Mit einem dumpfen Gefühl im Kreuz fängt er an. Ganz harmlos. Am zweiten Tag sorgt er für eine Muskelverhärtung entlang der Wirbelsäule. Ab dem dritten Tag hockt er auf meiner linken Schulter. Ich stelle ihn mir als ein Äffchen vor, das einfach dasitzt und vor sich hin lacht. Es ist ein bösartiges Lachen. Gemein und hinterhältig. Es ist mein Rückenschmerz, der mich seit 15 Jahren fertigmacht.

Ich glaube nicht an Übersinnliches, habe aber sonst schon alles probiert. Ich rannte von Arzt zu Arzt und liess mir alles Mögliche verschreiben, von Phy­siotherapie über Chiropraktik bis zu Wärme­packungen. Von der Schulmedizin erwarte ich keine Hilfe mehr. Warum also nicht den Gang zu einem Heiler wagen?

Die Auswahl ist riesig. Es gibt Fernheiler, die ihre Telefonnummern in der Presse oder am Fernsehen anpreisen. Geistheiler, die an Esoterikmessen wie der «Eso-natura» oder der «Lebenskraft» auftreten. Solche, die mit Engeln oder Geistern sprechen, sich von Gott oder Ausser­irdischen unterstützen lassen oder mit kosmischen und sonstigen Energien kurieren. Googelt man das Stichwort «Geistheiler», erhält man mehr als 10'000 Treffer für die Schweiz. Nicht nur das Angebot ist unüberschaubar, auch die Nachfrage ist ­immens, wie Magali Jennys Bestseller über Heilerinnen und Heiler in der Schweiz zeigt. Das Buch liegt in einer West- und einer Deutschschweizer Version vor und hat sich schon über 55'000-mal verkauft.

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Wenn mich ein Heiler heilen kann, dann ­einer, der anderen das Heilen beibringt, denke ich und entscheide mich für einen Besuch bei George Paul Huber in Hendschiken im Aargau. Der 60-Jährige bildet seit 20 Jahren angehende Heiler aus und hat schon mehr als 2500 Absolventen ein Diplom überreicht. Gäbe es den Titel, wäre er Professor für geistige Medizin.

Huber hat eine sanfte Stimme und einen trockenen Humor. Mit dunklem Teint, Vokuhila-Frisur und Adlernase gleicht er einem Indianer. Er ist mir auf Anhieb sympathisch, was mich leicht verunsichert – schliesslich will ich professionelle Distanz wahren.

Stattdessen entscheide ich spontan, mich wirklich auf die Sitzung einzulassen. Ich erzähle dem ehemaligen Bankangestellten von meinen Schmerzen. Wie sie mir ab dem dritten Tag auf die Stimmung schlagen und mich zuweilen depressiv werden lassen. Und dass die linke und rechte Seite meines Körpers sich auch an schmerzfreien Tagen unterschiedlich anfühlen.

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«Du bist nicht machtlos»

Heiler Huber hört zu, stellt Fragen und ermuntert mich schliesslich, meine Beschwerden aus einer anderen Perspektive zu betrachten: «Der Schmerz ist die Sprache deines Körpers. Hör ihm zu, er will dir etwas sagen.»

Was kann das sein? Ich bin doch eigentlich glücklich.

«Ich selber habe keine Meinung darüber, was die Ursache ist und was du tun musst. Wichtig ist, dass du mit deinem Körper in Verbindung trittst.»

Ich habe mir schon überlegt, ob es nicht das Beste wäre, einfach nicht an ihn zu denken, den Schmerz zu verdrängen. Manchmal gelingt das.

«Das kann durchaus eine Lösung sein. Du wirst die Antwort finden.»

Der Schmerz ist das eine, das andere ist die Hoffnungslosigkeit, die sich mit ihm einstellt.

«Du bist nicht machtlos. Du bist kein Opfer. Schmerz kann eine Chance sein – eine Möglichkeit, die der Körper nutzt, um dich auf eine neue Schiene zu bringen. Da passiert was. Freu dich und frage dich: Was erwartet mich Neues? Was willst du mir sagen? So wird die Begegnung mit dem Schmerz plötzlich positiv.»

