Vor 25 Jahren meldete das Tierspital Bern den ersten Fall von Rinder­wahn in der Schweiz, einer Krankheit, die das Gehirn von Tier und Mensch zerstört. Auslöser soll ein verändertes Prionprotein im Tiermehl sein, das BSE und beim Menschen die Creutzfeldt-­Jakob-Krankheit auslöst. Das Verfüttern der Schlachtabfälle an Nutztiere wurde daraufhin komplett verboten.

Seit Mai ist die Schweiz laut der Welt­organisation für Tiergesundheit offiziell frei von BSE. Noch gilt aber das Tiermehlverfütterungsverbot. Im vergangenen Jahr scheiterte die Motion von SVP-Na­tionalrat und Tiernahrungsunternehmer Hansjörg Knecht zur Wiedereinführung knapp am Ständerat. Das Bundesamt für Lebens­mittelsicherheit und Vete­rinärwesen hat die Tierseuchenverordnung aber doch leicht angepasst. So ist es wieder erlaubt, Kutteln, Zunge und gewisse Innereien an Nutz­tiere – ausser an Wiederkäuer – zu verfüttern. Auch die EU will das Verfütterungsverbot schrittweise aufheben.

«Mit kühlem Kopf müssen wir uns fragen: Ist es gefährlich oder nicht?»

Adriano Aguzzi, Mediziner

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Universitätsprofessor Adriano Aguzzi ist Verfechter eines absoluten Verzichts der Tiermehlverfütterung. Er und sein Team vom Institut für Neuropathologie an der Universität Zürich gelten als Vorreiter in der Prionenforschung. Kürzlich haben sie eine Methode entdeckt, die Erkrankte länger am Leben erhalten kann. Aguzzi berät die Schweizer, deutschen, britischen und italienischen Behörden. Seit Jahren warnt er vor den Gefahren einer Wiedereinführung der Tiermehlverfütterung.

Zur Person

Mediziner Adriano Aguzzi, 54, ist Direktor des Instituts für Neuropathologie an der Universität Zürich und des Nationalen Referenzzentrums für Prionenerkrankungen am Universitätsspital Zürich.

Quelle: Frank Brüderli
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Beobachter: Herr Aguzzi, 15 Jahre sind seit der BSE-Krise vergangen. Kein Mensch in der Schweiz wurde infiziert. War alles viel Lärm um nichts?
Adriano Aguzzi: Weltweit starben über 300 Menschen an BSE, und viel mehr tragen die Infektion in sich. Das ist eine Tragödie für diese Menschen und ihre Familie. Die Epidemie war zwar viel kleiner, als ich ­befürchtet hatte, wenn man aber bedenkt, wie viel infektiöses Material in die Nahrungsmittelkette gelangt ist und wie wenig es braucht, bis Tiere erkranken, wäre eine riesige Epidemie möglich gewesen.

Beobachter: Warum ist es nicht so weit gekommen?
Aguzzi: Genau weiss das niemand. Offenbar ist der Mensch in irgendeiner Form partiell vor Prionen geschützt. Was genau dahintersteckt, ist unklar. Eine Theorie besagt, dass die Menschen in der Frühgeschichte Kannibalismus betrieben und dass des­halb Prionenerkrankungen grassierten. Es könnte also ein Selektionsdruck entstanden sein: Menschen mit gewissen Mutationen waren vor Prionenerkrankungen geschützt und überlebten. Es ist nicht sehr appetitlich, darüber nachzudenken, aber die Argumente sind plausibel.

Beobachter: Wie bewerten sie im Nachhinein die Reaktion der Regierung?
Aguzzi: Massnahmen wie das Tiermehlverbot, die auf dem Höhepunkt der BSE-Krise getroffen wurden, beruhten auf soliden wissenschaftlichen Erkenntnissen. Bereits Anfang der neunziger Jahre ist klar geworden, dass das Tierfutter verantwortlich ist. Die Schweiz reagierte sehr schnell, vor ­allem, weil der Bundesrat auf uns Wissenschaftler hörte und die von uns empfohlenen Massnahmen schnell umsetzte. Dadurch wurde die Übertragung der Erreger auf den Menschen unterbunden.

Beobachter: Tiermehl wird nicht erst seit den neunziger Jahren verfüttert. Warum gab es nicht schon früher Rinderwahn?
Aguzzi: Schlachtabfälle wurden bereits um 1930 zu Rinderfutter verarbeitet, aber nur in einzelnen Dörfern und Städten. In den siebziger Jahren entstanden dann die grossen Tiermehlfabriken, die das ganze Land versorgten, unter anderem in Grossbritannien, aber auch in der Schweiz. So konnten sich die Krankheitserreger viel schneller verbreiten. Natürlich könnte schon früher Rinderwahn ausgebrochen sein. Wirklich ausbreiten konnten sich BSE aber erst, als die industrielle Tiermehlproduk­tion begann.

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Vernichtet: Tonnen an Tiermehl auf dem Weg in den Ofen.

