Als Elvira Franzen (Name geändert) das neue Haarteil sah, traute sie ihren Augen nicht: Dieses hässliche Ding sollte sie sich auf den Kopf setzen? Es wirkte viel zu aufgeplustert. Zwar hatte sie sich mehr Volumen gewünscht, aber doch nicht eine solche Pelzmütze! Zudem war der Braunton nicht so, wie sie ihn sich vorgestellt hatte. Und zu allem Überfluss fühlte sich das Ersatzhaar auch noch spröde und struppig an und schien schlecht verarbeitet zu sein.

«Ich war bitter enttäuscht», erzählt die 55-Jährige. Doch überwand sie sich und ging mit dem Haarteil zur Arbeit. Ob sie neuerdings eine Perücke trage, wurde sie prompt gefragt. Sie schämte sich in Grund und Boden. Nach Arbeitsende ging sie in den erstbesten Coiffeurladen: «Helfen Sie mir! So kann ich doch unmöglich unter die Leute.» Die Coiffeuse bemühte sich, den voluminösen «Helm» auszudünnen. Eine Notlösung, denn Elvira Franzen war klar: Mit diesem Haarteil würde sie nicht froh.

Frauen leiden mehr darunter als Männer

Haarersatz ist ein heikles Thema. Wer ihn braucht, hat meist eine schwere Krankheit oder eine andere Leidensgeschichte hinter sich. Sich dann mit Toupet oder Perücke befassen zu müssen, belastet zusätzlich. Bei Elvira Franzen war die Fehlfunktion der Schilddrüsen der Grund, weshalb ihr dichtes, schönes Haar immer dünner wurde.

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Schliesslich mussten die Schilddrüsen entfernt werden, und Franzen schluckt jeden Morgen Hormone. Körperlich geht es ihr wieder gut. Bloss das Haar am Oberkopf ist so schütter, dass die Kopfhaut durchschimmert. «Sie können sich gar nicht vorstellen, wie schlimm das ist», sagt sie. Man sagte ihr, gegen eine solche «Frauenglatze» lasse sich nichts ausrichten. Ausser sie freunde sich mit einem Haarersatz an. Ihr Hautarzt empfahl einen Anbieter in Bern und drückte ihr einen Prospekt in die Hand. Dass darin von Perücken die Rede war, schockierte sie.

«Wenn sich die Wünsche der Kunden nicht umsetzen lassen, müssen wir manchmal vom Kauf eines Haarersatzes abraten.»

Steffen Merz, Inhaber von Merz Coiffure, Zürich

«Unseren Kunden fällt es schwer, sich um Haarersatz zu kümmern, weil sie eigentlich keinen wollen», sagt Ralph Anderegg von Rolph Postiches in Zürich/Kloten, einem Spezialisten für Zweithaar. Jeder Mensch wolle gesund sein, und zur Gesundheit gehöre volles Haar. Es wegen einer Krankheit oder erblich bedingt zu verlieren, sei für Frauen meist noch härter als für Männer. Oft haderten Betroffene lange damit, ehe sie den Entschluss fassen, einen Haarersatz zu tragen. Da komme es aufs Fingerspitzengefühl an, manchmal helfe ein ehrliches Wort, sagt Anderegg. «Wir ­reden klar von Haarersatz.» Dieser werde zwar optisch dem eigenen Haar angeglichen, fühle sich aber anders an. Das müsse man deutlich sagen. «Und wenn sich die Wünsche der Kunden nicht umsetzen lassen, müssen wir manchmal vom Kauf abraten», meint Steffen Merz von der ebenfalls auf Haarersatz spezialisierten Merz Coiffure in Zürich. «Betroffene werden sonst nicht glücklich damit.»

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Lieber Kunsthaar als schütteres Echthaar

«Ich hatte ja keine überzogenen Ansprüche», sagt Elvira Franzen. Sie habe nach der langen Zeit mit schwindender Haartracht einfach eine Lösung für sich gesucht. Aber: «Es war ein Fehler, mich auf die Empfehlung einer Kollegin zu verlassen», räumt sie ein. Sie sei schlecht beraten gewesen, das Ergebnis sei katastrophal ausgefallen. Ganz zu schweigen vom nachfolgenden Ärger, als sie wegen des Haarteils reklamierte. «Das macht einen zusätzlich kaputt. Man ist ja sonst schon geplagt mit dem Problem», sagt sie.

Schliesslich vereinbarte sie einen Termin bei jenem Coiffeur, den ihr Hautarzt empfohlen hatte. Dort fühlte sie sich in guten Händen und trägt nun ein Kunsthaarmodell, mit dem sie leben kann und das erst noch günstiger war. «Natürlich ist es bloss die zweitbeste Lösung, meine eigenen Haare wären mir lieber.» Immerhin aber müsse sie sich nicht mehr genieren, wenn sie aus dem Haus gehe.

Indessen keimt in ihr ein wenig Hoffnung: Hier und da wachsen zarte Haare nach. Dass sie das Zweithaar dereinst nicht mehr brauchen wird, wäre zu schön.

Der Weg zum vollen Schopf

  • Informieren Sie sich im Internet: Was dürfen Sie erwarten? Wie lange ist der Anbieter schon am Markt? Ist Haarersatz sein Haupt- oder sein Nebengeschäft, etwa neben Haar­verlängerungen? Wer ist im Team?

  • Vereinbaren Sie einen Termin für eine unverbindliche Beratung. Die ist bei manchen Anbietern gratis. Andere verlangen eine Gebühr, die sie bei Vertragsabschluss gutschreiben.

  • Standardperücken aus Kunsthaar, Massperücken aus Echthaar, individuell angepasste Haarteile, Haarersatz zum Abnehmen oder einer, der mit der Kopfhaut verklebt ist: Varianten gibt es viele. Bei einer guten Beratung kommen Ihre Bedürfnisse, Lebensumstände und Ihr Budget zur Sprache. Und die Pflege des Haarersatzes. Seien Sie vorsichtig, wenn man Ihnen kostenpflichtige Abonnements anbietet – etwa wenn Sie jeden Monat zur «Nach­behandlung» vorbeikommen müssten.

  • Prüfen Sie im Zweifelsfall mehrere Anbieter. Lassen Sie sich bei der ersten Beratung auf keinen Fall zu einem Kauf oder einem Vertrag drängen.

  • Sie müssen vom Anbieter überzeugt sein. Macht er einen fachkundigen Eindruck? Stimmt zwischen Ihnen und dem Berater die Chemie? Wird Ihr Berater später den Ersatz anpassen?

  • Sind Sie mit dem Ersatz unzufrieden: Kontaktieren Sie so schnell wie möglich den Anbieter. Lassen Sie etwas anderswo ändern, verwirken Sie eventuell Ihr Recht auf Nachbesserung durch den ursprünglichen Anbieter.

  • Weitere Informationen zu Haarersatz: www.morgenthalercoiffure.ch