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PsoasLendenmuskel – gezieltes Training hilft

Plötzlich soll ein grosser Muskel für Rückenleiden, Verdauungsprobleme und gar Depressionen verantwortlich sein. Was steckt hinter dem Hype?

Der grosse Lendenmuskel besteht aus dem Musculus psoas major und dem Musculus iliacus. Wir brauchen ihn beim Gehen und um den Körper aus der Hüfte zu drehen oder aufzurichten.
von aktualisiert am 12. Oktober 2017

Rückenschmerzen sind oft «unspezifisch», wie es im Ärztejargon heisst. Bedeutet: Eine klare Ursache ist nicht auszumachen. Um dem Schmerz ein Ende zu setzen, besuchen immer mehr Leute Yoga- und Pilateskurse.

Eher früher als später hören sie dort vom Iliopsoas oder Psoas, dem grossen Lendenmuskel. Er ist zweigeteilt, rund vier Zentimeter dick und verbindet Ober- und Unterkörper. Der Muskel soll bei den meisten verkürzt sein, weil wir zu viel sitzen. Das führe zum häufigen «Kreuz mit dem Kreuz». So erklären es viele Yoga- und Pilateslehrerinnen.

Tatsächlich liegt der Psoas im Kreuz. Er verläuft von den Lendenwirbeln her durch das Becken und haftet vorne am Oberschenkelknochen an. Er stabilisiert das Becken und ist unerlässlich für den aufrechten Gang. Ein zu straffer oder zu schwacher Psoas kann zu Fehlhaltungen und Schmerzen führen, das ist in Fachkreisen unbestritten.

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«Bio-intelligentes» Gewebe?

Nicht so klar ist aber, wie oft das wirklich der Fall ist und inwiefern Lebensstil und Psyche den Muskel beeinflussen. Am einen Ende der Skala steht Liz Koch. Die Autorin von «The Psoas Book» spricht vom «Muskel der Seele», der äusserst sensibel auf Stress reagiere. Der Psoas sei ein Wahrnehmungsorgan, das aus «bio-intelligentem» Gewebe bestehe.

Koch verweist auf den Taoismus, der den Psoas als Wächter des Dantian bezeichnet, das Zentrum der Lebensenergie. Hektischer Lebensstil und ständige Reizüberflutung führten demnach zu Spannungen im Muskel, was Rückenschmerzen verursache. Der verkürzte Lendenmuskel begünstige durch seinen Einfluss auf die inneren Organe auch Bluthochdruck und Ängste sowie in schweren Fällen sogar Depressionen

Hannu Luomajoki hält davon wenig. Der Physiotherapeut ist Professor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Er sieht zwar in der Praxis durchaus Patienten mit verkürztem oder zu schwachem Psoas, und das könne Ursache für Rückenschmerzen sein. Hauptsächlich handle es sich dabei um Jogger und Velofahrer. Die «Seelenmuskel-Theorie» bezeichnet er als Esoterik. Es sei falsch, dem grossen Lendenmuskel im Hinblick auf Disbalancen mehr Gewicht zu geben als anderen.

Der Muskel ist kein Bösewicht

Zwischen diesen Positionen befindet sich Stefanie Zimmermann. Die Physiotherapeutin und Yogalehrerin aus Zürich sieht «grosse Widersprüche zwischen Schul- und Erfahrungsmedizin». Sie wehre sich gegen die «Bösewichtrolle», die man dem Psoas vor allem in Yogakreisen zuschreibe. Aber auch sie sagt, dass der Muskel mehr beeinflusse als das Heben und Strecken des Beins beim Gehen. «Unsere Muskeln reagieren auf Stress damit, dass sie sich zusammenziehen. Das kann jeder spüren, wenn er erschrickt oder Angst hat.» Der Psoas sei der grösste Beugemuskel im Hüftgelenk: Es sei nicht von der Hand zu weisen, dass er Spannung aufbaue, wenn wir unter Druck seien. Das könne weitreichende Auswirkungen haben.

Zimmermann erzählt von einer Patientin, die mit einem Impingement, einer schmerzhaften Verengung im Hüftgelenk, in die Praxis kam und allein durch die Arbeit mit dem Psoas schmerzfrei wurde. Laut Autorin Koch könne bei Ängsten in der Schwangerschaft dieser Muskel dafür verantwortlich sein, dass sich ein Baby nicht ins Becken senkt.

Gerade Leuten, die häufig gestresst sind und beruflich lange sitzen, rät Zimmerman daher, den grossen Lendenmuskel regelmässig zu stärken und zu dehnen. 

Auch Olivia Rudolf, Physiotherapeutin und Pilateslehrerin aus Winterthur, sagt: «Seelische Zustände beeinflussen die Muskulatur. Gerade in der Hüfte reagieren wir stark auf emotionalen Stress.» Sie warnt aber ebenfalls davor, allein den Psoas für Schmerzen verantwortlich zu machen. «Wenn der Psoas Symptome zeigt, dann oft, weil er quasi als ‹Feuerlöscher› versucht, ein Ungleichgewicht oder eine Fehlhaltung auszugleichen.»

Gezieltes Training hilft

Rudolf betont, dass das Zusammenspiel der Muskeln, Faszien und Nervenstrukturen im Beckenbereich sehr wichtig sei. «Nur wenn alles im Gleichgewicht ist, kann der Psoas seine Funktion ausführen, ohne dabei das Kreuz, die Hüfte oder die Bauchorgane unnötig zu belasten», sagt die Physiotherapeutin. Man müsse immer die ganze Organisation des Beckens im Auge haben. «Wenn Fehlbelastungen da sind, braucht es ein gezieltes, individuell abgestimmtes Training, das Stärkungs-, Stabilisierungs- und Dehnungsübungen umfasst.» 

Das Gute an einem solchen Training: Auch wenn die Ursache der Schmerzen nicht im «Muskel der Seele» liegt, bestehen reale Chancen, damit Rückenschmerzen in den Griff zu bekommen. Denn darin sind sich die Experten wieder einig: Bewegung tut gut, und eine trainierte Muskulatur schützt den Rücken.

«Tun Sie sich etwas Gutes.»

Chantal Hebeisen, Redaktorin

Tun Sie sich etwas Gutes.

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