Schon früh hat Rita C. (Name der Redaktion bekannt) bemerkt, dass ihre Tochter Shirin anders war als andere Kinder. Das Mädchen war sensibler, verletzlicher. Und hat immer seine Grenzen ausgelotet: «Einmal besuchten wir eine Zirkusvorstellung. Tags darauf balancierte Shirin auf einem Balken neun Meter über dem Boden», erinnert sich die Mutter. Es passierte nichts, aber auf dem Spielplatz habe sich Shirin regelmässig verletzt. In gewissen Situationen schien sie besonders ungeschickt. Gleichzeitig war sie ausgeprägt liebevoll und warmherzig.

In der Schule fühlte sich Shirin nie wohl. Bereits mit sieben hatte sie den Betrieb satt. Als es darum ging, sich für eine Lehrstelle zu bewerben oder eine weiterführende Schule zu finden, blockte die junge Frau ab. Sie wisse nicht weiter, sagte sie mehrmals. Panikattacken befielen die heute 16-Jährige. Irgendwann konnte sie nicht mehr zur Schule gehen, erlitt einen psychischen Zusammenbruch, wollte nicht mehr leben. Dass sie sich immer wieder in die Arme schnitt, bemerkte Rita C. lange Zeit nicht.

Shirin ist nicht eine Pubertierende, die einfach etwas stark reagiert. Shirin ist eine Borderline-Patientin. Bei jungen Menschen mit einer Borderline-Entwicklungsstörung sind Gefühlsschwankungen viel stärker als bei anderen Gleichaltrigen. Hinzu kommen oft auch Integrationsschwierigkeiten – das Gefühl, ausgeschlossen zu sein und abgewiesen zu werden. Auch starke Identitätsprobleme, Missbrauch von Suchtmitteln, selbstzerstörerisches Verhalten und Selbstmordabsichten treten bei Borderline-Patienten häufig auf.

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Die Ursachen für Borderline sind nicht abschliessend erforscht. Es gibt genetische, neurobiologische und psychoanalytische Erklärungsansätze. Klar ist aber, dass Umwelteinflüsse ins Gewicht fallen und dass sensible Jugendliche besonders anfällig sind. Aber nicht nur das Elternhaus spielt dabei eine Rolle, wovon man bisher ausging. Nun kommt man immer mehr zum Schluss, dass zum Beispiel auch das Schulumfeld betrachtet werden muss. Kinder, die in der Schule stark gemobbt und ausgegrenzt werden, sind anfällig.

Wie sollen Eltern reagieren?

Aufhorchen sollten Eltern, wenn gleichzeitig in verschiedenen Lebensbereichen Probleme auftreten. Wie aber sollen Eltern reagieren, wenn sie merken, dass mit ihrem Kind etwas nicht stimmt, dass es besonders intensiv pubertiert und unter starken Stimmungsschwankungen leidet, zu Suchtmitteln greift und sich selber verletzt? Eltern sollten auf keinen Fall dias Verhalten ignorieren oder schamvoll hoffen, dass die Symptome sich von selbst bessern. Sie sollten sich an den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst oder an einen Jugendpsychiater wenden.

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Das klingt einfacher, als es ist. Rita C. fühlte sich wie ein Hamster im Rad. Als die dreifache Mutter merkte, wie schlecht es Shirin ging, wusste sie nicht, was sie tun und an wen sie sich wenden sollte: «Ich hätte mir eine Anlaufstelle gewünscht, die sich für meine Probleme zuständig fühlt.» Betroffenen rät sie, nicht aufzugeben, auch wenn der Weg durch den Dschungel von Beratungsstellen und Ämtern oft beschwerlich sei. «Heute würde ich noch stärker insistieren und mich nicht so schnell abspeisen lassen.»

Wichtig sei auch, sich ein soziales Netz aufzubauen und für sich zu schauen. Freunde können einem gerade in Akut-Situationen den Rücken stärken. Nicht nur betroffene Jugendliche, auch ihre Eltern profitieren von psychologischer Hilfe. Es lohne sich zudem, den Arbeitgeber zu informieren, rät Shirins Mutter. «Es kam vor, dass ich von einer zur anderen Stunde zu meiner Tochter musste. Das war besonders wichtig, als Shirin selbstmordgefährdet war.»

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Reize spüren, ohne sich zu verletzen

Nach monatelanger Suche fand Rita C. jene Hilfe, die ihre Tochter brauchte: in der Klinik Littenheid. Diese bietet speziell für Jugendliche eine Therapie an, die sich bei erwachsenen Patienten bewährt hat. Die sogenannte Dialektisch-Behaviorale Therapie fördert Verständnis und Akzeptanz der Borderline-Patienten für ihre Krankheit, vermittelt ihnen aber auch Strategien, um Veränderungen zu erzielen.

