Eine Kindheit mit wenig Liebe und einem umso gewalttätigeren Vater Häusliche Gewalt Ins Frauenhaus – und dann? . Eine unglückliche Ehe, die nach sechs Jahren geschieden wird. Ein Lebenspartner, der sie wiederholt misshandelt. Und eine Behandlung durch ihren Hausarzt, die drei unabhängige medizinische Gutachter als «gefährlich und nicht mit der ärztlichen Kunst vereinbar» qualifizieren. Elsi Fischli* musste entsetzlich viel aushalten.

Ihr Elend begann Anfang der neunziger Jahre. «Ich litt unter Schlafstörungen Schlafstörung Der Traum vom erholsamen Schlaf , Angstattacken und depressiven Zuständen», sagt sie, den Blick auf die Zigarette in ihrer Hand geheftet.

Die heute 56-Jährige hatte damals ihren neuen Lebenspartner bei sich aufgenommen. Sie hatte ihre Arbeit aufgegeben, um sich um ihre neue Familie zu kümmern, zu der seine und ihre Kinder aus den ersten Ehen gehörten. Sie kaufte sogar ein Haus.

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Doch das Glück zog am Hause Fischli vorbei. Der Mann wurde aggressiv, mit Worten wie mit Fäusten. «Kaum ein Knochen in meinem Körper, den er mir nicht gebrochen hat», sagt Elsi Fischli.

Spitalreif geprügelt

Anfang 1993 schlug ihr Partner besonders heftig zu. Er verprügelte sie auf einem Waldspaziergang derart, dass eine gebrochene Rippe ihre Lunge durchstiess. Sie konnte sich zum nächsten Bauernhof schleppen, wo man sich um sie kümmerte und eine Ambulanz rief. Das war der Prolog zu ihrem Martyrium.

Fischli steht in der Stube ihres Hauses, in dem sie jahrelang Unvorstellbares erlebt hat. Eine kleine Frau, Gummistiefel, Leggings und trotz der Kälte ein T-Shirt mit kurzen Ärmeln. «Obwohl mein Partner von der Polizei aus dem Haus gewiesen wurde, bedrohte er mich weiter, stalkte Stalking Wenn aus Liebe Wahn wird und terrorisierte mich. Ich war psychisch am Ende, wollte nicht mehr leben», erzählt sie.

 

Der Arzt verschrieb ihr mehr als 22'000 Tabletten – Schmerzmittel, Antidepressiva und Neuroleptika, bunt gemischt. 

 

In der Hoffnung auf Hilfe wandte sie sich an Carl Schiesser*, einen heute pensionierten Hausarzt im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Doch sie erhielt das Gegenteil von Hilfe. «Die gesamte Therapie der psychischen Probleme von Frau Fischli ist falsch gelaufen», hält ein Gutachter fest. Sie habe «sicherlich durch die Therapie Schaden genommen».

Die Therapie: Über 18 Jahre hinweg wurde Elsi Fischli von ihrem Hausarzt mit Psychopharmaka und Betäubungsmitteln zugedröhnt und abhängig gemacht. Er verschrieb ihr während dieser Zeit mehr als 22'000 Tabletten Medikamente 10 Tabletten pro Tag – ist das nicht zu viel? Schmerzmittel Schmerzmittel Rezeptfrei heisst nicht harmlos , Antidepressiva, Neuroleptika, bunt gemischt und vieles gleichzeitig.

Ein ganzer Medikamentenkatalog

Die Krankenakte liest sich wie die Bestellliste einer psychiatrischen Klinik: Aurorix, Normison, Temesta, Hyperval, Rohypnol, Prozac, Stilnox, Dormicum, Valium, Lexotanil, Xanax, Cipralex, Remeron, Effexor, Torecan, Dalmadorm, Seroquel. Selbst das hochpotente Schizophreniemedikament Haldol verschrieb er ihr, obwohl sie nie unter Schizophrenie Schizophrenie Wie hilft man einem Betroffenen? litt.

Einen medizinischen Grund für die Langzeitbehandlung gab es nicht. Etwa die Hälfte der Präparate sind Benzodiazepine, die zwar bei Depressionen Depression «Am liebsten nicht erwachen» , Angstzuständen und Schlafstörungen eingesetzt werden. Doch für Langzeittherapien sind sie nicht geeignet, da sie hochgradig süchtig machen – bereits nach zwei bis vier Wochen. Einer der Gutachter nennt die Verschreibungen schlicht einen «Kunstfehler».

