Beat Villiger ist Klinikdirektor des Paraplegikerzentrums Nottwil und Präsident der Gesellschaft für Sportmedizin.

Beobachter: Training statt Schonung: Bei welcher Art von Rückenschmerzen stimmt das?
Beat Villiger: Bei länger an­haltenden Rückenschmerzen ohne Taubheitsgefühl oder starke Ausstrahlung in Arme oder Beine. Schonung führt zu raschem Muskelschwund; der Rücken wird geschwächt, Blockierungen werden begünstigt. Ein Teufelskreis, der zu chronischen Schmerzen führen kann. Bei akuten Schmerzen rate ich hingegen für drei bis vier Tage zur Schonung, bei Taubheitsgefühl oder akuter Muskelschwäche sogar zu Ruhigstellung und entlastender Lagerung. Ebenso sollte man auf Bewegungen verzichten, die den Schmerz deutlich verstärken.

Beobachter: Wann soll man mit dem Training beginnen?
Villiger: Bei chronischen, gleichbleibenden Schmerzen: je eher, desto besser. Bei akuten Schmerzen kann man den Rücken belasten, sobald sie zurückgehen und sich bei ­Aktivität nicht mehr deutlich verstärken. Man beginnt mit langsamen und behutsamen Bewegungen, die den Rücken nicht überfordern.

Beobachter: Welche Trainingsarten sind ­geeignet?
Villiger: Zum einen Sportarten, die die Rückenmuskulatur stabilisieren und kräftigen. Dazu zählen Schwimmen, Nordic Walking, Rudern, Langlaufen. Zum anderen gibt es rückenspezifisches Training, das man unter fachkundiger Anleitung stehend, sitzend oder liegend durchführt. Es sind sanft dehnende und kräftigende Übungen, die man mit elastischen Bändern oder leichten Gewichten unterstützen kann.

Beobachter: Welche Art von Training oder ­Aktivität ist schädlich?
Villiger: Sprünge, Kontaktsportarten, das Tragen von schweren ­Gewichten und ruckartige Bewegungen sind Gift für schmerzende Rücken. Ohne entsprechende Instruktion ist auch von Krafttraining mit grossen Gewichten oder Widerständen abzuraten.

Beobachter: Wenn beim Training die Schmerzen zu stark sind – soll man Schmerzmittel nehmen oder mit dem Training aufhören?
Villiger: Nehmen die Schmerzen beim Training deutlich zu, sollte man damit aufhören. Eine leichte Zunahme der Beschwerden ist in der Anfangsphase aber häufig und normal. Unterdrückt man einen starken Schmerz mit potenten Medikamenten, kann man zusätzliche Schäden verur­sachen, die die Heilung verzögern. Bei starken Schmerzen gilt deshalb: Trainingsstopp und nach zwei bis drei Tagen erneuter Versuch; bei unveränderter Reaktion keine Selbsttherapie, sondern Abklärung durch den Hausarzt.

Beobachter: Wann sollte man sich fachlichen Rat holen, bevor man mit dem Training beginnt?
Villiger: Hat man nur leichte Schmerzen, kann man sich in der Schweiz bei jedem Fitnesscenter mit Qualitätslabel beraten und sich die Übungen von den Trainern zeigen lassen. Bei stärkeren Schmerzen sucht man besser den Hausarzt oder eine qualifizierte Therapeutin auf, bevor man mit dem Training beginnt.

Beobachter: Sind Therapien, bei denen man passiv ist, wirkungslos bei Rückenschmerzen?
Villiger: Lange waren diese Therapie­formen bei Schulmedizinern verpönt. Heute wissen wir, dass Kälte- und Wärmeapplikationen, Dehnung, entspannende Lagerung, Akupunktur, Wickel oder Bäder sehr wohl den Schmerz lindern und häufig eine aktive Therapie erst möglich machen.

Beobachter: Kann man Rückenschmerzen mit Massage allein therapieren?
Villiger: Die klassische Massage ist vor allem bei Verspannungen und Verhärtungen der Rückenmuskulatur angezeigt und kann lindernd wirken. Massage allein wirkt aber meist nur kurze Zeit. Gute Ergebnisse bringt sie hingegen, wenn man sie mit aktiven Formen wie Rückenkrafttraining kombiniert.