Den einen oder anderen Tick hat wohl jeder von uns: Marotten wie diskretes Hüsteln, bevor man etwas sagt, das «oder?» am Ende eines jeden Satzes, häufig die Augen verdrehen oder das nicht wirklich coole Einfügen von «wirklich» vor jedem Adjektiv. Es sind Rituale, die im schlimmsten Fall das Umfeld nerven. Angewohnheiten, die man sich aber auch wieder abgewöhnen kann – wenn man wirklich will. Ist das häufige Augenverdrehen dagegen ein Tic ohne k –, kann es krankhaft sein.

«Tics drängen sich der betroffenen Person auf, ohne dass sie es will», erklärt Samuel Pfeifer, Chefarzt der Psychiatrischen Klinik Sonnenhalde in Riehen BS. Es seien plötzliche, unwillkürliche Bewegungen, die in keinem Zusammenhang mit der gerade ausgeführten Tätigkeit stehen: vom Augenzwinkern über Grimassen bis zum Schleudern von Armen oder Beinen. Aber auch Laute, vom dezenten Räuspern bis zu Schimpfworten – und auch dies ungewollt (siehe Kasten weiter unten).

Die Übergänge seien allerdings fliessend, sagt dazu Wolfram Kawohl, leitender Arzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Einfache Tics wie das Augenblinzeln, aber auch komplexere Tics wie das Berühren von Gegenständen hätten sehr viele Menschen; die meisten seien gesund. Stellt man hingegen schon in der Kindheit oder in der Jugend mehrere und längere Zeit auftretende Bewegungstics fest, dazu mindestens einen Tic, bei dem die Stimme beteiligt ist, spricht man vom «Tourette-Syndrom».

Niemals wegen Tics mit Kindern schimpfen

«Krankhafte Tics treten meist vor Erreichen des Erwachsenenalters auf», sagt Samuel Pfeifer. Sie können bereits im fünften bis siebten Altersjahr festgestellt werden, manchmal auch später, aber fast nie nach dem 20. Geburtstag. Häufig empfinde das betroffene Kind die Tics gar nicht als störend, erläutert Wolfram Kawohl. Eher die Eltern und Geschwister seien verunsichert und reagierten dann sehr oft unpassend, indem sie das Kind etwa auffordern, nicht so nervös zu sein. Das sei wie die Aufforderung, ein Niesen zu unterdrücken. Für Erwachsene sei das vielleicht machbar, für Kinder aber unerträglich. «Eltern dürfen ihr Kind wegen seiner Tics keinesfalls ausschimpfen», sagt auch Samuel Pfeifer. Und sie müssen es schützen vor Hänseleien und feindseligen Reaktionen anderer Kinder oder Erwachsener. Störe der Tic auch zu Hause, brauche das Kind einen Ort, wohin es sich zurückziehen kann.

Können Betroffene und deren Umfeld sich so arrangieren, brauche es keine Behandlung, sagt Kirsten Müller-Vahl, Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie an der Medizinischen Hochschule Hannover. «Man muss einen Menschen ja nicht kränker machen, als er sich selber fühlt.» Leide man hingegen unter seinen Tics, isoliere sich selbst oder werde von seiner Umgebung isoliert, sollte man zum Arzt gehen. «Manchmal hilft es auch schon, die Diagnose zu stellen.»

Eine Erkrankung des Gehirns

Aufklärung und Beratung entlasten viele Betroffene. Sie können besser einordnen, was mit ihnen los ist – und wissen, dass sie nicht «verrückt» sind, was sie erwartet, wie sie damit umgehen sollen, sagt Müller-Vahl. Auch für die Eltern betroffener Kinder ist das wichtig. «Denn sie machen sich oft Vorwürfe, weil sie glauben, sie hätten etwas falsch gemacht.»

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Unangebrachte Vorwürfe, denn die Ursachen von Tics sind nicht umfassend geklärt. Man weiss nur, dass es sich um eine Erkrankung des Gehirns handelt. Es seien Bereiche beteiligt, die Bewegungen und Emotionen mitsteuern, so Wolfram Kawohl. Es gebe auch Hinweise auf Vererbung: Tics kommen in manchen Familien gehäuft vor. Man wisse, dass Tic-Erkrankungen nichts mit Nervosität zu tun haben. Laut Kirsten Müller-Vahl ist zudem bekannt, dass bestimmte Hirnzentren nicht optimal zusammenarbeiten und der Hirnbotenstoff Dopamin eine Hauptrolle zu spielen scheint. Aber eben: «Wo genau der Knackpunkt liegt, muss man noch herausfinden.»

Deshalb könne man weder vorbeugen noch heilen, sondern nur Symptome mindern. Etwa mit Psycho- und Verhaltenstherapie oder mit Psychopharmaka. Doch viele Patienten würden sich wegen Nebenwirkungen gegen Medikamente entscheiden und lernten, mit ihren Tics zu leben.

In Hannover wurden auch Studien mit Cannabis gemacht. Dabei zeigte sich, dass die Substanz THC, der Hauptwirkstoff der Hanfpflanze, Symptome mindern kann. Es sei aber sicher kein Wundermedikament. «Cannabis wirkt beruhigend und hat damit auch eine gewisse Wirkung auf Tics», bestätigt Samuel Pfeifer. Allerdings führe es zu einer allgemeinen Dämpfung und Abstumpfung, die schwerwiegende Folgen für Schule oder Berufsleben haben können. Cannabis könne auch den Ausbruch von Psychosen fördern.

Welches sind die häufigsten Tics?

  • Wiederholen von Lauten, die man gerade gehört hat
  • Gesten anderer Personen imitieren
  • Wiederholen von selbst gesprochenen Wörtern
  • Obszöner oder aggressiver Wortschwall
  • Obszöne Gesten
  • Redewendungen immer wiederholen

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Wie häufig ist das Tourette-Syndrom?

Tics haben viele, das Tourette-Syndrom nur relativ wenige; in der Schweiz schätzt man 4000 Fälle. 

Wann sollte man zum Arzt gehen?

  • Wenn Tics persönliches Leiden verursachen, man ausgelacht wird, vereinsamt oder Beziehungen zerbrechen.
  • Wenn Kinder Tics entwickeln, ist der Kinderarzt die erste Ansprechperson.
  • Erwachsene sollten sich an Fachärzte für Neurologie oder an Psychiater wenden, die sich auf das Krankheitsbild spezialisiert haben (siehe auf www.tourette.ch unter Ärzteliste).


Worauf sollte man achten?

  • Stress vermeiden, Tics brechen unter Stress stärker aus.
  • Verständnisvoller Umgang ist nötig – vor allem bei Kindern!
  • Bei Symptomen möglichst früh abklären, ob es sich um eine Tic-Erkrankung handelt, damit Personen im Umfeld informiert werden können.