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Elsi Fischli war den gewalttätigen Mann mittlerweile los. Er hatte seine zwei Kinder mitgenommen. Ihre eigenen Kinder lebten teils bei ihr, teils beim Vater: «Ein wundervoller, lieber Mensch, auch wenn es mit uns beiden nicht geklappt hat.»

Doppelt süchtig

Ab November 1998 setzte ihr Carl Schiesser zusätzlich zu den Tabletten über 110 Injektionen mit hochgefährlichen Betäubungsmittelcocktails. 36 allein im Jahr 2009. «Er spritzte mir jeweils zwei bis vier unterschiedliche Opiate und Benzodiazepine in verschiedenen Kombinationen, zuerst intramuskulär, später auch direkt in die Vene – meistens bei mir zu Hause auf dem Sofa.» Gegen alle Regeln der Kunst: Werden solche Cocktails gespritzt, muss der Arzt notfalls intubieren, also künstlich beatmen können. In der Stube eines Bauernhauses, ja selbst in einer Arztpraxis fehlen entsprechende Apparaturen.

Bei seinen Hausbesuchen sei sie oft noch mit der Spritze in der Vene weggetaucht. Und immer wieder nackt und mit Unterleibsschmerzen aufgewacht, erzählt Fischli. «Manchmal war da auch Blut.» Was dazwischen passiert ist, weiss sie nicht. Teilweise fünf- bis zehnmal besuchte sie der Arzt pro Monat.

Illustration: Tabletten und eine Pistole

Quelle: Kornel Stadler

Fischli begann zu trinken Alkoholismus Wenn Genuss zum Zwang wird . Als «Folge der Medikamentenabhängigkeit», hält einer der unabhängigen Experten fest. Fortan kämpfte sie gegen zwei Süchte – und gegen ihren Hausarzt, der «die Suchtentstehung aktiv herbeigeführt hatte», wie es im Gutachten heisst.

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«Das Schlimmste war, dass mir niemand glaubte», sagt sie. Ihr, der alleinstehenden Frau, die unter Einfluss von Medikamenten und Alkohol lallte und torkelte, konfuses Zeug redete, psychotisch wirkte. Auf der andern Seite der Arzt, ein wohlgelittenes Mitglied der Gesellschaft. Der in seiner Gemeinde als Schularzt amtete, in lokalen Vereinen tätig und im Dorf geschätzt war.

Damals habe sie nicht gewusst, was er ihr spritzte, das sei erst mit Einsicht in die Krankenakte ans Licht gekommen. Sie habe die Behandlung nicht hinterfragt. «Er war ja der Arzt.» Und sie, die vor seiner Behandlung nie irgendwelche Medikamente, geschweige denn Betäubungsmittel genommen habe, war hochgradig süchtig.

 

Sie besorgte sich eine Pistole. «Doch ich schaffte es nicht, abzudrücken.»

 

Aber sie realisierte, dass etwas geschehen musste. Sie fühlte sich konstant verwirrt, elend. Litt unter schlimmsten Kopfschmerzen. Das sei Migräne, sagte ihr Arzt. Laut Gutachtern waren es Spannungskopfschmerzen von den Medikamenten, die Schiesser ihr verabreichte.

Immer wieder versuchte sie, einen anderen Hausarzt zu finden. Doch Schiesser riet den Ärzten in der Region mit Mails und Anrufen davon ab, die Patientin zu übernehmen.

Am 11. Dezember 2000 notierte er erstmals, Elsi Fischli wolle in eine psychiatrische Klinik. Doch statt die Süchtige einzuweisen, verschrieb er ihr weiter Benzodiazepine in rauen Mengen.

Immer wieder finden sich Notizen in der Krankenakte. Die Tonalität der Einträge ist wenig professionell: «Hat alle Valium gefressen», steht da etwa. Oder: «Alle Lexotanil gefressen». Am 26. März 2005 notierte er: «100 Remeron, 100 Lexotanil und 30 Normison, Medikamente für eine Woche». Das gab er Fischli, weil er für sieben Tage in die Ferien fuhr.

Einmal schrieb er: «Will normale Patientin werden». Eine Überweisung an einen Fachpsychiater machte er dennoch nicht.

