Die Mitschülerin schläft schon längst, als Daniela Koller (Name geändert) die Zimmertür aufstösst. Die Augen sind weit aufgerissen, die Arme hängen schlaff am Körper. Sie schlurft ans Bett ihrer Kollegin und murmelt etwas auf Französisch. Dann dreht sie sich um, zieht die Tür hinter sich zu und verschwindet wieder im eigenen Zimmer. Am nächsten Morgen erzählt die Kollegin vom nächtlichen Ausflug. Daniela Koller weiss von nichts.

Der Vorfall ereignete sich vor vier Jahren während eines Sprachaufenthalts in Nizza. Daniela Koller wurde erstmals bewusst, dass sie nicht nur daheim schlafwandelt, sondern auch anderswo.

«Bereits als Kind stieg ich in der Nacht regelmässig aus dem Bett und erkundete mein Zimmer», erinnert sich die 24-Jährige. Einen dauerhaften Tiefschlaf, wie er zur Erholung von Körper und Geist nötig ist, kannte sie nie. Und wenn, dann war dieser immer weniger lang als die 20 Prozent Tiefschlafanteil eines Schweizer Durchschnittsschlafs.

Jedes fünfte Kind schlafwandelt

Entsprechend müde und ausgelaugt war die Schlafwandlerin tagsüber: «Ich konnte mich kaum konzentrieren und legte mich wenn immer möglich schlafen.» An diesem Zustand änderte sich auch nichts, als die Schülerin in die Coiffeurlehre kam. Ihre Leistungen wurden schlechter - der Chef hatte kein Verständnis und schikanierte seine Lehrtochter überdies. «Ich wusste damals nicht, weshalb ich ständig müde war», sagt Daniela Koller. «Ich dachte, das sei normal. Tagsüber hielt ich mich mit Red Bull einigermassen wach.»

Die Eltern hatten das Schlafverhalten ihrer ältesten Tochter längst dem Hausarzt gemeldet. Doch dieser beruhigte sie, bei Kindern sei das normal, im Lauf der Pubertät normalisiere sich dieser Zustand wieder. Nicht so bei Daniela Koller. Dennoch lag der Arzt mit seiner Einschätzung grundsätzlich richtig: Von den 15 bis 20 Prozent der Menschen, die als Kind schlafwandeln, sind es im Erwachsenenalter nur noch ein bis zwei Prozent. Während Schlafwandeln bei Erwachsenen ärztlich abgeklärt werden sollte, kann es bei Kindern ein Teil der Entwicklung sein. Hat das Kind aber dauernd das Bedürfnis, tagsüber zu schlafen, sollte auch hier medizinische Hilfe in Anspruch genommen werden.

«Die genauen Gründe fürs Schlafwandeln sind bisher ungeklärt», sagt Werner Entenmann, Schlafspezialist an der Aargauer Klinik für Schlafmedizin (KSM) in Zurzach. «Man weiss jedoch, dass beim Schlafwandeln unterschiedliche Bereiche im Gehirn aktiviert werden, so dass eine Mischung zwischen Wachzustand und Schlafen entsteht. Die Motorik funktioniert, aber das Hirn schläft.»

Schlafwandler sind unberechenbar

Schlafwandeln ist eine Schlafstörung, eine Form der so genannten Parasomnie. Bei Erwachsenen kann sie sowohl unabhängig von anderen Schlafstörungen auftreten als auch in Verbindung mit Atembeschwerden oder Beinbewegungen im Schlaf; auch übermässiger Alkoholkonsum, Schlafmangel, Stress oder psychische Belastungen können dafür verantwortlich sein. «Die Ursachen sind völlig unterschiedlich», sagt Entenmann. Umfragen haben aber gezeigt, dass fast jedes zweite Kind, dessen Mutter oder Vater schlafwandelte, ebenfalls zu nächtlichen Rundgängen neigt - zumindest im Kindesalter.

Nebst milden Formen von Parasomnien wie unruhiges Schlafen, mit den Zähnen knirschen oder Bettnässen gibt es auch extreme Varianten von Schlafstörungen. Zu diesen zählen krankhaftes Essen mitten in der Nacht oder das Ausleben sexueller Fantasien; so stand in London unlängst ein Mann vor Gericht, der im Schlaf eine Frau vergewaltigt hatte. «Bei Parasomnien passieren Vorgänge, die das Hirn nicht oder nur bedingt kontrollieren kann», sagt Entenmann.

Auch bei Daniela Koller kam es zu unkontrollierten Handlungen - unter anderem als sie eines Morgens mit ihrer Bettdecke in der Badewanne erwachte. Als Kind habe sie sich darüber keine Gedanken gemacht. «Aber mit der Zeit», sagt sie, «bereiteten mir solche Erlebnisse Angst. Schliesslich tat ich in der Nacht Dinge, die ich am Tag nie tun würde.»

Ein Erlebnis vor drei Jahren gab den Ausschlag, dass sich die junge Frau untersuchen liess: Daniela Koller wurde mitten im Schlafwandeln geweckt, als jemand das Licht anzündete. Ihre Kräfte verliessen sie schlagartig, einen Augenblick lang hatte sie das Gefühl, sie kippe um. «Ich zitterte am ganzen Körper und fühlte mich absolut schwach.»

Obwohl Schlafwandler zu komplexen Handlungen fähig sind und sogar einfache Dialoge führen können: Sie bleiben unberechenbar. Schlafexperte Werner Entenmann hört immer wieder Geschichten von Erwachsenen, die sich im Schlaf verletzt haben; auch zu Fensterstürzen sei es schon gekommen. Er empfiehlt deshalb, Türen und Fenster vor dem Schlafengehen zu schliessen und den Schlüssel zu verstecken (siehe unten: «Vorsichtsmassnahmen und Hilfe»).

So weit musste Daniela Koller bisher nicht gehen. Ihre Schlafstörungen behandelt sie heute mit Medikamenten - wie die meisten notorischen Schlafwandler. «Seither weiss ich, wie es sich anfühlt, wenn man eine Nacht durchschläft.» Nächtliche Rundgänge sind bei ihr nur noch selten.

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Das können Betroffene tun

  • Sich genügend Schlaf gönnen.
  • Übermässige körperliche oder emotionale Belastungen vermeiden.
  • Türen und Fenster verriegeln.
  • Radio und Fernseher aus dem Schlafzimmer verbannen.



Das kann das Umfeld tun

  • Schlafwandler nicht aufwecken, sondern ansprechen, Befehle erteilen («Geh wieder zurück ins Bett!»).
  • Nur anfassen, wenn nötig - und dann mit entsprechender Ankündigung («Ich nehme jetzt deine Hand und führe dich in dein Zimmer»).
  • Kein Licht machen, sonst können Schlafwandler erschrecken.
  • Bei Kindern ein Ritual einführen, damit sie sich an den Tag-Nacht-Rhythmus gewöhnen (etwa jeden Abend aus einem Buch vorlesen).