Seit dem Tod ihres Mannes vor bald zehn Jahren hat Helene Stein* (Name geändert) schlechte Phasen und sehr schlechte. Die meiste Zeit verbringt die 69-Jährige in ihrer Dreieinhalbzimmerwohnung am Stadtrand von Biel, zweiter Stock links, in der Küche am Tisch mit dem grauen Furnier. Dort liest sie die Gratiszeitung, löst Rätsel, hört das Wunschkonzert, kocht – und trinkt: am Vormittag einen Likör, zum Mittagessen einen Ballon Weissen, am Nachmittag wieder Grand Marnier oder Cointreau, abends einen Rotwein oder einen Calvados.

Um die Wohnung kümmert sich Helene Stein bisher selbst, sie war schon immer auf Ordnung bedacht. Nur achtet sie heute noch mehr darauf. Sie hat Angst, dass irgendjemand etwas merken könnte – die Nachbarn, ihre Freundin, die Kinder und Enkel. Dabei, sagt sie und wird ganz leise, wissen doch längst alle Bescheid.

Alarmierende Zahlen

Ältere Menschen und ihre Alkoholsucht: Davon ist in der Öffentlichkeit kaum die Rede. Dabei sind die Zahlen alarmierend. Ein Viertel der über 65-Jährigen konsumiert täglich Alkohol, mehr als jedes andere Alterssegment (siehe Infografiken weiter unten im Artikel). Rund sieben Prozent der Rentner und Rentnerinnen weisen einen chronisch risikoreichen Alkoholkonsum auf; sie trinken mehr als vier Glas pro Tag. Die Gründe dafür sind mannigfaltig, die zunehmende Vereinsamung Einsamkeit Wege aus der Isolation spielt fast immer eine grosse Rolle. Dazu kommen Verlusterfahrungen wie der Tod des Ehepartners.

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Wie bei Helene Stein. Eigentlich hatte sie, wie sie es nennt, ein geradeaus gelebtes Leben: Kindheit in Bern, der Vater Bäcker, die Mutter liebevoll, in der Schule gute Zeugnisse, eine Lehre als Schneiderin. Mit 21 Heirat, nach einem Jahr das erste Kind, das vierte mit Mitte 30. Geld war genug da, ihr Mann hatte ein eigenes Geschäft, eine Spenglerei. Dann, mit seinem Tod, brach alles zusammen, Knall auf Fall. «Meine Aufgabe war es immer, eine Aufgabe zu haben», sagt sie. «Und nun war alles weg: unser gemeinsames Frühstück, die Ausflüge, das Puzzeln, die Abende vor dem Fernseher.»

Ein Doppelleben

Am Anfang war da dieser Kummer, später kam ein Sturm aus Ängsten und diffusen Sorgen und mit ihnen die langen, schlaflosen Nächte, in denen sie das Gefühl bekam, das Leben trete ihr aufs Herz. Der Likör würde sie einnebeln, das kannte sie von gesellschaftlichen Anlässen. Also begann sie zu trinken. Erst nur vor dem Einschlafen, dann am frühen Abend. Sie kaufte Rotwein, Weisswein, Averna, Cointreau und verteilte das Quantum, das mehr und mehr wurde, fein säuberlich über den ganzen Tag. In der Küche legte sie ein Lager für die vollen Flaschen an, im Keller eins für die leeren.

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Sie muss immer mehr Energie darauf verwenden, den Schein zu wahren. Sie achtet peinlich genau darauf, wie sie sich kleidet, kämmt, bewegt, redet, riecht. «Ich will nicht, dass jemand auf mich zeigt und sagt: Die trinkt.»

Dahinter steckt die Scham, ein bekanntes Phänomen. Jonas Wenger vom Fachverband Sucht sagt: «Sucht ist ein Tabuthema. Viele Betroffene kämpfen mit Scham und führen eine Art Doppelleben. Dazu kommt, dass die Sucht gerade bei älteren Menschen oft bagatellisiert wird. Man will sie nicht bevormunden und ihnen ein ‹Gläschen in Ehren› nicht verwehren.» 

«Die eigene Mutter eine Säuferin? Damit kommt niemand klar.»

Cécile*, Tochter von Helene Stein

Helene Stein hat lange mit niemandem über den Alkohol geredet. Doch es wurde immer schwieriger, die Sucht zu verbergen. Im letzten Jahr ist sie mehrmals gestürzt. Den Gedanken, das sei wegen des Trinkens, hat sie lange verscheucht. «Ich hätte mir eingestehen müssen, wie wackelig mein Leben geworden ist.»

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Erst als ihre Tochter Cécile (Name geändert) in einem gespielten Scherz eine Andeutung zu ihrem Trinkverhalten machte, redete sie – zum ersten Mal überhaupt – darüber. Nicht über das Zittern am Morgen, nicht über ihre Panikattacken Panikanfälle Ein dunkles Leben mit der Angst im Nacken , nicht über ihre subtilen Strategien, wo sie wann welche Flasche entsorgt, um nicht entdeckt zu werden. Wohl aber darüber, dass sie sich manchmal verloren fühle, dass ihr Mann ihr unsäglich fehle, dass sie sich ab und an ein Glas genehmige. Sie ist sicher, dass ihre Tochter die ganze Geschichte kennt, obwohl sie immer geschwiegen hat. «Die eigene Mutter eine Säuferin? Damit kommt niemand klar.»