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Mich auf die Pein zu freuen könnte schwierig werden. Aber ich muss zugeben: Hubers Worte machen irgendwie Sinn. Viel mehr Sinn als das Gespräch mit dem Orthopäden, der mir nach einer sieben Minuten dauernden Konsultation riet, wieder zu ihm zu kommen, wenn ich mein Versicherungsmodell gewechselt hätte. Oder jenes an der ­psychologischen Beratungsstelle der Universität Zürich, wo ich an eine Psychoanalytikerin geriet, die mein Rückenleiden als Ausdruck einer laten­ten Depression betrachtete und meine Kindheit freudianisch aufarbeiten wollte.

Huber stellt keine Diagnose, und er verspricht auch keine Heilung. Damit erfüllt er laut dem Sektenexperten Hugo Stamm die minimalen Anforderungen, die an Heiler gestellt werden müssen. Stamm hat zwar grundsätzlich Bedenken gegenüber undefinierten Heilmethoden, rät aber nicht kategorisch ab: «Wenn Patienten glauben, die Schulmedizin könne ihnen nicht mehr weiterhelfen, und wenn der Preis nicht überrissen ist, können sie es mit einem Heiler versuchen.» Diese seien so beliebt, weil sie sich viel Zeit nähmen. Zeit, die Ärzten meist fehle. Stamm räumt ein, dass ein Gespräch mit einem Geistheiler kurz­fristig eine positive Wirkung haben könne. «Wenn Sie daran glauben, dass ein Heiler Ihre Schmerzen tatsächlich lindern kann, dann profitieren Sie zumindest von einem Placeboeffekt. Schwere Krankheiten heilen kann aber kein Heiler.»

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Ein Effekt wie beim autogenen Training

Die Kraft der Gedanken manifestiert sich im zweiten Teil der Behandlung. Huber will mir «geistige Energie» zuführen. Sie soll meine Selbstheilungskräfte aktivieren. Er stellt mich in die Mitte des Seminarraums, heisst mich tief ein- und ausatmen, legt mir die Hände auf den Rücken und murmelt beschwörende Worte. «Wir nehmen jetzt ganz liebevoll Kontakt auf zu deinem Rücken. Und bitten das Licht, sich dort auszubreiten. Spüre die Kraft des Lichts. Spüre, wie es durch deinen Körper fliesst. Wie es dich frei macht. Wie deine Schultern zu Flügeln werden. Wie sie sich öffnen, damit du fliegen kannst. Wohin immer du willst. Damit du das Leben unbeschwert geniessen kannst. Lass los. Genau so. Sehr gut. Öffne deine Flügel. Fühle dich frei. Frei und ganz leicht.» Und tatsächlich: Als ich mich von Huber verabschiede, fühle ich mich beschwingt. Das Ungleichgewicht im Rücken ist zwar nicht weg, aber es geht mir richtig gut.

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Das ist kein Hokuspokus. Ich kenne den Effekt vom autogenen Training. Bei dieser Entspannungstechnik wiederholt man gedanklich immer wieder dieselben Sätze, zum Beispiel: «Meine Beine werden ganz warm und schwer.» Worauf sich dieses Gefühl tatsächlich einstellt. Die physische Wirkung der Übung lässt sich nachweisen. Studien belegen, dass sich dank solchen Mantras die Blutgefässe weiten und dass sich die Durchblutung verbessert.

Wenn ich an «geistige Energie» glaube, dann an meine eigene Kraft. Und wenn mir mein ­Rücken etwas sagen will, dann dies: «Bewege dich mehr.» Denn seit ich mehr Sport treibe, habe ich weniger Schmerzen. Doch das alles steht nicht im Widerspruch zu dem, was Huber gesagt hat. Schliesslich soll ich die Lösung selber finden. Und ja, selbst die Chance, die mir der Schmerz bietet, kann ich erkennen, wenn ich die vergangenen Jahre Revue passieren lasse.

