Das Haus, in dem Sophia* lebt, ist immer verschlossen, die Zimmerfenster sind vergittert, und neben der Kinderrutschbahn ragt ein Stacheldrahtzaun in die Höhe. Die Kleine stört das nicht, sie ist erst ein Jahr alt und noch zu klein. Irgendwann, wenn ihre Tochter älter ist, will Natalie Flüeler* ihr erzählen, wo sie ihre Kindheit verbracht hat: im Gefängnis. «Ich werde sagen, dass Mami einen Fehler gemacht hat», sagt die 29-Jährige. «Und dass meine kleine Tochter mir geholfen hat, die Zeit hinter Gittern durchzustehen.»

Seit 13 Monaten lebt Natalie Flüeler mit Sophia in der Wohngruppe Mutter-Kind (Muki) in der Justizvollzugsanstalt für Frauen in Hindelbank. Es ist der einzige Ort in der Deutschschweiz, wo Frauen ihre Strafe mit ihren Kindern absitzen können. Derzeit wohnen drei Mütter, fünf Kinder und eine schwangere Frau hier. Platz hätte es für sechs Mütter, voll ist es hier aber nie. Vor ein paar Wochen hat Insassin Adeyemi Anekwe* das jüngste Kind zur Welt gebracht.

Wie ein Gefängnis wirkt die Wohngruppe nicht, zumindest nicht auf den ersten Blick. Von der Decke baumeln Fische und Vögel aus buntem Stoff – von einer Insassin genäht. Im Wohnzimmer liegen Spiele herum, im Keller stapeln sich Windeln und Babynahrung. Und vor dem Haus stehen die grellbunte Rutschbahn und eine Holzschaukel. Die Zimmertüren der Frauen sind immer unverschlossen. «Wenn das Kind schlecht schläft, müssen die Frauen Wasser und Brei holen oder mit dem Kind herumlaufen und es in den Schlaf wiegen können», erklärt Salome Heckendorn, Wohngruppenleiterin der Muki. «Deshalb verschliessen wir die Türen auch in der Nacht nicht wie sonst in der Strafanstalt üblich.»

Abgesehen von solchen kleinen Vorteilen ist der Tagesablauf genauso strikt geregelt wie für alle anderen Hindelbank-Insassinnen. Zwischen 8 und 16 Uhr arbeiten die Frauen – in der Küche, der Putzequipe, im Garten. Während dieser Zeit sind die Kinder in der Kindertagesstätte im Dorf. Danach essen die Insassinnen der Muki gemeinsam. Anschliessend spielen sie mit den Kindern oder sehen fern. Um Viertel nach acht müssen die Kinder im Bett sein, um Viertel nach zehn die Frauen.

«Ich verfluche mich dafür, dass ich meine Kinder für Geld betrogen habe.» – Derzeit wohnen hier drei Mütter, fünf Kinder und eine schwangere Frau.

Quelle: Annick Ramp/NZZ
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Die meisten Frauen in Hindelbank sitzen wegen Diebstahl, Einbruch oder Drogendelikten ein. Natalie Flüeler hat Drogen geschmuggelt. Sie wurde mehrere Jahre nach der eigentlichen Tat erwischt, als sie aus Brasilien in die Schweiz einreiste, die neugeborene Tochter auf dem Arm. Am Flughafen Zürich-Kloten schnappten die Handschellen zu, sie wurde in eine kleine Zelle gebracht. Sie schwitzte, zitterte. «Bitte nehmt mir meine Tochter nicht weg», war das Erste, was ihr durch den Kopf schoss. Mittlerweile wurde sie in erster Instanz zu 42 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Bei guter Führung kann sie Hindelbank nächstes Jahr verlassen.

Adeyemi Anekwe sitzt ebenfalls wegen Drogenschmuggels in Hindelbank. Während der Schmuggelfahrt von Deutschland nach Biel, bei der ein Kollege das Auto steuerte, war sie mit dem fünften Kind schwanger, drei ihrer Kinder sassen auf der Rückbank. Mit dabei: Snacks, Wasser und 600 Gramm Kokain.

«Ich werde nie vergessen, wie man mich verhaftete», erzählt die Nigerianerin stockend. Die Polizisten seien mit Gewehren auf das Auto zugestürmt, hätten sie zu Boden gedrückt und ihr die Hände hinter dem Rücken gefesselt. Sie weiss noch genau, was sie damals dachte: «Ich verfluchte mich dafür, dass ich meine Kinder für Geld betrogen hatte.» Die vier älteren sind vorübergehend in einem Pflegeheim in Deutschland untergebracht, ihr Neugeborenes hat sie bei sich. Für den Kaiserschnitt war sie sieben Tage im Spital, dann gings umgehend zurück nach Hindelbank.