Alter als Ausrede

Seit diesem Gespräch mit Cécile schiebt Helene Stein das Alter vor und redet über ihre Gebrechen, ihre Tattrigkeit und Vergesslichkeit. Für Suchtexperten verbirgt sich dahinter eine weitere Verschleierungstaktik. Offenbar bleibt die Alkoholsucht bei älteren Menschen auch deswegen lange unerkannt, weil Symptome wie Vergesslichkeit, Apathie oder Stürze gewissen Alterserscheinungen ähneln. Stein ist sich dessen bewusst. «Ja, ich spiele meiner Tochter etwas vor, aber ich fühle mich besser dabei. Schliesslich werde ich ja wirklich immer älter.»

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Als Cécile aber unlängst eher beiläufig auf das Altersheim zu sprechen kam, wurde es Helene Stein bang. Müsste sie dann aufhören zu trinken? Würde sie ausgefragt und kontrolliert? Würde man sie in eine Therapie stecken? Sie hat Angst, mit dem Eintritt ins Alterszentrum ihre Eigenständigkeit zu verlieren. Umgekehrt weiss sie genau, dass sie immer mehr von anderen abhängig wird – gerade weil sie trinkt.

Abstinenz ist nicht das Ziel

Experten wie Jonas Wenger reden vom «Spannungsfeld zwischen dem Recht eines Menschen auf Selbstbestimmung und seinem Recht auf Fürsorge». Der zentrale Ansatz im professionellen Umgang mit Abhängigkeiten sei eine ergebnisoffene und konsumakzeptierende Haltung. «Es geht nicht darum, den Alkoholkonsum zu verurteilen oder älteren Menschen gar eine Abstinenztherapie aufzuzwingen. Das Ziel besteht vielmehr darin, dass die Betroffenen unterstützt werden und sich so freier für einen kontrollierten Konsum oder auch für einen Konsumstopp entscheiden können.»

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Noch ist Helene Stein überzeugt, dass sie ihr Leben ohne fremde Hilfe bewältigen kann. Sie redet sich ein, es sei doch alles gar nicht so schlimm – diese Sache mit dem Alkohol. Doch wenn sie ehrlich zu sich sei, bestehe ihre grösste Angst vor dem Altersheim darin, dass man ihr endgültig auf die Schliche kommt und sie verurteilen würde. «Ich brauche Zeit, um darüber nachzudenken», sagt sie. An so vielen Tagen verdunkle der Alkohol ihre Gedanken. Aber manchmal könne er ihr dabei helfen, klarer zu sehen.

Gefährlicher Durst

Von «chronisch risikoreichem Alkoholkonsum» spricht man, wenn die eigene Gesundheit oder jene von anderen Personen gefährdet wird und entsprechende Schäden in Kauf genommen oder verursacht werden.

Risikoreicher Alkoholkonsum entspricht bei Männern mehr als vier Glas Bier (à drei Deziliter) oder Wein (à einen Deziliter) pro Tag, bei Frauen mehr als zwei Glas Bier oder Wein.

Da der Wasseranteil im Körper von älteren Menschen sinkt und Giftstoffe weniger gut abgebaut werden, wirken Alkohol und Medikamente stärker als bei jüngeren Personen. Zudem sinkt die Leistungsfähigkeit der Leber. Sie braucht länger, um den Alkohol abzubauen.

Infografiken:

Ältere Männer trinken am meisten

Infografik: Ältere Männer trinken am meisten
Quelle: BFS/Obsan/«Schweizerische Gesundheitsbefragung 2017»/Sucht Schweiz – Infografik: Anne Seeger

 

 

Tägliches Trinkverhalten der über 65-Jährigen

Infografik: Trinkverhalten der Bevölkerung ab 65 Jahren
Quelle: BFS/Obsan/«Schweizerische Gesundheitsbefragung 2017»/Sucht Schweiz – Infografik: Anne Seeger

 

 

Die Gefahr steigt im Alter wieder an

Infografik: Die Gefahr steigt im Alter wieder an

Die Daten stammen aus der «Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2017», befragt wurden Personen ab 15. Die Resultate sind wahrscheinlich tiefer als das wahre Trinkverhalten, weil viele eher zu wenig angeben.

Quelle: BFS/Obsan/«Schweizerische Gesundheitsbefragung 2017»/Sucht Schweiz – Infografik: Anne Seeger

 

 

Bildung mindert Risiko

Infografik: Bildung mindert Risiko

Ein tieferer Bildungsgrad erhöht bei 65- bis 74-Jährigen die Gefahr, dass sie regelmässig risikoreich trinken.

Quelle: BFS/Obsan/«Schweizerische Gesundheitsbefragung 2017»/Sucht Schweiz – Infografik: Anne Seeger

 

 

Ausländische Senioren gefährdet

Infografik: Ausländische Senioren gefährdet
Quelle: BFS/Obsan/«Schweizerische Gesundheitsbefragung 2017»/Sucht Schweiz – Infografik: Anne Seeger

 

 

Alte Männer landen häufiger im Spital als Teenager

Infografik: Alte Männer landen häufiger wegen Alkoholvergiftungen im Spital als Teenager
Quelle: BFS/Obsan/«Schweizerische Gesundheitsbefragung 2017»/Sucht Schweiz – Infografik: Anne Seeger
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Jasmine Helbling, Redaktorin

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