Beobachter: Warum sind Sie kritisch gegenüber den Studien, die vor Nebenwirkungen von Fluorid warnen?
Florian Wegehaupt:
Die Resultate sind nicht wirklich klar, und es besteht die Gefahr, dass dadurch in der Bevölkerung die Meinung aufkommt, man solle ganz auf Fluorid verzichten. Dabei muss man unterscheiden zwischen der Zufuhr über Essen oder Trinken und der lokalen Anwendung an den Zähnen durch Zähneputzen. Für mich als Zahnarzt ist es extrem wichtig, dass letzteres nicht in Frage gestellt wird. Grosse, systematische Studien zeigen, dass es Fluorid zur Kariesprävention braucht.


Wie wirkt Fluorid gegen Karies?
Es gibt verschiedene Wirkmechanismen. Erstens bindet sich das Fluorid an den Zahnschmelz und macht ihn weniger säurelöslich – und die Säure ist ja bei Karies das, was dazu führt, dass Mineralien herausgelöst werden und sich langfristig ein Loch bildet. Zweitens werden mit Fluorid schneller wieder Mineralien in den Zahn eingelagert als ohne. Die Anwendung fluoridhaltiger Mundpflegeprodukte – insbesondere Zahnpasten – spielt deshalb eine ganz entscheidende Rolle bei der Prävention von Karies. Sie bringen das Fluorid genau an den Ort der Wirkung, die Zahnoberfläche.


Karies ist aber keine Fluoridmangelkrankheit.
Nein. Man kann Karies auch ohne Fluorid verhindern, aber es ist sehr viel schwieriger. Man müsste die Zähne perfekt sauber putzen Dentalhygiene Das tut den Zähnen gut oder komplett auf Zucker verzichten.
 

«Wer möchte eine Studie machen, bei der die Probanden erklären muss, dass sie ein 20 Prozent höheres Risiko haben, Karies zu entwickeln?»

Dr. med. dent. Florian Wegehaupt, Leiter Bereich Präventivzahnmedizin am Zentrum für Zahnmedizin der Universität Zürich


Auch Salz ist fluoridiert. Ist das unverzichtbar?
Das ist schwierig zu beantworten. Es ist auf jeden Fall ein Pfeiler unseres Präventionsprogramms. Wenn man den wegnehmen würde, dann würde das Ganze ins Wanken geraten. Rechnerisch müsste das zu 15 bis 20 Prozent mehr Karies führen, was nicht wenig ist. Aber es ist halt schwierig wirklich zu sagen, ob man darauf verzichten könnte. Denn dafür müsste man entsprechende Studien machen, um zu zeigen: Ohne das bekommt man mehr Karies. Aber wer möchte eine Studie machen, bei der man den Probanden erklären muss, dass sie ein 20 Prozent höheres Risiko haben, Karies zu entwickeln?


Als die Salzfluoridierung Fluorid Zahngesundheit mit Schattenseiten eingeführt wurde, waren Zahnpasten wenig verbreitet. Wenn man sich zwei-, dreimal pro Tag die Zähne mit Fluoridzahnpasta putzt, braucht es dann trotzdem noch fluoridiertes Salz?
Das kann man so nicht beantworten. Studien gibt es dazu nicht und sind auch nicht mehr möglich – dafür sind Fluoridzahnpasten heute zu verbreitet. Aus der Geschichte sehen wir, dass es einen Effekt hat. Ich halte es aber für gefährlich, das nicht mehr zu machen, da zumindest eine gewisse Reduktion darauf zurückzuführen ist.


Im unteren Teil der Salzpackung erreicht das Fluorid ähnlich hohe Konzentration wie schwächere Erwachsenenzahnpasten. Warum sollen wir das eine schlucken und das andere nicht?
Bei den Zahnpasten ist das nicht vor allem wegen dem Fluorid, sondern wegen anderen Stoffen, die man nicht konsumieren sollte.

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Bei Kindern Zahnpflege bei Kindern Mund auf, Augen zu! ist das Fluorid aber offensichtlich ein Faktor – sonst gäbe es ja nicht extra Kinderzahnpasta mit tieferem Fluoridgehalt.
Dabei geht es vor allem um die Gefahr der Zahnfluorose. Die soll damit vermieden werden.


Und beim Salz sehen Sie diese Gefahr nicht?
Nein, da haben wir keine Zunahme durch das Salz beobachtet.

«Was viel wichtiger ist: Wie nimmt man Fluorid auf?»