«Wir haben hier ein kindgerechtes Umfeld aufgebaut.» – Blick in eine Mutter-Kind-Zelle.

Quelle: Annick Ramp/NZZ
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Im Wohngruppenalltag gibt es eine zentrale Maxime: Die Mutter ist in Haft, das Kind nicht. Deshalb steht das Wohl der Kleinen stets im Vordergrund. Für sie wäre es in der ersten Lebensphase schädlich, von der Mutter getrennt zu sein, sagt Anstaltsdirektorin Annette Keller. Schädlicher als ein Leben im Gefängnis. «In der Muki haben wir ein kindgerechtes Umfeld aufgebaut.» Und damit die Kinder Kontakt zur Aussenwelt haben, sind sie ab einem Alter von 16 Wochen tagsüber in der Kita. Sie können auch jederzeit den Vater oder die Grosseltern besuchen, für einen Tag, ein Wochenende oder eine Woche.

Die Betreuerinnen – eine Hebamme, eine Mütterberaterin und eine Kinderärztin – unterstützen die Frauen. «Manche Kinder haben hier bessere Startmöglichkeiten als bei einer Mutter, die verwahrlost zu Hause wohnt.»

Die Kinder dürfen bei der Mutter bleiben, bis sie drei sind. Danach fangen sie an zu realisieren, wo sie sind. «In dieser unnatürlichen Umgebung würden sie in ihrer Entwicklung beeinträchtigt», sagt Direktorin Keller. Sie würden im Kindergarten etwa anfangen, Häuser mit vergitterten Fenstern zu zeichnen.

Wenn die Haft der Mutter länger dauert, wird das Kind deshalb fremdplatziert oder bei Verwandten untergebracht. «Eine Trennung ist für Dreijährige sehr brutal», erklärt Keller. «Wir versuchen das wenn immer möglich zu vermeiden.» In der Geschichte der Wohngruppe, die 1962 ins Leben gerufen wurde, kam es deshalb erst zu zwei Trennungen. Die allermeisten Mütter verlassen Hindelbank nach abgesessener Strafe zusammen mit den Kindern, bevor diese die Altersgrenze erreicht haben.

«Manchmal weiss ich nicht mehr, was ich mit dem Kind machen soll.» – Spielplatz hinter Gittern.

Quelle: Annick Ramp/NZZ
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Nicht nur das Alter der Kinder ist entscheidend, ob eine Mutter in die Muki einziehen kann. «Akut Drogensüchtige sind nicht willkommen», sagt Wohngruppenleiterin Salome Heckendorn. Zudem sollten die Frauen nicht gewalttätig sein. Im Zweifelsfall wird gemeinsam mit der Kindesschutzbehörde Kesb entschieden, ob der Aufenthalt in der Muki für das Wohl des Kindes am besten wäre. Mitberechnet werden auch die finanziellen Folgen: Ein Tag in Hindelbank für eine Frau kostet 347 Franken – der einweisende Kanton zahlt für ein Kind zusätzlich 152 Franken. 

Dass die Kinder hinter Gittern leben, macht sich trotz aller Bemühungen immer wieder bemerkbar. Weil Sophia es liebe, an der frischen Luft zu sein, wollte sie an einem sonnigen Samstagmorgen nach draussen, um auf der Rutschbahn zu spielen, erzählt ihre Mutter Natalie Flüeler. Aber weil die Betreuer am Wochenende erst um zehn Uhr in die Anstalt kommen, war das Haus abgeschlossen, die Rutschbahn ausser Reichweite. 

«Sophia stand dann mit mir im ‹Raucherkäfig›, einer kleinen, abgesperrten Terrasse, und verstand nicht, weshalb sie nicht im Gras herumtollen konnte», sagt Flüeler mit Tränen in den Augen. «In diesem Moment habe ich mich dafür gehasst, dass ich das meiner Tochter antue.»

Schuld- und Schamgefühle sind für die Frauen in Hindelbank stete Begleiter. Auch für Adeyemi Anekwe. «Ich glaube nicht, dass das Gefängnis ein guter Ort für Kinder ist», sagt sie. «Sie merken, wenn ihre Mutter gestresst ist. Und das sind fast alle hier.» Nicht nur wegen des Gefängnisalltags, sondern auch, weil sie in einer schwierigen Umgebung lernen müssen, die Herausforderungen eines Kleinkinds zu meistern. Belastend sind für Natalie Flüeler deshalb auch die Wochenenden, wenn das Kind nicht in die Kita geht, sondern 24 Stunden am Stück bei ihr bleibt. «Obwohl ich Sophia unglaublich liebe, weiss ich manchmal nicht mehr, was ich mit ihr machen soll.» Sehr gern würde sie in den Zoo. Oder in den Wald. Oder auf den Spielplatz. «Die Ideen gehen mir zwischen diesen vier Wänden aus.»