Bei der Behandlung wird mit sogenannten Skills (Fertigkeiten) gearbeitet. Patientinnen und Patienten lernen, ihre inneren Anspannungen mit Gegenreizen auszugleichen. Einige stellen einen Notfallkoffer zusammen, in den sie Utensilien wie Teebeutel, Ferienfotos, Stressballen oder Chilischoten einpacken (siehe Interview). In Krisensituationen beissen sie dann auf eine Chilischote oder streichen sich eine Salbe auf die Haut, die stark brennt. Das funktionierte auch bei Shirin: «Das hilft mir, die Spannungen abzubauen. Seit ich die Skills erlernt habe, schneide ich mich weniger häufig.»

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Was ist Borderline?

Borderline ist eine Störung der Gefühlsregulation. Die Patienten erleben gros­se innere Spannungszustände, fühlen sich ausgeschlossen und von ihrer Umwelt nicht akzeptiert. Die Erkrankung wird mit einem psychiatrischen Manual diagnostiziert, das neun Symptome um­fasst wie etwa heftige Wut und starke Depressionen. Treffen fünf Symptome zusammen, spricht man von einer ­Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Eine Erkrankung beginnt oft im Jugend­alter. In der Schweiz sollen rund 120'000 Menschen betroffen sein, in der Mehrheit Frauen. Vielfach weisen die Patienten eine Begleiterkrankung auf wie Ess­störungen, Suchtmittelmissbrauch oder ADHS.

weitere Informationen zum Borderline-Syndrom

Wann ist es Borderline?

Mindestens fünf der Kriterien müssen vorliegen, damit es sich um das Borderline-Syndrom handeln könnte:
 

 

  • Verzweifelte Bemühungen, befürchtetes oder drohendes Verlassenwerden zu vermeiden.
     
  • Instabile, aber intensive zwischenmenschliche Beziehungen mit häufigem Wechsel zwischen extremer Idealisierung und Abwertung des Partners.
     
  • Identitätsstörung in Form eines ausgeprägten und andauernden instabilen Selbstbilds.
     
  • Starke Impulsivität in mindestens zwei möglicherweise selbstschädigenden Bereichen, zum Beispiel Drogenmissbrauch oder Essstörungen.
     
  • Selbstverletzungen, Suizidversuche oder Suiziddrohungen.
     
  • Andauerndes Gefühl der inneren Leere.
     
  • Unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu kontrollieren.
     
  • Vorübergehend paranoide Vorstellungen oder dissoziative Gefühle wie Selbstentfremdung.
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Interview: «Plötzlich könnte ich nur noch heulen»

Wie Shirin C. lernte, mit ihrer ­Borderline-Erkrankung zu leben.
 

Beobachter: Sie haben einen Notfallkoffer bei sich. Welche Gegenstände enthält er?
Shirin C.: Kleine Gummibänder, Fotos meiner Schwester, Döschen mit Sambal Oelek und Ammoniak, eine Schmerzcreme, Kieselsteine und Igelbälle.

Beobachter: Wozu sind die gut?
Shirin C.: Am meisten benutze ich die Schmerzcreme. Die brennende Salbe streiche ich mir auf die Haut. Die Kieselsteine lege ich in die Schuhe, damit ich sie beim Gehen spüre. Manchmal nehme ich auch ein Entspannungsbad oder haue auf einen Boxsack ein. Ich wende die Skills an, wenn ich starke innere Spannungen verspüre. Die Utensilien helfen mir, sie abzubauen.

Beobachter: Wie äussern sich diese inneren Spannungen?
Shirin C.: Es fühlt sich an, wie wenn man von null auf hundert geht. Zuerst geht es mir gut, plötzlich könnte ich nur noch heulen.

Beobachter: Seit wann fügen Sie sich Schnittwunden zu?
Shirin C.: Das erste Mal war mit zwölf. Ich fühlte mich damals oft alleingelassen. Erst habe ich mich gekratzt, später Rasierklingen und Scherben benutzt. Im Moment des Schneidens spüre ich keinen Schmerz. Die Wunden konnte ich mit langen Hosen und langärmeligen Pullovern gut verstecken. Irgendwann ging aber gar nichts mehr, und ich habe einfach aufgehört, für die Schule zu arbeiten.

Beobachter: Wie sollten Eltern in solchen Situationen ­reagieren?
Shirin C.: Es gibt für Eltern fast kein richtiges Verhalten. In solchen Situationen findet man einfach ­alles falsch.

Beobachter: Haben Sie wegen Ihrer Krankheit Probleme beim Umgang mit Menschen?
Shirin C.: Ich wünsche mir Nähe und stosse Menschen gleichzeitig weg, wenn ich diese Nähe erhalte. Und manchmal beende ich Beziehungen, weil ich Angst habe, dass ich verlassen werde.

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