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Geistig-chirurgische Operation

Weil man mir sagte, schwimmen sei gut, lernte ich crawlen; ich nahm schliesslich an einem Giga­thlon teil und lernte dort meinen Lebenspartner kennen. Weil ich eigentlich ein Sportmuffel bin und mich anfänglich zu mehr Bewegung zwingen musste, habe ich mich mit Motiva­tionspsychologie befasst und einen Ratgeber für Bewegungseinsteiger geschrieben. Und weil ich mich in den dunkelsten Stunden gefragt habe, was mich noch in diesem Leben hält, habe ich gemerkt, was mir wirklich Spass macht. Mein Lebenselixier ist die Begegnung mit spannenden Menschen und das Entdecken neuer Welten. Kurz: Ohne meine Rückenschmerzen wäre ich heute nicht der Mensch, der ich bin. Das war mir schon vor der Begegnung mit Heiler Huber bewusst. Doch nie zuvor habe ich die Zusammenhänge so deutlich gesehen.

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Geheilt bin ich nicht, aber positiv überrascht. In dieser Gemütslage mache ich mich auf zu Brigitte Heim in Badenweiler jenseits des Rheins, deren Angebot ich auf der Heilerliste der Schweizer Parapsychologischen Gesellschaft entdeckt habe. Sie soll schon manches Rückenleiden kuriert haben.

Hellblaues Hemd, filigrane Perlenkette, dezentes Make-up, gepflegter Haarschnitt: Die ehemalige Einzelhandelskauffrau wirkt seriös und sachlich. Optisch scheint sie im Hier und Jetzt zu leben. Dafür ist das, was sie erzählt, für mich von einer anderen Welt. Sie hört Stimmen von Verstorbenen und will mich mit deren Hilfe geistig-chirurgisch operieren. Sie sagt, ich würde an ener­getischen Wunden aus früheren Leben leiden. Sie sieht mich im Jahr 1537. Als Frau mit rötlichen Haaren. Ich arbeite barfuss in einer Schenke. Die Männer behandeln mich schlecht, sehr schlecht. Dann erscheine ich ihr als Fischer. Auf den Fidschi-Inseln. Die Wucht des Wassers hat mich an einen Felsen geschmettert. Ich sterbe. Schliesslich sieht sie mich als alten Mann im 19. Jahrhundert. Er hat ein gebroche­nes Herz.

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Ich will alles über meine Reinkarnationen wissen. Es ist dieselbe Neugier, die mich in den Zeitungen das Horoskop lesen lässt. Ich finde es faszinierend. Vom Glauben daran bin ich weit entfernt. Es ist bloss gute Unterhaltung.

Meine Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit kann Heim auch nicht zerstreuen, als sie plötzlich in Wir-Form spricht, und ich frage: «Wer ist ‹wir›?»

«Oh, Sie passen auf. Wenn ich ihnen sage, dass das meine geistigen Helfer sind – oder soll ich sagen, dass es mein Herzmeister ist? Was wollen Sie hören? Die Tatsache, oder? Sie können ahnen, wen ich meine», sagt sie und blickt mich lange an.

Nein, Herzmeister sagt mir nichts.

«Wenn ich Ihnen sage: Jesusenergie. Buddhaenergie. Oder Krishna. Das sagt Ihnen was, oder? Energien, wie sie grosse spirituelle Meister angewandt haben.»

Habe ich alles schon mal gehört. Aber da ich nicht religiös bin, kann ich damit nichts anfangen. Eher komme ich mir vor wie auf einem Basar, einem Jahrmarkt der Glaubensrichtungen.