Dr. med. dent. Florian Wegehaupt, Leiter Bereich Präventivzahnmedizin am Zentrum für Zahnmedizin der Universität Zürich


In den 90er Jahren hatten 20 bis 25 Prozent eine leichte bis mittlere Zahnfluorose. Gibt es neuere Zahlen aus der Schweiz?
Soweit ich weiss nicht. Vermutlich ist der Anteil noch ähnlich hoch.


Kann man sicher sein, dass in der Schweiz keine schwere Zahnfluorose auftritt? Sie gilt ja im Gegensatz zur leichten und mittleren als zahnschädigend?
Bei den Untersuchungen in den 90ern fiel das nicht auf. Sicher sein kann man aber natürlich nie. Bei uns hier im Zentrum für Zahnmedizin fällt es auf jeden Fall nicht auf.


Profitiert ein Fötus von zusätzlichem Fluorid?
Nein.


Eine kanadische Studie von Mitte August bestätigt die Resultate früherer Untersuchungen. Auch hier hatten die Kinder für jedes zusätzliche Milligramm Fluorid, das pro Tag während der Schwangerschaft eingenommen wurde, einen um 4 Punkte verminderten IQ. Die Forscher empfehlen, dass Schwangere ihre Fluoridaufnahme minimieren.
Ich kann dazu nichts sagen, weil ich die Studie noch nicht gelesen habe. Bei der früheren Studie aus Mexiko bin ich aber der Meinung, dass sie nicht auf die Schweiz übertragbar ist. Die Fluoridmengen sind höher in Mexico City als in der Schweiz – auch wenn die beteiligte Forscherin Deena Thomas etwas anderes erzählt. Die Höchstwerte erreicht man in der Schweiz bei weitem nicht.

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Es gibt in der Schweiz aber Ortschaften mit höherem Fluoridgehalt im Wasser.
Na klar, einzelne. Aber in den grossen Versorgungsgebieten wie Zürich und Bern sind die Werte tiefer. Was aber viel wichtiger ist: Wie nimmt man Fluorid auf? Die Aufnahme wird von der Höhenlage beeinflusst. Mexico City liegt auf 2250 Meter über Meer, die höchste bewohnte Ortschaft in der Schweiz auf 2100 Meter. Am stärksten zeigt sich das bei der Fluoridkonzentration im Urin. Die lag in der Studie bei 0,9 Milligramm pro Liter, in Studien aus Basel, wo bis 2003 das Trinkwasser fluoridiert wurde, lag sie bei 0,6 Milligramm pro Liter. Dies müsste man auch für die Studie aus Kanada anschauen.


Sehen Sie trotz dieser neuen Studie keinerlei Handlungsbedarf?
Natürlich könnte man sich überlegen, ob man selber so eine Studie machen sollte. Aber eben: Endgültig beweisen, dass wirklich Fluorid für den Effekt verantwortlich ist, kann man so nicht.

Was ist wichtig für eine gute Mundhygiene?

Man sollte sich die Zähne mindestens zweimal, eher dreimal täglich reinigen. Vor allem die Zahnreinigung vor dem Zubettgehen ist wichtig. Denn über Nacht ist der Speichelfluss geringer und man sollte Zeiten einer langen Demineralisation vermeiden. Zur Mundhygiene gehört auch, dass man die Zahnzwischenräume mit einem Interdentalbürstchen oder Zahnseide reinigt.

Wichtig ist auch eine gesunde Ernährung. Hauptfeind der Zähne ist Zucker. Er wird in der Zahnplaque in Säure umgewandelt und greift die Zahnoberfläche an. So entsteht Karies. Wer keinen Zucker konsumiert, kann theoretisch keine Karies bekommen. Allerdings können die Karies-verursachenden Bakterien auch Stärke (zum Beispiel aus Brot) verstoffwechseln, wenn auch weniger schnell und gut wie Zucker. Nach gezuckerten Mahlzeiten sollte man die Zähne putzen, um das Substrat der Bakterien möglichst schnell zu entfernen.

Auch Säuren aus Lebensmitteln können die Zähne angreifen. Besonders schädlich sind Softgetränke und Energy-Drinks, zum Teil auch Obstsäfte, die viel Säure und Zucker enthalten. Das Beste für die Zähne ist daher normales Hahnenwasser.

Eine regelmässige professionelle Zahnreinigung ein- bis zweimal im Jahr, je nach persönlichem Bedarf, rundet die Prophylaxe ab.

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In den USA wurde der Richtwert für die Trinkwasserfluoridierung um gut einen Drittel gesenkt – wegen der möglichen Nebenwirkungen. Warum wird das in der Schweiz nicht einmal diskutiert?
Weil es bis jetzt keine Nachweise für die Schweiz gibt, dass irgendwelche Nebenwirkungen bestehen. Zudem wären solche Studien sehr aufwendig und kostspielig. Es wäre aber denkbar, dass das Bundesamt für Gesundheit eine solche Studie in Auftrag gäbe.


