«Ja, ich bin Legastheniker»: Das offen auszusprechen, damit hatte Paul W.  nie Schwierigkeiten. Er habe kein Manko, für das er sich schämen müsse. Es gebe einfach Dinge, die ihm schwerfallen: flüssig lesen, das Gelesene verstehen und wiedergeben – und dann die Sache mit diesen vermaledeiten Buchstaben. Wo beim Wort Problem das p steht und wo das b – es gehe ihm einfach nicht in den Kopf.

Gewisse Fortschritte hat der 41-Jährige in Sprach- und Schreibkursen gemacht, und manchmal übt er zu Hause mit seiner Frau. Oft aber fehlt ihm die Geduld, über den Texten zu hocken und zu pauken. Er ist kein Typ fürs Theoretische. Er ist Praktiker. Und manchmal sagt er sich: Ich habe einen Job, ich kann meine Familie ernähren, und wenn ich am Arbeitsplatz einen Rapport schreiben muss, benutze ich halt das Rechtschreibprogramm. Was ist so schlimm daran?

Und dennoch: Paul W. hat oft das Gefühl, dass man ihm einen Makel anhängt. Ihn spüren lässt, dass ihm die Qualifikation für anspruchsvollere Aufgaben fehlt, zumindest die auf dem Papier. Es macht ihn wütend, dass Legastheniker gemeinhin danach beurteilt werden, was sie nicht können. Und ihnen unterschwellig vorwirft, dass sie es verbummelt haben, den Mangel auszumerzen. Dabei, das bestätigen Fachleute, ist Legasthenie nichts, was sich auswächst mit der Zeit – und auch nichts, was sich im Handumdrehen beheben liesse. Deshalb sei es irreführend, von Lese- und Rechtschreibschwäche zu reden.

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Die Stärken liegen woanders

Legastheniker ist man ein Leben lang. Der Grund dafür ist eine andere Art der Wahrnehmung. Wer Legasthenie hat, orientiert sich oft am Visuellen. Diese bildliche Vorstellungskraft ist bei vielen stark ausgeprägt. Das ist auch ein Potential, auf dem sich aufbauen lässt. Steht ein Legastheniker oder eine Legasthenikerin vor einer schwierigen Aufgabe, läuft vor deren geis­tigem Auge ein ganzer Film ab, Lösungs­ansatz oftmals inbegriffen.

Ausgeprägt ist meistens auch die Eigenschaft, etwas sofort anzupacken, statt lange in Gebrauchsanweisungen nachzulesen, wie es am besten anzugehen sei. Fähig­keiten, die auf Paul W. hundertprozentig zutreffen. Der gelernte Kleingerätemonteur ist an seinem Arbeitsplatz für technische Anlagen zuständig. Klemmt es irgendwo, wird er geholt. Auch an den Wochenenden. Weil man weiss, dass er alles schnell wieder flottbekommt, während ­andere noch planlos herumdoktern. Funktionsweise anschauen, Situation als Ganzes analysieren, Störquelle orten, sie beseitigen. Und schon läuft das Ding wieder.

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Selbstbewusst zückt er eine Leistungsbescheinigung. Als im Betrieb eine neue Anlage installiert werden sollte, zog man ihn als Fachmann bei und stellte ihm für seinen eineinhalb Jahre langen Einsatz Bestnoten aus. Wie schnell er komplexe Probleme erfasste und dafür gute Lösungen fand, hatte der Projektleitung imponiert. Paul W. beflügelte dieser Erfolg. Er beschloss, sich weiterzubilden und die Prüfung zum Instandhaltungsfachmann abzulegen.

Prüfung nicht bestanden – das war hart

Am Prüfungstag aber musste er kapitulieren. Er hatte grösste Mühe, die schrift­lichen Fragen zu verstehen, geriet unter Zeitdruck und in Stress. Erst recht, als er versuchte, Antworten zu Papier zu bringen. Er schaffte die Prüfung knapp nicht. Und erlebte es als herben Rückschlag.

