Für ihre erste Wohnung hat Maria* die Vorhänge selber ausgesucht. In der kleinen Küche mit den schwarzweissen Plättchen setzt sie Spaghettiwasser auf. Dünstet Tomaten, Speck und Zwiebeln. Für die Mama, für ihre erste Einladung, den ersten Gast. Maria ist so stolz. Und endlich frei. Zwei Tage später führt die Polizei sie in Handschellen ab und liefert sie wieder in die Psychiatrie ein.

Das war im November 2018. Seither lebt Maria, 20, in der geschlossenen Abteilung, isoliert in einem Zimmer. Die Diagnose: leichte Intelligenzminderung und eine Impulskontrollstörung. Das Bett ist festgeschraubt, das Fenster geht auf den Innenhof. Sie trägt ein reissfestes Gewand. An schlimmen Tagen bleibt sie ans Bett gegurtet. Fixiert an den Füssen, an den Händen, um den Bauch. Tagelang. Maria, die ihre Freiheit liebt. Maria, die mit ihrer ersten eigenen Wohnung noch so grosse Pläne hatte.
 

«Bei Frau Manser* liegt eine Impulskontrollstörung vor, ohne dass ich eine Aussage über deren Ursache treffen kann. Diese Impulskontrollstörung zeigt sich in selbstverletzendem Verhalten, Fremdaggressivität und impulsartigen Weglauftendenzen.»

Aus dem psychiatrischen Gutachten vom Januar 2018


«Meine Tochter leidet, und ich bin nur ohnmächtig. Sie ist mein erster Gedanke beim Aufwachen, mein letzter beim Zubettgehen.» Barbara Manser* hat ein Foto in den Händen, darauf lächelt Maria in die Kamera. In T-Shirt, Jeans und Birkenstocks steht sie in ihrer kleinen Küche, rührt in der Pfanne. Das dunkle Haar zurückgebunden. Es war ein guter Tag, damals im November. Verstreut auf dem Stubentisch der Mutter liegen weitere Fotos von guten Tagen. Die reichen aber nicht aus, um die schlechten zu vergessen.

Marias Geburt war schwierig. Keine Herztöne, ein Notkaiserschnitt, zwischendurch musste die Mutter beatmet werden. «Ist der Sauerstoffmangel schuld an allem?» Barbara Manser schiebt eine Maria mit Sonnenbrille zurück in den Bilderrahmen.

Dass Maria anders war als ihre zwei jüngeren Schwestern, hat die Familie früh gemerkt. Sie konnte lange nicht laufen, lag in ihrer Entwicklung immer etwas zurück. Auch Maria hat das gemerkt. Damals haben ihre Ausbrüche angefangen. Sie wurde wütend, wenn die jüngeren Schwestern etwas besser konnten, steigerte sich immer mehr hinein, bis zur Eskalation. Nach zwei Wochen im Kindergarten rief die Schule die Eltern an. Die Kindergärtnerin drohte: Entweder geht Maria oder ich.
 

«Ich durfte zu meiner eigenen Sicherheit den Raum nicht betreten. Ich sass auf einem Schemel unter der nun offenen Zimmertür, während sie auf dem Bett an einer Wand sass. (…) Sodann kündigte ich meinen Abschied von ihr an; doch plötzlich stand sie auf und rannte auf mich zu! Eine Pflegerin zog kräftig an meinem Schemel und stiess mich so zurück, dass andere Pfleger die Tür sofort schliessen konnten. Sie hätte mich attackieren wollen, sagten die Pflegepersonen. Sie schrie und polterte mit aller Kraft wie eine Furie gegen die geschlossene Tür.»

Aus dem psychiatrischen Gutachten vom Dezember 2018


Die Psychiater haben einen Namen für Marias Störung: ICD-10 F 63.8. Aber keine Lösung. «Seit Jahren wird sie von einer psychiatrischen Institution zur nächsten geschoben», sagt Barbara Manser. «Aber immer ist sie am falschen Ort. Helfen konnte ihr niemand.»

Maria will frei sein. Sie ist feinfühlig, reagiert auf Reize und starke Emotionen. Wenn sie sich in die Enge getrieben fühlt, verletzt sie sich. Sie ritzt sich, schluckt Scherben, trinkt Geschirrspülmittel, springt vom Balkon. Sie schlägt zu, nutzt jede Gelegenheit zur Flucht. «Eigentlich wünscht sich Maria nur etwas: Selbständig wohnen und mit Kindern arbeiten», sagt die Mutter. «Aber sie ist ihren Ausbrüchen ausgeliefert. Und mit jedem Ausbruch verschlimmert sich ihre Situation.»
 

«Die repressiven Massnahmen der Klinik, welche sie selber provoziert, lösen bei ihr eine Mischung von süsslichem Getue und blinder Wut aus. Sie hat in der Klinik eine Rolle weiterentwickelt, welche ihre pathologischen Potenziale nur noch mehr anstachelt. Ich dachte, ich erlebe Reste vom Irrenhaus im Paris des XIX. Jahrhunderts.»

Aus dem psychiatrischen Gutachten vom Dezember 2018


«Meine Tochter ist eigentlich ein fröhlicher Mensch. Nur manchmal bricht das Schlimmste aus ihr heraus.» Nach dem Rauswurf aus dem Kindergarten besuchte Maria die heilpädagogische Schule. Mit zwölf setzte die Pubertät ein, die Ausbrüche wurden heftiger. Manchmal schlug sie zu. Die Eltern trennten sich, Maria zog zum Vater. Eine Zeit lang war alles ruhig, zumindest zu Hause.