Gemäss WHO sind Knochenschäden ab ungefähr 6 Milligramm Fluorid pro Tag viel wahrscheinlicher. Das ist weniger als die doppelte Tagesmenge in der Schweiz. Genügt diese Sicherheitsspanne, um eine Massenabgabe zu rechtfertigen?
Natürlich möchte man eine möglichst grosse Spanne. Aber wenn man sie bei Fluorid sehr gross macht, hat man kaum noch etwas von der erwünschten Wirkung. Das ist leider bei diesem Wirkstoff so gegeben.
 

«Man ist der Fluoridisierung nicht zwangsläufig ausgesetzt.»

Dr. med. dent. Florian Wegehaupt, Leiter Bereich Präventivzahnmedizin am Zentrum für Zahnmedizin der Universität Zürich


Spricht das nicht gegen die Salzfluoridierung?
Einerseits ja, weil man natürlich das Problem der individuellen Aufnahme des Salzes hat. Es kann schon sein, dass man da an die Grenze herankommt. Aber auf die breite Masse eher nicht.


Und für die Einzelnen?
Für Individuen mit entsprechenden Faktoren könnte es sein.


Spricht das nicht gegen die heutige Salzfluoridierung?
Das kann so nicht beantwortet werden. Um das Optimum für alle Individuen zu erreichen, bräuchte es eine personalisierte Medizin, die das für jeden einzeln abstimmt. Das ist nur schon wirtschaftlich schwierig zu machen. Natürlich muss man abwägen zwischen Wirtschaftlichkeit und den Bedürfnissen der Patienten. Wenn man aber betroffen ist, kann man ja auch ausweichen. Man ist der Fluoridisierung nicht zwangsläufig ausgesetzt.

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«Wer sich die Zähne hundertprozentig sauber putzt und auf Zucker verzichtet, braucht kein Fluorid, um Karies zu verhindern.»

Dr. med. dent. Florian Wegehaupt, Leiter Bereich Präventivzahnmedizin am Zentrum für Zahnmedizin der Universität Zürich


In der Gastronomie schon, dort kann der Gast nicht frei wählen.
Man kann im Restaurant ja fragen, was für Salz sie verwenden und hat somit die Wahlmöglichkeit. Wenn man das grundsätzlich verbietet, dann schliesst man auch den positiven Effekt aus. Sowohl einen rigorosen Ausschluss wie einen Zwang fände ich nicht gut.


Es wird im Moment nicht über mögliche Nebenwirkungen informiert. Warum fehlt ein Hinweis auf der Salzpackung?
Das will ich nicht ausschliessen und es wäre wohl machbar. Wobei: Wer weiss denn, ob er eine solche Unverträglichkeit hat? Das ist ähnlich wie bei einer Glutenunverträglichkeit Hype um gesundes Essen Du bist, was du nicht isst , wo viele Menschen drauf anspringen. Wenn man sie wirklich untersucht, sind die allerwenigsten betroffen. Wer untersucht, ob ich so eine Fluoridunverträglichkeit habe?


Gemäss Studien reagiert gut ein Prozent der Bevölkerung schon auf geringe Mengen mit akuten Beschwerden wie Bauch- und Kopfschmerzen. Wäre eine Doppelblindstudie dazu nicht relativ einfach denkbar?
Das wäre wahrscheinlich machbar.
 

Wäre es nicht im Sinne der medizinischen Ethik sogar notwendig?
Es wäre eine interessante Studie, aber sie liegt nicht im Fachgebiet der Zahnmedizin. Das müssten sich andere anschauen, zum Beispiel Gastroenterologen.


Gibt es die optimale Dosis Fluorid?
Wer sich die Zähne hundertprozentig sauber putzt und auf Zucker verzichtet, braucht kein Fluorid, um Karies zu verhindern. Für den Rest lässt sich die ideale Dosis jeweils nur individuell und nur für den jetzigen Zeitpunkt bestimmen. Für eine grosse Population lässt sich höchstens ein Bereich festlegen, in dem man sich bewegen sollte, um gewisse Effekte zu haben.

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Zur Person

Dr. med. dent. Florian Wegehaupt ist Leiter des Bereichs Präventivzahnmedizin und Orale Epidemiologie der Klinik für Zahnerhaltung und Präventivzahnmedizin am Zentrum für Zahnmedizin der Universität Zürich und SSO-Beauftragter für Jod- und Fluoridfragen.

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Chantal Hebeisen, Redaktorin

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