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«Die Kinder sind völlig unschuldig. Sie dürfen nicht für die Taten der Mutter büssen.» – Die Spielsachen stehen bereit.

Quelle: Annick Ramp/NZZ



Die Vorwürfe kommen nicht nur von innen. Sondern auch von Familie, Kollegen, der Öffentlichkeit. «Meine Eltern fragen mich ab und zu, wie ich das einem Kind antun kann», erzählt Flüeler. Als sie in das Drogengeschäft verwickelt war, war sie noch nicht mal schwanger. Hätte sie anders gehandelt, wenn sie damals schon Mutter gewesen wäre? Flüeler lächelt gequält. «Ich war damals in einer Notlage. Ich hoffe, ich hätte anders gehandelt. Aber ganz sicher bin ich nicht.» 

Ein grosses Thema ist die Selbstverantwortung. Die Betreuerinnen versuchen, den Frauen bei der Erziehung die grösstmögliche Freiheit zu lassen – auch wenn sie mit den Resultaten nicht immer einverstanden sind. Wenn etwa eine Frau ihr Kind stundenlang vor der Glotze sitzen lässt oder ihm zuckrigen Brei verfüttert. «Aber das machen Mütter draussen auch», sagt Heckendorn. «Am Ende ist es ihre Entscheidung.» Die Grenze ziehen die Betreuer dort, wo Mütter den Kindern schaden: Schläge tolerieren sie nicht. Trotzdem fühlen sich die Frauen manchmal bevormundet. Etwa wenn ein Kind krank ist, die Mutter es behandeln lassen würde, die zuständige Kinderärztin dies aber nicht nötig findet. «Es ist immer wieder eine Gratwanderung», sagt Heckendorn.

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Die Stimmung in der Wohngruppe ist einigermassen gut. Doch Querelen sind normal. An das letzte grosse Drama erinnert sich Annette Keller genau: «Das war gestern vor acht Jahren. Das Datum werde ich nie vergessen.» Damals eskalierte ein Streit zwischen zwei Frauen. In der Verzweiflung schnappte eine das Kind der anderen und drohte, es zu schlagen. Sobald die beiden Frauen getrennt und die Kinder in Sicherheit waren, begann sich Keller um die Fremdplatzierung der beiden Babys zu kümmern. Ihr Gesicht verdüstert sich, als sie sich an die Schreie der Mütter erinnert, die von einem Tag auf den andern von ihren Kindern getrennt wurden. «Es war mein schwierigster Tag im Vollzug.»

«Manche Kinder haben hier bessere Startmöglichkeiten als bei einer Mutter, die verwahrlost zu Hause wohnt.» – Ein bisschen Farbe an der Gefängnisdecke.

Quelle: Annick Ramp/NZZ



Um solche Eskalationen zu vermeiden, hat Hindelbank das Konzept umgestellt. In der Wohngruppe wurde angebaut, um mehr Platz zu schaffen. Zudem hat die Leitung die externe Kinderbetreuung organisiert. «Vorher waren Frauen und Kinder 24 Stunden am Stück auf engem Raum zusammengepfercht», erklärt Keller. «Irgendwann hat es jemanden einfach verblasen.»

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Mehr Platz, eine Kita, Zeit mit den Kindern, gratis Spielsachen und Windeln – manch einer denkt an eine Kuscheljustiz, wenn die Vorteile der Muki aufgezählt werden. Den Vorwurf weisen Salome Heckendorn und Annette Keller entschieden zurück. Heckendorn betont: «Dem Stammtisch muss man sagen: Der Entzug von Freiheit ist die Strafe. Und das wird ohne Ausnahme gemacht.» Keller ergänzt: «Die Kinder haben keine Straftat begangen, sie sind völlig unschuldig. Sie dürfen nicht für die Taten der Mutter büssen und müssen die Chance für einen guten Start ins Leben haben.»

Für Adeyemi Anekwe und Natalie Flüeler sind die Kleinen eine wichtige Motivation, das Leben draussen wieder zu packen. «Ich werde Sophia zuliebe alles tun, um nicht nochmals hier zu landen», sagt Flüeler. Anekwe fügt hinzu: «Ich will nie mehr mit Drogen zu tun haben, wenn ich rauskomme. Ich kann das meinem Kind nicht nochmals antun.»


*Name geändert