Urs Wiget zählt zu den erfahrensten Notfallmedizinern in der Schweiz. Der 71-Jährige arbeitete lange Jahre als Rega-Arzt und Gebirgsmediziner und ist seit fast 40 Jahren in der Reanimationsausbildung tätig.

Beobachter: Herr Wiget, in Ihren Kursen stellen Sie sich gerne mal tot – um zu tes­ten, ob die Teilnehmer bei einem Herznotfall das Richtige tun würden. Wie wären Ihre Chancen?
Urs Wiget: Nicht sehr hoch, fürchte ich. Über die Hälfte versucht es mit einer Art Seiten­lage, dabei wird dann meistens noch diskutiert, wie der Arm oder das Bein zu lagern sei. Die wenigen, denen das Richtige einfällt – nämlich sofortige Wiederbelebung –, tun kunterbunt alles Mögliche: Atemstösse, Thoraxkompression ...

Beobachter: Weshalb ist das wenig hilfreich?
Wiget: Wenn Erwachsene einen Herzstillstand erleiden, muss man nicht beatmen. Die Beatmung unterbricht nur die Herzdruckmassage. Diese aber ist unbedingt notwendig. Nach einem Zusammenbruch hat das Blut noch viel Sauerstoff. Ununterbrochene Herzmassage sorgt dafür, dass der Kreislauf aufrechterhalten wird und dass die wichtigen Organe, also auch das Gehirn, mit Sauerstoff versorgt werden.

Beobachter: Viele Menschen fürchten schwere Schäden nach einer Wiederbelebung und lehnen diese ab.
Wiget: Das ist genau der Punkt. Mit sofortiger Herzmassage steigen die Chancen, dass Patienten einen Notfall ohne Hirnschäden überstehen. Das schiere Überleben kann nicht unser Ziel sein. Jemand muss wieder gut leben können. Das bedeutet: auf eigenen Beinen das Spital verlassen.

Beobachter: Warum glauben viele nach wie vor, einen Herztoten beatmen zu müssen?
Wiget: Sie haben es irgendwann einmal gelernt, und es ist aus den Köpfen praktisch nicht herauszubekommen. Doch dabei wird etwas Wesentliches übersehen: Herzdruckmassage und Beatmung im Wechsel von 30:2 gilt nur bei Kindern und Ertrunkenen, weil hier das Blut wahrscheinlich keinen Sauerstoff mehr hat und die Lungen ­voller Wasser sind. Diesen wesentlichen Unterschied müssen wir den Leuten endlich bei­bringen.

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Beobachter: Geben nicht selbst Defibrillatoren die Anweisung, zu beatmen?
Wiget: Das ist ein Problem bei den älteren Modellen. Die Leute folgen der Anweisung dann oft, obwohl sie das Beatmen gar nicht richtig beherrschen und es, wie erwähnt, kontraproduktiv ist. Wenigstens die neuen Geräte fordern dazu nicht mehr auf.

Beobachter: Und im Ernstfall wird dann auch erst ­einmal über die richtige Massnahme ­diskutiert?
Wiget: Leider ja. Selbst mir als Notarzt haben Umstehende schon Ratschläge erteilt, ich solle dieses oder jenes tun. Manchmal konnte ich das nur abwehren, in dem ich die Leute scharf aufforderte: «Bitte, dann machen doch einfach Sie weiter!» Dann war plötzlich Ruhe. Das kann ich auch Laien empfehlen.

«Mit einer Herzmassage ist das Risiko, jemandem zu schaden, verschwindend gering.»

Urs Wiget

Beobachter: Laut Umfragen tun 80 Prozent der Laien gar nichts, wenn ein Mitmensch vor ihnen zusammenbricht.
Wiget: Auch dies ist eine traurige Tatsache. Im besten Fall wird vielleicht der Notarzt gerufen.

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Beobachter: Es geht um Leben und Tod: Warum greift kaum jemand ein?
Wiget: Es ist die Angst, etwas falsch zu machen.

Beobachter: Wie überwindet man diese Angst?
Wiget: In den Notfallkursen muss dies eine der wichtigsten Botschaften sein. Wenn Laien die Anzeichen eines Herz-Kreislauf-Stillstands kennen, können sie nichts falsch machen. Es liegt ein Toter vor ihnen. Diesen Menschen noch toter zu machen, geht nicht. Mit einer Herzmassage ist das Risiko, jemandem zu schaden, verschwindend gering. Wer aber nichts tut, riskiert, dass ein Mensch stirbt.