Quelle: Frank Brüderli

Beobachter: Die Verarbeitung und Verfütterung von Schlachtabfällen innerhalb der­selben Art, also die Kannibalisierung, soll ­verboten bleiben. Ist das nötig?
Aguzzi: Der Bauer hat einen Sack Tiermehl für Schafe, einen für Rinder. Glauben sie, dass sich jeder daran hält und das Futter richtig trennt? Die Erfahrung zeigt, dass es unmöglich ist, zu gewährleisten, dass das Tiermehl nur an die einen ­Tiere verabreicht wird. Die Schweiz und Grossbritannien ­haben es zu Beginn der BSE-Krise versucht. Der Versuch ist gescheitert: Es gab viele BAB-Fälle, also Kühe mit BSE, die nach dem Fütterungsverbot 1990 geboren wurden. Wir sollten aus der Geschichte lernen und die Fehler nicht wiederholen.

Beobachter: Ist es so schlimm?

Aguzzi: Wir sprechen nicht von simpler Abfalltrennung, bei der es nicht so schlimm ist, wenn ein bisschen was durcheinander gerät. Der kleinste Fehler bei der Tiermehltrennung könnte wieder zu BSE führen, da sich Prionen beim Rind enorm vermehren können. Ich sehe mich ungern in der Rolle des ewigen Nörglers. Doch ich habe ein sehr ungutes Gefühl, wenn die gleichen Fehlentscheide getroffen werden, die vor 20 Jahren zur Katastrophe führten.

Beobachter: Sind Rinder also so etwas wie ­Prionen-Vermehrungsmaschinen?
Aguzzi: Wenn einem Rind ein Prion verfüttert wird, trägt es nach sechs Monaten eine Milliarde Prionen in sich. Die Organe des Rinds wirken wie Verstärker.

Beobachter: 155 000 Tonnen Schlachtabfälle werden jährlich verbrannt. Ist das nicht absurd?
Aguzzi: Es mag absurd erscheinen. Noch absurder ist es aber, das Tiermehl zu ­verfüttern – vor allem, nachdem wir wissen, worauf es hinausläuft. In den siebziger Jahren waren ökologische Kreise der Meinung, dass Schlachtabfälle in den «natürlichen Kreislauf des Lebens» zurückgeführt werden müssten. Diese esoterische Ideologie führte letztlich dazu, dass man Rindermehl an Rinder verfütterte. Das hat weder mit Wissenschaft noch mit Risiko­abwägung zu tun. Ideologien gehören nicht in eine Risikoanalyse. Mit kühlem Kopf müssen wir uns fragen: Ist es gefährlich oder nicht?

Beobachter: Soll also weiter alles ­verbrannt ­werden?
Aguzzi: Vielleicht gibt es Alternativen – da bin ich kein Experte. Kommt man aber zum Schluss, dass das Wiederverfüttern gefährlich ist, sollte man das Tiermehl weiterhin verbrennen.

Beobachter: Man könnte auch mineralischen ­Dünger daraus machen. Wäre das sicher?

Aguzzi: Wichtig ist, das Material auf 1000 Grad oder mehr zu erhitzen. Gewinnt man so anorganische Verbindungen, ist das Tiermehl sicher frei von Prionen.

Beobachter: Warum hat die Tiermehlverfütterung mittlerweile jeden Schrecken verloren?

Aguzzi: Die Sensibilität für BSE ist heute sehr gering. Viele Junge haben noch nie etwas davon gehört. Das kollektive Gedächtnis geht nach spätestens einer Generation verloren, selbst bei ambitionierten Biologie- und Medizinstudenten. In meinen Vorlesungen frage ich die rund 200 Studenten am Semesteranfang, ob sie wissen, was BSE sei. Jedes Jahr sind es weniger, die es bejahen.

Beobachter: Kann BSE nicht bald geheilt werden?
Aguzzi: An einer Immuntherapie gegen Prionen arbeite ich seit 20 Jahren. Technisch wäre es zwar machbar, die Kosten für die Impfstoffentwicklung würden den Nutzen aber übersteigen. Eher könnte man Rinder züchten, die genetisch so modifiziert sind, dass sie das Prion-Gen nicht in sich tragen. Diese wären dann garantiert immun gegen BSE und könnten sogar mit Schlachtabfällen gefüttert werden. Die Akzeptanz genetisch modifizierter Rinder in der Bevölkerung wäre aber vermutlich nicht sehr hoch. Also gibt es keine ­Alternative zum Verbot der Tiermehlverfütterung.

Beobachter: Hand aufs Herz, essen Sie noch ­Rindsleber und Entrecote?

Aguzzi: Das Fleisch hierzulande halte ich für ausserordentlich BSE-sicher. Cholesterin und damit das Herzkrankheits­risiko sind viel grössere Gefahren. ­Rotes Fleisch schmeckt gut. Würde die Tiermehlverfütterung wieder eingeführt, würde ich mir zweimal über­legen, ob ich meinen Kindern noch empfehle, Rindfleisch zu essen.

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