Wieder angefixt

Ihre Versuche, von den Medikamenten loszukommen, bremste er systematisch aus. Etwa im August 2008. Fischli machte auf eigenes Drängen einen Entzug im Spital. Danach begab sie sich zu einem zweiwöchigen Kuraufenthalt in eine Klinik. Der Austrittsbericht attestiert ihr gute Aussichten, das Ende der Sucht schien greifbar nah. Doch kaum zu Hause, setzte ihr Schiesser wieder eine Spritze, angeblich gegen ihre Kopfschmerzen. Fischli litt kurz darauf unter Entzugserscheinungen und fragte bei der Klinik, ob das normal sei, mehrere Wochen nach dem Entzug. Ohne Zufuhr von Benzodiazepinen seien Entzugserscheinungen nach einem Entzug nicht möglich, so die Antwort. Die Erklärung: Schiesser hatte ihr wieder Benzodiazepine verabreicht. Die Sucht war zurück.

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Jahrelang fuhr Elsi Fischli unter Einfluss von Medikamenten Auto, mit Wissen ihres Hausarztes. 2004 verursachte sie einen Unfall mit Totalschaden. Der Alkoholtest ergab keinen Befund. Man fand aber Benzodiazepine. Ihr Hausarzt hatte ihr vor der Unfallfahrt in seiner Praxis entsprechende Medikamente gespritzt – und sie dann ohne Warnung ins Auto steigen lassen.

Das Strassenverkehrsamt ordnete eine Fahreignungsabklärung Führerausweisentzug Das Billett ist zu schnell weg an. Schiesser bescheinigte ihr wider besseres Wissen, sie sei fahrtüchtig. Als es ihr endlich gelang, einen anderen Arzt zu finden, reichte Schiesser ohne äusseren Anlass beim Strassenverkehrsamt eine Gefährdungsmeldung Fahrtauglichkeit Anonym angeschwärzt – zur Kasse gebeten gegen sie ein.

Der Suizidversuch

2010 konnte und wollte Elsi Fischli nicht mehr. Sie besorgte sich eine Pistole. «Doch ich schaffte es nicht, abzudrücken.» Stattdessen rief sie den Notarzt. Fischli erzählte ihm die ganze Geschichte. Und bettelte ihn an, sie als Patientin aufzunehmen.

Der Notarzt wollte die monströse Geschichte zuerst nicht glauben. Er versprach ihr, dass er sie aufnehmen werde, wenn sie clean sei. Fischli ging heim, schloss sich ein und machte ganz allein einen trockenen Entzug. Zwei Wochen lang erlitt sie entsetzliche Qualen, erbrach, fror, krampfte. Aber sie gab nicht auf. «In diesen zwei Wochen klopfte der Hausarzt immer wieder an die Tür. Aber ich habe ihn nicht reingelassen.»

Die Krankenakte enthüllt das Grauen. Elsi Fischli konnte mit Hilfe einer Anwältin und der Unterstützung der Stiftung SOS Beobachter Gesuch einreichen Wie Sie Hilfe erhalten können wenigstens einen Prozessauskauf erwirken: Der Arzt bezahlte, damit Fischli auf den für sie enorm belastenden Prozess verzichtete. Carl Schiesser wollte auf Anfrage nicht Stellung nehmen.

 

Sie lallte, torkelte, wirkte psychotisch. Niemand glaubte ihr. 

 

Erstaunlich ist, dass die zuständige Krankenkasse die horrenden Kosten für die unseriösen Behandlungen nie monierte. Obwohl teilweise Kosten von bis zu 10'000 Franken pro Monat anfielen – allein für Betäubungsmittel. Das hätte die Neugier eines Sachbearbeiters wecken müssen. Fischli wollte wissen, wieso ihre Krankenkasse nichts gemerkt hatte: «Man sagte mir, es seien immer wieder andere Sachbearbeiter für meinen Fall zuständig gewesen. Deswegen habe niemand realisiert, dass etwas seltsam war.»

In der Stube tickt eine Wanduhr in schönstem Bauernbarock. Elsi Fischli sitzt vor einem vollen Aschenbecher, eine flauschige Katze streicht schnurrend um ihre Füsse.

Schiessers «Behandlungen» haben sie körperlich und seelisch schwer gezeichnet. Aber sie hat überlebt und ist clean, seit er sie nicht mehr in seinen Fängen hält. Zum Opfer wird niemand geboren. Aber gemacht.

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*Namen geändert

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