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FruchtbarkeitDank Gentest die biologische Uhr ticken hören?

Wie lange kann eine Frau schwanger werden? Ein neuer Test am Unispital Basel soll das klären. Doch er ist umstritten.

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Immer mehr Frauen kommen zu Christian de Geyter, weil sie ein Kind wollen. Und sie kommen immer später. «Ich erlebe oft, dass 48-jährige Frauen kaum akzeptieren, dass ihre biologische Uhr ausgetickt hat», sagt der Chefarzt der Reproduktionsmedizin am Universitätsspital Basel. Dass Paare immer später mit der Familienplanung beginnen, treibt ihn an: Er entwickelte einen Test, der Prognosen über Unfruchtbarkeit erlauben soll.

Der Schlüssel ist eine Erbgut­variante, ein sogenannter Polymorphismus des Östrogenrezeptors. Er tritt bei unfruchtbaren Frauen gehäuft auf. Und besonders bei Frauen mit geringer Eierstockreserve (siehe «Je älter, desto weniger»). Die Genvariante, so die Folgerung, muss Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit haben.

Jede Zehnte wird früh unfruchtbar

Seit Anfang 2013 bietet das Basler Unispital einen Test an, der diesen Polymorphismus untersucht. Frauen sollen damit besser abschätzen können, wie viel Zeit ihnen bleibt, um noch schwanger zu werden. Das Risiko, mit der Genvariante ein paar Jahre früher in die Menopause zu kommen oder eine verminderte Eierstockreserve zu haben, sei rund doppelt so hoch wie ohne, sagt de Geyter. Er schätzt, dass etwa zehn Prozent der Frauen über 35 von messbarer Eierstockschwäche betroffen sind.

260 Franken kostet der neue Test, die Krankenkassen zahlen ihn nicht. Jede Frau kann ihn anfordern, es braucht dafür keine vorgängige Beratung. Das Resultat wird ihr aber von einem Arzt persönlich mitgeteilt.

Der Polymorphismus wirkt sich nicht nur auf die Fruchtbarkeit aus, sondern auch auf die Psyche. Forscher stellten schon vor Jahren fest, dass Depressionen und Schizophrenie mit ihm gehäuft auftreten. Über das erhöhte Risiko einer Depression werden die Getesteten aber nicht informiert, sagt de Geyter. Für ihn spielt nur der Aspekt der Fruchtbarkeit eine Rolle.

De Geyter preist seinen Test als ersten Fruchtbarkeitstest mit voraussagender Aussagekraft an. Bisherige Tests wie die Zählung antraler Follikel, aus denen sich die ­Eizellen entwickeln, oder die Bestimmung des Anti-Müller-Hormons, das die Aktivität der Eierstöcke spiegelt, bilden nur den jeweils aktuellen Zustand ab: Weicht der Wert von der Norm ab, ist das Problem bereits akut. Beim Polymorphismus-Test jedoch soll die Abweichung bereits in jungen Jahren sichtbar sein.

Doch die Aussagekraft des Tests ist umstritten. Michael von Wolff, Chefarzt für Reproduktionsmedizin am Inselspital Bern: «Für die Praxis ist eine solche Ana­lyse noch in keiner Weise verwertbar.» De Geyters Studie sei zwar hochinteressant, sage aber nur etwas über die Häufigkeit der Genvariante bei einer bestimmten Gruppe aus. Für Einzelpersonen liesse sich daraus keine Prognose ableiten, sagt von Wolff. Zudem seien asiatische Forscher zu einem anderen Fazit gelangt. Auch Bruno Imthurn, Leiter der Klinik für Reproduktions-Endokrinologie am Zürcher Unispital, ist vorsichtig: «Der Ansatz ist vielleicht zukunftsträchtig. Aber wir führen diese Methode noch nicht durch, da die Resultate von einer zweiten unabhängigen Forschergruppe bestätigt werden müssen.»

«Das Wissen, dass die Fruchtbarkeit abnimmt, ist erschreckend wenig verbreitet, selbst bei gebildeten Frauen», sagt de Geyter. Er hat eine Vision, um das Problem des späten Kinderwunsches zu verringern: «Es wäre ideal, wenn Frauen mit 20 Jahren diesen Test machen.»

Für den Gentest ist keine Zulassung nötig

Frauenärzte könnten ihre jungen Patientinnen über den Test informieren. Muss einer jungen Frau ein ungünstiges Testresultat mitgeteilt werden, könnte sie die Familiengründung vorziehen und die Karriere auf später verschieben. Oder sie könnte Eizellen als Fruchtbarkeitsreserve einfrieren, so de Geyters Idee. «Eines Tages werden Väter ihren Töchtern das Einfrieren von Eizellen zum 21. Geburtstag schenken. Aber das ist heute noch Science-Fiction.»

Das Unispital Basel tritt in Sachen Reproduktionsmedizin forsch auf. Chefarzt de Geyter setzt sich öffentlich für die Zu­lassung der Eizellenspende in der Schweiz ein. Zudem hat die Klinik – obwohl diese Praxis noch verboten ist – Frauen zwischen 18 und 25 gefragt, für welchen Geldbetrag sie bereit wären, Eizellen zu spenden. Das Ergebnis steht noch aus.

Für den angebotenen Gentest stellt sich das Problem der Zulassung nicht. Gentests brauchen im Gegensatz zur Freigabe von Eizellenspenden oder auch von Medikamenten keine staatliche Bewilligung.

Jedes Mädchen kommt mit einem bestimmten Reservoir an Eizellen zur Welt. Nach der Geburt nimmt die Anzahl stetig ab. Mit jedem Men­struationszyklus werden 40 bis 100 solcher Zellen «verbraucht». Wenn das Reservoir leer ist, tritt die Menopause ein – im Durchschnitt mit etwa 51 Jahren. Die Fruchtbarkeit nimmt aber bereits mit 25 ab; nach 30 etwas schneller, nach 35 Jahren rapide. Rauchen und Übergewicht beschleunigen den Prozess. Es gibt diverse Methoden, um die Reserve der Eierstöcke und damit die Fruchtbarkeit abschätzen zu können. Per Ultraschall können die Eibläschen in den Eierstöcken gezählt werden (Antraler Follikelcount, AFC). Auch die Konzentration des Anti-Müller-Hormons (AMH) gibt Hinweise: Je höher der Hormonspiegel ist, desto höher ist die Aktivität der Eierstöcke.

Veröffentlicht am 05. März 2013