Aufgezeichnet von Katharina Siegrist:

Mit meinem Bauchgefühl liege ich meist richtig. Als Forensic Nurse hake ich nach, wenn Patientinnen Verletzungen aufweisen, die nicht mit ihren Schilderungen übereinstimmen. Das können Fälle von häuslicher Gewalt sein.

Wer vor einer Stunde die Treppe runtergefallen ist, hat in der Regel keine blauen und gelben Flecken, also Verletzungen, die unterschiedlich lange her sein müssen. Bei manchen Verletzungen sieht man genau, dass sie von einem Baseballschläger, einem Hammer oder Gürtel herrühren. Auch Würgemale oder Blutergüsse an den Innenseiten der Oberschenkel lassen häufig andere Schlüsse zu, als die Betroffenen weismachen wollen.

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Ein weiteres Warnzeichen ist, wenn Begleitpersonen sehr kontrollierend auftreten und den Patientinnen nicht von der Seite weichen. Oder wenn Betroffene erst mehrere Tage nach dem eigentlichen Ereignis zu uns kommen.

Die grösste Herausforderung ist für mich, die Betroffenen mit meinen Vermutungen zu konfrontieren. Damit unterstelle ich ihnen ja eine Lüge. Mit dem Satz «Ich habe das Gefühl, dass Sie Gewalt erlebt haben» versuche ich, das Unaussprechliche in Worte zu fassen.

Tabuthema häusliche Gewalt

Der Augenblick, wenn die Worte ausgesprochen sind und noch in der Luft hängen, berührt mich jedes Mal. In dem Moment kann alles passieren. Nach dem ersten Schock brechen viele zusammen und beginnen zu erzählen. Aber das ist nicht immer so. Manchmal bleibt es auch einfach still. 

Häusliche Gewalt ist immer noch ein grosses Tabuthema. Häufig geben sich die Betroffenen selbst die Schuld oder sie sind finanziell von ihrem Partner abhängig. Wenn sie keine Anzeige machen wollen, informiere ich sie über Beratungsangebote, Opferhilfestellen oder Frauenhäuser – notfalls mit einem Faltblatt, das gerade so klein ist, dass es unbemerkt in die Hand oder eine Handtasche passt. 

«Es ist belastend zu wissen, dass viele nach der Behandlung im Notfall wieder in einen gewalttätigen Alltag zurückkehren.»

Andrea Goebel, Forensic Nurse

Ich biete den Patientinnen auch an, eine Bestandesaufnahme ihrer Verletzungen zu machen. Das ist wichtig, wenn sie es sich später doch noch anders überlegen und zur Polizei gehen. Die meisten Wunden verheilen schnell und können nach 72 Stunden nur noch unzuverlässig festgestellt werden. 

Eine Bestandesaufnahme gleicht der polizeilichen Ermittlungsarbeit. Dazu gehören etwa eine Fotokamera oder Utensilien für DNA-Abstriche, Fingerabdrücke und Blutentnahmen. Meine Aufgabe ist es dann, alles so gründlich zu dokumentieren, dass das Ergebnis als Beweis in einem Strafverfahren dienen könnte.  

Es ist nicht meine Aufgabe, einen Täter zu überführen. Ich verurteile auch niemanden. Viel eher hoffe ich, dass meine Arbeit beziehungsweise die Konfrontation mit dem tatsächlich Vorgefallenen auch beim Täter etwas auslöst. Dass er das möglicherweise zum Anlass nimmt, selber Hilfe zu holen und so die Verhältnisse ändern.

Abschalten in der «Chnelle»

Es ist belastend zu wissen, dass viele nach der Behandlung im Notfall wieder in einen gewalttätigen Alltag zurückkehren. In einigen Fällen erfahre ich hinterher, dass die Staatsanwaltschaft Einsicht in eine Krankenakte verlangt hat. Dann weiss ich, dass die Betroffenen doch noch Anzeige erhoben haben oder dass noch zusätzlich etwas vorgefallen ist.

Ich würde ja gern erzählen, dass ich zum Ausgleich jogge oder ins Fitnessstudio gehe. Aber abschalten tue ich am liebsten in einer richtigen «Chnelle». Dort kann ich dann mit meiner Kölner Partnerin spasseshalber diskutieren, welches Bier das bessere ist – Alt oder Kölsch. Als ehemalige Düsseldorferin werde ich mich selbstverständlich immer für Ersteres entscheiden! Idealerweise läuft an solchen Abenden Musik.

Auch wenn ich im Spital jeden Tag Schwieriges an- und aussprechen muss, bin ich persönlich keine, die das Herz auf der Zunge trägt und immer zeigt, wie es ihr gerade geht. Musik ist dann ein wunderbares Ventil, um meinen Emotionen freien Lauf zu lassen.

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