Doch in der Schule provozierte Maria weiter, zertrümmerte Fensterscheiben und Möbel. Dreimal riss sie danach von zu Hause aus. Die Eltern waren am Ende ihrer Kräfte.

Maria kam zur Abklärung in die Jugendpsychiatrie Lügen über sexuellen Missbrauch «Warum hinterfragte niemand die Aussagen unserer kranken Tochter?» , von dort ins betreute Wohnen, von dort in eine geschlossene Abteilung. Aber jedes Team, das es mit ihr versuchte, jede Institution, Kliniken in der ganzen Schweiz, gaben früher oder später auf. Zahlreiche unabhängige Gutachter hielten fest: Für Maria gibt es keine gute Lösung.
 

«Was sich da vor meinen Augen bot, hatte ich in meinem langen Leben als Psychiater nie erlebt. Sie war dem Personal und sich selber gegenüber dermassen gefährlich geworden, dass das Isolierzimmer lediglich ein festes Bett und feste Decken enthielt, mit welchen sie ihren nackten Körper umwickelte.»

Aus dem psychiatrischen Gutachten vom Dezember 2018

 

Maria mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester am Rheinfall.
Quelle: Kornel Stadler
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Maria war 19, als sie im Frühjahr 2018 in eine Wohngruppe im Zürcher Unterland überwiesen wurde. Nach Jahren in verschiedenen psychiatrischen Anstalten. Die Familie hoffte und besuchte Maria, so oft es ging.

Barbara Manser blickt zum Foto an der Wand. Maria mit Sonnenbrille und breitem Lachen. Aufgenommen am Rheinfall. Die jüngste Schwester war auch dabei. Auf dem Boot sind die drei dem Rheinfall so nah, dass die Gischt ihre T-Shirts durchnässt. «An solchen Momenten halte ich mich fest. Maria, frei und unbeschwert. Ihr Vater und ich tun alles, was in unserer Macht steht, damit es bald wieder so sein kann.»

Sechs Monate lang lebte Maria in der Wohngruppe im Zürcher Unterland. Drei Monate waren gut, drei Monate nicht so. Maria landete erneut im Psychiatrischen Zentrum. Diesmal im Isolationszimmer. Wegen Selbst- und Fremdgefährdung Borderline «Durch Schmerz spüre ich das Leben» . Und weil es keine Alternativen mehr gab.
 

«Sie strotzt nur so vor Energie, sodass Ärzte vor der Aufgabe stehen, sie so weit zu sedieren, dass ihre psychische Energie auf ein sozial tragbares und subjektives wohltuendes Mass reduziert wird. Die dazu geeigneten Mittel sind in der Psychiatrie bestens bekannt, nämlich täglich: Quetiapin 600 mg, Risperidon 6 mg, Clopixol 75 mg, Haldol und Abilify hoch dosiert, bei Möglichkeit eingespritzt. Diese Mittel sind antipsychotisch und sedierend.»

Aus dem psychiatrischen Gutachten vom Dezember 2018


Im Herbst 2018, drei Monate nach Marias fürsorgerischer Unterbringung im psychiatrischen Zentrum, sassen die Eltern, Psychiater und Behörden an einen Tisch. Einig waren sich alle: So geht es nicht weiter. Maria ist isoliert, sieht die Sonne nur durchs Fenster.

Jede Pflegesituation droht zu eskalieren, seit Wochen war Maria nicht mehr unter der Dusche. Sie hat ein WC zerschlagen, ihre Matratze zerrissen, alle Betreuer an ihre Grenzen gebracht. Eine humanere Lösung muss her.
 

«Frau Manser hat überwiegend gute Zeiten, sowohl im Wohnheim wie auch in ihrer Familie. (…) Eine blosse Verwahrung ohne Angebot therapeutischer Optionen, bei notabene durchaus vorhandenen Therapiemöglichkeiten, halte ich für ethisch bedenklich.»

Aus dem psychiatrischen Gutachten vom Januar 2018


Ein Projekt liess die Eltern erneut hoffen. Maria sollte ihre eigene Wohnung bekommen und 24 Stunden lang von einem Team von erfahrenen Heilpädagogen betreut werden. Im kleineren Setting könne der Alltag besser klappen. Möglichst viel Freiheit, möglichst wenig Überreizungen. Aber weder Maria noch die Heilpädagogen waren auf die Freiheit vorbereitet.

An ihrem ersten Tag war sie glücklich, eigentlich. Und stolz. Ihre eigene Wohnung, als Erste in der Familie. Sie kochte für die Mutter und machte Pläne für die Schwestern. Aber sie legte sich bei Nacht und Nebel auf die Strasse. Sie versuchte, eine Scherbe zu schlucken. Sie stieg vom Perron auf die Gleise. Drei Tage dauerte das Projekt, dreimal war die Polizei vor Ort. Dann griff die Kesb Kesb-Entscheid Was braucht es, damit die Kesb einen Beistand einsetzt? durch und wies Maria wieder ins Psychiatrische Zentrum ein.


«Im heute durchgeführten Gespräch kamen wir eher zufällig auf verschiedene Blumenarten zu sprechen, wobei Frau Manser sehr beeindruckend aufführen konnte, welche Zierblumen giftig seien und damit für den Suizid geeignet seien. Dass Frau Manser diese Blumen gegebenenfalls auch erkennen würde, ist nicht zu bezweifeln.»

Aus dem psychiatrischen Gutachten vom Januar 2018


Barbara Manser ist müde. «Manchmal verbläst es mich fast. Aber ich muss dranbleiben. Für Maria und für meine anderen beiden Töchter.» Die Wohnung von Maria existiert noch immer. Eltern und Heilpädagogen glauben weiter an das Projekt. Es ist Marias letzte Hoffnung.

*Namen geändert

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