Die Sommerwelle rollt. Die aktuelle Omikron-Variante infiziert auch in der Schweiz sehr viele Menschen – und viele fragen sich: Wie wird es erst im Herbst? Brauche ich eine weitere Impfung, oder soll ich damit warten, bis der neue Omikron-Impfstoff verfügbar ist? Die US-Pharmafirma Moderna hat dafür das rollierende Zulassungsverfahren bei der Heilmittelbehörde Swissmedic beantragt.

Gegen eine Ansteckung mit der aktuellen Variante sind selbst dreifach Geimpfte kaum noch geschützt, zu sehr hat sich das Sars-CoV-2-Virus verändert. Viele Antikörper, die gegen das ursprüngliche Virus gewirkt hatten, passen nicht mehr. Sie können den Eintritt des Erregers in menschliche Zellen nicht länger verhindern.

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«Die Impfung schützt die meisten Menschen immer noch gut vor einem schweren Krankheitsverlauf», sagt Onur Boyman, Direktor der Klinik für Immunologie am Unispital Zürich. «Denn ausser den Antikörpern hat der Körper insbesondere auch T-Zellen zur Abwehr von Viren.» Diesen können die Erreger kaum entgehen. Denn T-Zellen erkennen bei jedem Menschen individuell verschiedene Bereiche des Virus – und es kann nicht sämtliche Bereiche verändern.

Das ist einer der Hauptgründe, warum eine Impfung von Risikopersonen mit dem alten Impfstoff immer noch empfohlen wird. «Neben einer erneuten T-Zell-Stimulation wird auch die Konzentration der Antikörper erhöht, die noch auf Omikron passen», sagt Christian Münz, Professor für virale Immunbiologie an der Uni Zürich. «Das verstärkt zusätzlich kurzfristig den Schutz vor einem schweren Verlauf und auch etwas vor einer Ansteckung.»

EU rät über 60-Jährigen zur Auffrischung

Die Impfkommission (Ekif) empfiehlt deshalb eine vierte Impfung, bisher aber nur für über 80-Jährige und Immungeschwächte. Anders die EU. Dort rät die Europäische Zulassungsbehörde (EMA) bereits den über 60-Jährigen zu einer Auffrischung. Und der deutsche Gesundheitsminister Karl Lauterbach geht noch einen Schritt weiter und empfiehlt allen Erwachsenen, sich nochmals impfen zu lassen.

«Die Menschen sind individuell unterschiedlich, es ist deshalb schwierig, eine allgemeingültige Altersgrenze zu ziehen», sagt Onur Boyman. «Aus immunologischer Sicht würde ich Menschen über 60 Jahren eine Auffrischung empfehlen.» Für gesunde Menschen unter 40 hingegen sehe er derzeit eher keine Dringlichkeit.

«Gegen eine weitere Impfung spricht wenig, vor allem, wenn man die bisherigen Impfungen gut vertragen hat.»

Onur Boyman, Direktor der Klinik für Immunologie am Unispital Zürich

Es gibt also eine Grauzone. Darauf weist auch eine Studie hin, die gerade im Fachmagazin «Nature Genetics» veröffentlicht wurde. Danach sind Menschen mit einem bestimmten genetischen Merkmal anfälliger für schwere Covid-19-Verläufe als andere. Das Problem: Niemand kann wissen, ob er oder sie eine solche Erbanlage hat. «Gegen eine weitere Impfung spricht wenig, vor allem, wenn man die bisherigen Impfungen gut vertragen hat», sagt Boyman. Das Sicherheitsprofil der mRNA-Impfstoffe sei ja gut.

Man müsse auch nicht davon ausgehen, dass weitere Impfungen das Immunsystem erschöpfen würden, sagt Christian Münz. «Wir wehren ständig Erreger ab. Einige Viren bleiben für immer im Körper und werden ein Leben lang durch unser Immunsystem in Schach gehalten.» Es ermüde auch unter dieser Belastung nicht.

Antikörper verbessern

Aber wäre es nicht besser, auf den neuen Impfstoff zu warten, der an die Omikron-Variante angepasst ist? Man verbaue sich nichts, wenn man sich jetzt mit einem der schon eingeführten Vakzine impfen lasse. Aber: «Ein Monat sollte mindestens zwischen den Impfungen liegen», sagt Münz. Denn erst dann sind die Antikörper ausgereift. Ein neuer Booster könne danach diesen Prozess erneut anstossen und die Antikörper nochmals besser machen. Mit der Omikron-Auffrischung, so die Idee, könne man den Schutz dann besser gegen die neue Variante ausrichten.