Legastheniker beziehungsweise deren Therapeuten können Prüfungserleichterungen beantragen und zum Beispiel durchsetzen, dass fürs Verstehen der Fragen und Ausformulieren der Antworten mehr Zeit eingeräumt wird. Auch Paul W. wollte eine solche Erleichterung. Bei der Prüfung wurden ihm dann aber nur längere Pausen zugestanden. Was gar nichts brachte.

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Dass man Legasthenikern, die an sich arbeiten und etwas erreichen wollen, ­Steine in den Weg legt, versteht er nicht. ­Instandhaltungsfachleute müssen wissen, wie eine Maschine funktioniert und wie man Fehler behebt. Es kommt aufs Umsetzen in der Praxis an. Dennoch sei das Gros der Prüfung schriftlich abzulegen – eine halbe Doktorarbeit allein für die Vorbereitung. «Hätte ich einem Prüfer direkt an einer Anlage demonstrieren können, wie ich vorgehe, wäre das für mich doch kein Problem gewesen», sagt er.

Ob er die Prüfung wiederholt? Paul W. lässt sich im Normalfall so schnell nicht unterkriegen. Diesmal aber sitzt ihm der Schock noch zu sehr in den Knochen. «Einen solchen Stress tue ich mir nicht mehr an», sagt er. Gäbe es hingegen ­irgendwo eine Ausbildung, bei der das Mündliche und Praktische stärker gewichtet wird, dann würde er sich das ernsthaft überlegen.

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Legasthenie – was ist das?

  • Legasthenie ist im deutschsprachigen Raum die Bezeichnung für Lese- und Rechtschreibschwäche. Der internationale Begriff lautet Dyslexie. Dyslexie gilt bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als psychische Störung. Schätzungen zufolge sind in der Schweiz fünf bis zehn Prozent der Erwachsenen betroffen.
  • Legastheniker haben grosse Schwierigkeiten, die schriftliche Sprache zu ver­arbeiten. Sie brauchen fürs Lesen und Schreiben mehr Zeit und Kraft als an­dere. Typische Anzeichen sind Rechtschreibfehler, das Verwechseln von Buchstaben und Wörtern, stockendes Lesen, Probleme, das Gelesene zu verstehen und sich Rechtschreibregeln zu merken. «Bei einer Legasthenie», so lautet eine häufig verwendete Definition, «liegen die Lese- und Rechtschreibleistungen deutlich unter dem Niveau, das aufgrund des Alters, der Intelligenz und der Erfahrungen erwartet werden kann.»
  • Legasthenie kann unterschiedlich aus­geprägt sein. Bei manchen fällt es erst unter Stress, Zeitdruck und Müdigkeit auf. Andere können ausgezeichnete Texte schreiben, jedoch nicht ohne Fehler. Und es gibt Betroffene, bei denen Legasthenie lange nicht erkannt wird, etwa erst bei der beruflichen Grundausbildung.
  • Legasthenie wird vererbt und tritt ­familiär gehäuft auf. Eine der möglichen Ursachen: Die für die Hör- und Sehwahrnehmung verantwortlichen Hirn­bereiche werden bei Laut- oder Buch­stabeninformationen verzögert aktiviert. Neurobiologische Funktionsstörungen sollen zudem eine Speicherschwäche für Wörter verursachen.
  • Es hilft erwachsenen Legasthenikern nur teilweise, einen Lese- und Schreibkurs zu besuchen. Es braucht individuelle Förderung, bei der Schwächen sowie Stärken und Begabungsprofile jedes Einzelnen herausgearbeitet werden. Auch Bildungseinrichtungen sind wichtig, die gezielt Stützkurse anbieten und bei Prüfungen Erleichterungen und Hilfsmittel zulassen: Tests am PC statt handschriftlich lösen, den Prüflingen die Aufgaben vorlesen, Rechtschreibprogramme zulassen.

Weitere Informationen

Verband Dyslexie Schweiz: www.verband-dyslexie.ch

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