel war natürlich, wieder voll dabei zu sein», sagt Wenger. In der Firma, die er aufbaute und in der er eine Kaderfunktion hatte, nimmt man anfänglich Rücksicht. Wenger steigert sein Pensum nach zwei Jahren auf 50 Prozent, doch das ist zu viel für ihn. Er bricht zusammen.

Die freundliche Stimmung im Geschäft schlägt um. «Ich war nicht mehr der Mann von früher», erzählt er. Im Mai kündigt ihm die Firma. «Ich war nicht mehr leistungsfähig genug», sagt Wenger lapidar. Er erhielt noch ein paar Monate lang den Lohn, aber kein Taggeld mehr. Über die Runden kommt er nur dank der Hilfe seiner Lebenspartnerin. «Der Einkommensverlust und die Selbstbehalte der Krankenkasse haben ein existenzbedrohendes Ausmass angenommen», sagt Wenger. Seit Januar hat er einen auf ein Jahr beschränkten Halbtagsjob. Das Gesuch auf eine Teilrente bei der Invalidenversicherung läuft.

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Die Bagatelle wird zum Millionenfall

Die Mobiliar lehnt jeden Anspruch ab. Sie verneint einen direkten Zusammenhang zwischen der Behandlung beim Chiropraktiker und dem Hirninfarkt. Ein Gerinnsel, das den Hirnschlag auslöste, hätte schon vorher bestanden haben können, argumentiert sie. Gutachten zeigen allerdings, dass bei Wenger keine genetische Gefässschwäche feststellbar ist. Zur Last gelegt wird Wenger auch, dass er schon während der Behandlung beim Chiropraktiker wieder mit Sport begonnen hat und zur Arbeit gegangen ist.

Käme die Versicherung mit ihrer Argumentation durch, wäre sie fein raus. Das würde sich lohnen, denn Krankenkosten und mutmassliche Rente könnten die Mobiliar einen Millionenbetrag kosten. Denn Sebastian Wenger wird nie wieder zu mehr als 50 Prozent arbeitsfähig sein können – und das auch nur bei einer angepassten Tätigkeit.

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Die Weigerung der Versicherung, Kosten zu übernehmen, hat zur Folge, dass Abklärung auf Abklärung folgt. Neurologen, Psychiater, Neuropsychologen, Radiologen und Chirurgen – sie alle wollen Wenger jetzt begutachten. Ein 34-seitiges Gutachten des Inselspitals Bern vom September 2014 bestätigt, der Hirnschlag sei mit «überwiegender Wahrscheinlichkeit auf die unmittelbar vorangehende Manipulation» beim Chiropraktiker zurückzuführen.

In der medizinischen Literatur finden sich Hunderte von Fällen, bei denen es nach einer Manipulation am Hals zum Riss der Schlagader kam.

War der Griff am Hals die Ursache?

Doch das Problem – auch für den Gutachter des Inselspitals Bern: Der Nachweis, dass ein kausaler Zusammenhang besteht, bleibt wie so «oft unklar». Für die Versicherung war das der Strohhalm. Fazit des zehnseitigen Entscheids der Versicherung: Niemand trifft ein Verschulden, das Ereignis sei «schicksalhaft» gewesen.

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Wenger erhebt gegen den Entscheid der Mobiliar Einsprache, bringt den Fall ans Sozialversicherungsgericht. Auch dort kommt er nicht durch. Laut Gericht hat der Chiropraktiker «keine grobe Ungeschicklichkeit» begangen. Und wie schon die Mobiliar argumentiert es, das Schadensereignis sei kein Unfall im Sinne des Gesetzes, sondern es sei krankheitsbedingt entstanden.

Salopp lässt sich das Urteil so zusammenfassen: Pech gehabt, niemand ist schuld. «Mich hat dieser Entscheid wieder stark zurückgeworfen», sagt Wenger, «dabei sollte ich doch jeden Stress vermeiden.» Er ist trotzdem überzeugt, dass er noch Recht bekommen wird. Seine Rechtsschutzversicherung hat ihm für den Gang ans Bundesgericht grünes Licht gegeben.

«Meine Lebenspartnerin sagt, ich habe mich komplett verändert.»

Sebastian Wenger*

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Wenger kennt medizinische Bücher mittlerweile in- und auswendig. Er macht keine Schuldzuweisungen, möchte aber endlich ernst genommen werden. Mit den Ärzten im Spital Limmattal hat er seinen Fall diskutiert und konnte abschliessen. Die Spitalleitung hat sich bei ihm entschuldigt. Ihr gegenüber hegt er keinen Groll, zumal ein Arterienriss nur schwer erkennbar ist. Schwerer verdaulich ist für ihn allerdings, dass sich der Chiropraktiker nie bei ihm entschuldigt hat.

Wengers früheres Leben und seine Karriere sind durch den Hirnschlag zerstört worden. Mit den Folgen wird er sein Leben lang kämpfen. Er schläft schlecht, hat ständig Schmerzen, kann sich nur noch schlecht konzentrieren, ist nicht mehr belastbar. Er leidet unter einem Tinnitus und an epileptischen Anfällen. Der einst gesellige Wenger ist ein anderer Mann geworden. «Meine Lebenspartnerin sagt, ich habe mich komplett verändert.»

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Er versucht, im Rahmen des Möglichen seine heutige körperliche und geistige Fitness zu halten. Doch die Zukunft belastet ihn. Er befürchtet weitere gesundheitliche Probleme.

So bleibt ihm nur die Hoffnung, vor Bundesgericht doch noch zu seinem Recht zu kommen.

* Name geändert