Noch ist nicht klar, wann der neue Omikron-Impfstoff in der Schweiz erhältlich sein wird. Denn bezüglich Zulassung beschreitet man mit diesem Update Neuland. Grippe-Impfstoffe werden jährlich angepasst, ohne dass sie jedes Mal neu am Menschen getestet werden müssen. Bei den Corona-Vakzinen ist das anders.

Die Heilmittelbehörde Swissmedic sagt auf Anfrage: «Jede Änderung der Zusammensetzung kann Auswirkungen auf die Wirksamkeit und die Sicherheit haben. Deshalb müssen Daten über die Qualität und die Herstellung sowie klinische Daten zu Wirksamkeit und Verträglichkeit vorgelegt werden.» Entsprechende Studien gibt es bislang nur für Corona-Impfstoffe, die gegen eine ältere Omikron-Variante (BA.1) gerichtet sind und nicht gegen die aktuelle (BA.5).

«Wir erwarten nicht, dass sich der Impfstoff anders verhält als diejenigen, die wir kennen.»

Onur Boyman, Direktor der Klinik für Immunologie am Unispital Zürich

Der perfekte Impfstoff wird also im Herbst kaum lieferbar sein. Einen Ausweg gäbe es allerdings. Die US-Zulassungsbehörde (FDA) hat entschieden, dass der Impfstoff für den Herbst eine Komponente gegen die aktuelle Variante BA.5 enthalten soll – obwohl dieses Vakzin noch nicht am Menschen getestet wurde.

Das ist durchaus sinnvoll. «Es werden nur wenige Buchstaben in der Erbsubstanz ausgetauscht. Da erwarten wir nicht, dass sich der Impfstoff anders verhält als diejenigen, die wir kennen», sagt Onur Boyman. Falls die FDA den Omikron-Impfstoff zulässt, könnte Swissmedic nachziehen. Allerdings ist das erst möglich, wenn die Behörde selbst die Daten gesichtet hat. «Unser gesetzlicher Auftrag gilt in jedem Fall: die Sicherstellung von Sicherheit, Wirksamkeit und hoher Qualität der Arzneien und Impfstoffe, die in der Schweiz auf den Markt kommen. Dafür übernehmen wir auch die Verantwortung», heisst es bei Swissmedic.

Der Vorteil der Impfstoffmischung

Im Moment läuft der Zulassungsantrag von Moderna für einen sogenannt bivalenten Impfstoff; er enthält sowohl einen Anteil gegen Omikron als auch den bewährten Impfstoff. Das sei gut so, sagt Münz. «Die Mischung ist eine gute Idee, denn so behält man die Komponente, von der man weiss, dass sie gut funktioniert. Zusätzlich nimmt man noch etwas rein, damit auch neue Antikörper stimuliert werden, die die veränderten Teile von Omikron erkennen.»

Der Omikron-Booster wird zunächst vor allem für Risikogruppen in Frage kommen. «Für sie ist eine Auffrischung und Anpassung an die neue Variante am wichtigsten», sagt Onur Boyman. Umgekehrt könne die starke Sommerwelle allen, die nicht zu einer Risikogruppe gehören, helfen, ohne eine weitere Impfung durch den nächsten Winter zu kommen.

«Je häufiger das Immunsystem das Virus sieht, desto besser wird die Immunantwort», sagt Christian Münz. «Die stärkere Übertragung, die wir jetzt über den Sommer haben, macht den Omikron-Booster im Herbst zumindest für gesunde Menschen, die sich jetzt infizieren, nicht unbedingt notwendig.»

Münz rechnet damit, dass man durchschnittlich alle sechs Monate mit dem Antigen Kontakt haben muss, um gut geschützt zu sein. «Wenn ich im Herbst die Wahl habe, dann werde ich mich für die Impfung entscheiden», sagt Münz. «Wir werden uns alle infizieren», ist der Immunologe sicher. «Aber Menschen ohne Vorerkrankung werden es irgendwann kaum noch wahrnehmen.»

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