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Plötzlich passiert etwas Sonderbares

Zwar scheint Heilerin Heim von «denen da oben» einiges über mich zu erfahren. Zum Beispiel, dass ich früher geritten bin, dass ich mal einen Unfall hatte und dass da mit Mitte 20 eine Trennung war. Doch hat nicht jedes Mädchen einmal für Pferde geschwärmt, sich irgendwann verletzt und in der Adoleszenz unter Herzschmerz gelitten? Heim liegt bei ihren Weis­sagungen genauso oft falsch, oder ich gebe die richtige Antwort gleich selber – unter anderem, weil ihre Aussagen als eine Mischung zwischen Frage und Feststellung daherkommen.

Doch dann passiert etwas Sonderbares: Zwei Tage nach der Konsultation träume ich von einem Exfreund. Er sitzt in einem Hotelzimmer vor dem Computer und verlangt nach meiner Identitätskarte. Er braucht sie, um im Internet zu löschen, was uns miteinander in Verbindung bringt. Habe ich diese Beziehung doch noch nicht überwunden? Brigitte Heim hat mir einen wichtigen Traum prophezeit. Sieht sie vielleicht mehr, als ich wahrhaben will?

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Nein. Es gibt eine logische Erklärung. Neben Schlagwörtern aus der Esoterik wie «Mutter Erde», «Herzchakra» oder «Seelenfaden» bemühte Heim auch Ausdrücke aus der Computerwelt. Während sie mir die Hand auflegte, sagte sie, dass sie mich «durchscanne» und nun die «alten Programme» löschen würde. Mein Unterbewusstsein hat wohl einfach versucht, dem Gespräch einen Sinn abzuringen.

Unser Körper tickt wie in der Steinzeit

Auf jeden Fall konnte die Heilerin aus Südbaden meine Rückenbeschwerden nicht zum Verschwinden bringen. Im Gegenteil: Zwei Tage nach ihrer Behandlung meldet sich das dumpfe Gefühl im Kreuz, das Äffchen klettert auf meine Schulter und beweist einmal mehr viel Sitzleder. Dass der Schmerz gerade jetzt wiederkommt, deutet Heim auf Rückfrage als Zeichen für ihren Erfolg: «Das ist gut so, jetzt tut sich was.» Für mich ist indes klar: Ich habe mich während der Wintermonate zu wenig bewegt.

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Weder Schulmedizin noch Esoterik können mich heilen. Was mir bleibt, ist der Glaube an die Selbstheilung. Ich muss akzeptieren, dass ich immer wieder mal Schmerzen habe. So, wie ich akzeptieren muss, dass ich eines Tages sterben werde. Aber ich weiss aus Erfahrung, dass ich meine Beschwerden lindern kann, wenn ich immer brav meine Rückenübungen mache oder regelmässig Sport treibe. Empirisch erhärtet – im Selbststudium.

Wir brauchen Bewegung, weil wir dafür konstruiert sind: In der Steinzeit legten wir täglich 40 Kilometer zu Fuss zurück. Heute sind es im Schnitt gerade mal anderthalb Kilometer. Statt Mammuts zu jagen und vor Säbelzahn­tigern zu flüchten, kämpfen wir mit dem Computer bei der Arbeit und mit dem Stau auf den Strassen. Aus Jägern und Sammlern sind Bürolisten und Autofahrer geworden. Unser Körper jedoch tickt noch immer wie in grauer Vorzeit.

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Das ist meine Theorie, und ich bin fest überzeugt davon. So, wie andere an Seelenwanderung und Wunderheiler glauben. Doch vielleicht wirkt gar nicht die körperliche Aktivität selber, sondern bloss der Glaube an ihren positiven Effekt. Ist Bewegung mein Placebo? Ist mein Sportprogramm gar keinen Deut besser als Handauflegen oder Geisterbeschwören? Und sind sogar Schmerztabletten nur ein Scheinmedikament? Egal: Hauptsache das Mittel wirkt – und macht dem Affen Beine.

Buchtipp

Riti Sharma, Magali Jenny: «Heilerinnen und Heiler in der Deutschschweiz. Magnetopathen, Gebetsheiler, Einrenker»; Favre-Verlag, 2009, 288 Seiten, Fr. 39.90

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Buchcover: Fitness beginnt im Kopf
Quelle: Beobachter Edition