Beobachter: Wie viele Menschen könnten mit der richtigen Notfallhilfe gerettet werden?
Wiget: Ein Drittel der 7000 bis 10 000 Menschen, die pro Jahr in der Schweiz einen plötzlichen Herzstillstand erleiden. Wir wissen nicht genau, wie viele Betroffene einen Notfall ausserhalb des Spitals überleben – schätzungsweise sind es zwischen drei und sieben Prozent. Diese Zahlen sind je nach Gegend unterschiedlich, zurzeit hat der Kanton Tessin die besten Überlebens­raten.

Beobachter: Wie schwierig ist es, die Herzmassage zu lernen?
Wiget: Das lernen Sie innert einer halben Stunde. Heute wird oft der Eindruck vermittelt, es sei etwas Kompliziertes, das ein Laie nur schwer bewältigen könne. Das ist der falsche Ansatz und verhindert beherztes Eingreifen. In der Praxis spielt es keine grosse Rolle, ob man den Brustkorb genau da drückt, wo man es an der Übungspuppe gelernt hat, oder ob es exakt so oft getan wird, wie es im Lehrbuch steht. Wichtig ist nur, sofort zu beginnen und nicht mehr aufzuhören, bis der Notarzt kommt.

Beobachter: Sie plädieren dafür, bereits Kindern ab zwölf Jahren die richtige Notfallhilfe beizubringen. Warum?
Wiget: 80 Prozent der Herznotfälle finden zu Hause statt; es ist wichtig, Familienangehörigen und engen Freunden helfen zu können. Kinder denken unkomplizierter als Erwachsene, und was sie einmal gelernt haben, vergessen sie nicht mehr. Voraussetzung wären kompakte Unterrichtseinheiten – eine Stunde, dann eine Wiederholung nach einem Jahr. Und am besten übernehmen dies nicht die Lehrpersonen, sondern Fachleute aus der Praxis, Notärzte etwa oder Rettungssanitäter.

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Symptome und Massnahmen: Was man bei einem Notfall wissen muss

Je schneller bei einem Notfall die Hilfe einsetzt, des­to grösser sind die Überlebenschancen und desto kleiner ist die Gefahr bleibender Behinderungen. Das ist die Botschaft der Aufklärungskampagne «Help». Woran erkennt ein Laie, um welchen Notfall es sich handelt und was zu tun ist? Eine Übersicht:

Herz-Kreislauf-Stillstand

  • Der Patient fällt um oder sinkt im Stuhl zusammen.

  • Er reagiert weder auf lautes Ansprechen und Schütteln noch auf Schmerz, wenn man ihn in beide Oberarme kneift.

  • Er atmet nicht.

Die richtige Hilfe

  • Sofort die Herzmassage beginnen; andere Anwesende bitten, einen Notarzt anzu­rufen (Nummer 144 oder örtliche Notrufnummer)

  • Falls Sie alleine sind: zuerst Notarzt alarmieren, dann mit der Herzmassage beginnen

  • Falls ein Defibrillator zur Hand ist: Schock auslösen und die Herzmassage fortsetzen, bis der Notarzt kommt


Herzinfarkt

  • Heftiger Druck und klemmen­de, beengende oder brennen­de Schmerzen in der Brust während über 15 Minuten, oft Atemnot und Todesangst

  • Manchmal Ausstrahlung des Schmerzes in den Brustkas­ten, in Schultern, Arme, Hals, Unterkiefer oder Oberbauch

  • Mögliche Begleitsymptome: fahle Gesichtsfarbe, Übelkeit, Schwäche, Schweissausbruch, unregelmässiger Puls

  • Schmerz unabhängig von ­Bewegung oder Atmung

  • Mögliche Warnsignale bei Frauen, Diabetikern und ­älteren Patienten: Luftnot, Übelkeit, Erbrechen, Druck in Brust, Rücken oder Bauch

Die richtige Hilfe

  • Notarzt alarmieren

  • Standort, Name und Alter des Patienten durchgeben

  • Patient mit angehobenem Oberkörper auf einem Bett oder am Boden (mit Kissen und Decken) lagern

  • Enge Kleider, Krawatte oder Büstenhalter öffnen

  • Jemanden bitten, die Ambulanz einzuweisen; beim Patienten bleiben, ihn beruhigen


Hirnschlag

  • Schwäche, Lähmung oder ­Gefühlsstörung, meist einseitig (Gesicht, Arm oder Bein)

  • Blindheit (oft nur auf einem Auge), Doppelbilder

  • Verlust der Sprechfähigkeit oder Schwierigkeiten, Gesprochenes zu verstehen

  • Drehschwindel, verbunden mit der Unfähigkeit, zu gehen

  • Ungewöhnlicher, heftiger Kopfschmerz

Die richtige Hilfe

  • Notarzt alarmieren

  • Patient mit flachem Ober­körper auf dem Rücken (Bewusstlose seitlich) lagern

  • Weiter wie bei Herzinfarkt


Quelle und weitere Infos: www.helpbyswissheart.ch