André Bachmann wunderte sich, als er den Befund erhielt: Sein Eisenspiegel lag bei 1215 Nanogramm. Der Wert, gemessen vom Berner Labor Medics, unterschied sich damit massiv von den Ergebnissen anderer Prüfer. Dabei hatte Bachmann sein Blut am selben Tag von mehreren Instituten testen lassen. Das deutsche Labor Ganzimmun ermittelte einen Ferritinwert von 679 Nanogramm pro Milliliter Blut – knapp die Hälfte. Wie war das möglich?

Bachmann ist Zahnarzt und fühlt sich gesund. Vor sechs Jahren wurde bei ihm zufällig eine Eisenüberladung im Blut festgestellt. Aus Interesse entschied er sich, seine Werte alle zwei Monate untersuchen zu lassen.

Die Konzentration des Proteins Ferritin widerspiegelt, ob das Gewebe ausreichend Eisen speichert. Als Bachmann eine sprunghafte Veränderung der Werte feststellte, liess er sein Blut in fünf Labors untersuchen. «Ich war ziemlich erstaunt. Die Messwerte werden ja auf die Kommastelle genau angegeben – und suggerieren Ärzten und Patienten Exaktheit», sagt er.

«Ein bekanntes Problem»

Tatsächlich können sich die Befunde je nach Labor unterscheiden. Das heisst nicht, dass diese ungenau arbeiten, sie testen nur nicht nach derselben Methode. Die Befunde sind daher nur innerhalb der Testreihen des einen Labors vergleichbar, nicht aber von Labor zu Labor. «Diese unterschiedlichen Resultate bei nicht standardisierten Tests sind ein bekanntes Problem», sagt Gert Printzen von der Ärztevereinigung FMH. «Im Ex­tremfall liegen sie bis zu 70 Prozent auseinander.»

Das bringt Probleme, wenn der Arzt das Labor wechselt oder der Pa­tient den Arzt. «Ein Wechsel zwischen Labors kann zu Fehleinschätzungen führen», sagt Martin Risch, Präsident der Schweizerischen Kommission für Qualitätssicherung im medizinischen Labor. Risch rät Patienten deshalb: Wenn sich Laborwerte sprunghaft verändern, sollte man nach dem Grund suchen, bevor man sich beunruhigt.

Der Hersteller sagt, wer krank sein soll

Gemäss Risch sind sich die wenigsten Ärzte des Problems bewusst. In der Ausbildung lerne man wenig über Labordiagnostik: «Ich dachte lange: Was schwarzweiss auf dem Blatt steht, muss so stimmen.» Universitäten, Fachgesellschaften und Ausbildungskliniken sind deshalb daran, angehende und praktizierende Ärzte in der Interpretation von Labor­werten intensiver zu schulen. Als Orientierungshilfe wird schon heute auf jedem Befund ein Referenzwert angegeben, der sagt, in welchem Bereich ein Resultat als «normal» eingestuft werden kann.

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Doch auch das schafft nur bedingt Klarheit. Laut Labor­spezialist Claude Rothen aus Basel steckt hinter jedem Wert eine Philosophie: «Einige Testhersteller ermitteln den durchschnittlichen Ferritinwert der gesunden Bevölkerung. Doch andere legen einen höheren Idealwert fest.» So erhalten beim ersten Schema weniger Patienten die Diagnose «zu niedrig» als beim zweiten.

Zudem hätten Ärzte unterschied­liche Philosophien bei der Verordnung von Eisentherapien, sagt Rothen. Die einen schwörten auf eine Eisentherapie und behandeln damit Verhaltens­auffälligkeiten, Kopfschmerzen und Schwindel. Die anderen würden nur auf Eisenpräparate zurückgreifen, wenn der Patient chronisch müde sei. Rothen empfiehlt deshalb Abklärungen bei einem Eisenzentrum, bevor eine Therapie angeordnet wird.

In der Praxis beeinflussen unterschiedliche Laborwerte vor allem den Verlauf einer Therapie. «Ein plötzlicher Methodenwechsel kann dazu führen, dass ein Therapieerfolg nur noch schlecht zu beurteilen ist. Zudem erschwert er die korrekte Dosierung der Medikamente», sagt Rothen.

«In seltenen Fällen Fehlbehandlung»

Labormediziner Printzen bestätigt: «In seltenen Fällen können Fehlbehandlungen die Folge falscher Interpretationen der Resultate sein.» Er rät Ärzten, sich unbedingt mit den Labors über die Resultate auszutauschen. Auch für Rothen ist klar: «Die Ärzte dürfen die Resultate nicht einfach mechanisch aufgrund der Zahlen interpretieren.» Von Eisenmangel könne erst die Rede sein, wenn das Krankheitsbild stimme, wenn der Patient ­also unter Symptomen leide.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) versucht seit Jahren, einen weltweit einheitlichen Standard zur Messung des Ferritins durchzusetzen. Vergeblich: Manche Hersteller von Messgeräten zogen nicht nach. Alle Methoden auf den WHO-Standard zu kalibrieren sei aufwendig, sagt Printzen. Ausserdem seien die Tests nicht auf alle Ethnien gleich anwendbar. «Was bei einem Europäer als Mangel gilt, muss noch lange nicht für einen Asiaten gelten.»

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Auch dass sich Hersteller wie Siemens oder Roche auf eine Messmethode einigen, ist für Rothen undenkbar: Jeder erhebe Anspruch auf Richtigkeit und wolle, dass der eigene Test angewendet werde. «Das Problem ist: Alle Firmen liegen richtig. Ihre Messungen sind korrekt, jedoch nur in Bezug auf ihre Methode.»