Acht Meter. Die Zahl wird für heftige Debatten sorgen, vielleicht sogar ein Umdenken einleiten, wenn es um den Schutz vor dem neuen Coronavirus geht. Deutsche Infektiologen und Virologen veröffentlichten Mitte Juli ihre Studie zu den Vorgängen im Tönnies-Schlachtbetrieb, wo es Mitte Mai über 2100 Infektionen gab.

Es ging den Forschern nicht um die desolaten Wohnverhältnisse der Fleischer, die zur Verbreitung des Virus beigetragen haben. Sie wollten wissen, was drinnen an der Schlachtbank passierte, wo alles ­begann. Dafür analysierten sie die DNA-­Sequenzen der übertragenen Viren.

Das Ergebnis beunruhigt: Das Virus wurde von einem einzigen Tönnies-Mitarbeiter im Umkreis von mehr als acht Metern auf mehrere Personen übertragen. Niedrige Temperatur, geringe Frischluftzufuhr, konstante Luftumwälzung und schwere körperliche Arbeit sind laut den Forschern entscheidende Faktoren für die Übertragung des Virus durch Aerosole.

Dass diese kleinsten Partikel, in denen Viren durch die Luft schweben, Menschen weit über die empfohlene Sicherheitsdistanz von 1,5 Metern infizieren können, ist für jene Forscher keine Überraschung, die Anfang Juli bei der Weltgesundheitsorganisation protestierten. Die 239 Wissenschaftler forderten die WHO und andere Behörden auf, die Übertragung durch Aerosole in Innenräumen endlich ernst zu nehmen. Denn zahlreiche Studien zu Versammlungen, Chorproben, Restaurantbesuchen und zum öffentlichen Verkehr belegten, wie ­gefährlich dieser Übertragungsweg ist.

Am 7. Juli kündigte die WHO neue Richtlinien in Bezug auf die Übertragung der Viren in «Umgebungen mit schlechter Belüftung» an. Darauf warten seither Gesundheitsbehörden auf der ganzen Welt.

«Durch das Zögern der Behörden verlieren wir gerade wertvolle Zeit, um uns auf die kalte Jahreszeit vorzubereiten.»

Walter Hugentobler, pensionierter Hausarzt und Mitautor der Studie «Seasonality of Respiratory Viral Infections»

In der Schweiz, wo das Bundesamt für Gesundheit regelmässig den Vorgaben der WHO folgt – mit ein Grund für die späte Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr –, gibt es kaum Empfehlungen zum Aerosol-Problem. Nur im Zusammenhang mit Spitälern und Berufen im Gesundheitswesen wird es angesprochen.

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Am 9. Juli sagte Stefan Kuster, Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten beim BAG: «Es sieht nach wie vor danach aus, dass Aerosole kein riesiger Treiber der Pandemie sind. Sonst hätten wir gerade in Clubs viel mehr Infizierte.»

Dass sich Viren über Aerosole auch über die empfohlenen Minimalabstände hinaus verbreiten können, sei unbestritten, sagt Roger Waeber, Leiter der Fachstelle Wohngifte beim BAG. «Für eine Ansteckungsgefahr entscheidend sei aber auch die Konzentration der Viren in der Luft.» Ab wann diese gefährlich werde, sei für Sars-Cov-2 noch ungenügend erforscht.

Deutlicher warnt das deutsche Robert-Koch-Institut: «Durch die Anreicherung und Verteilung der Aerosole ist ­unter diesen Bedingungen [schlecht durchlüftete Räume] das Einhalten des Mindestabstands nicht mehr ausreichend.»

Was die neuen Erkenntnisse für das ­Arbeiten ausserhalb von Metzgereien und Spitälern bedeuten, bleibt unklar. «Durch das Zögern der Behörden verlieren wir gerade wertvolle Zeit, um uns auf die kalte Jahreszeit vorzubereiten. Händewaschen, Fensterlüften und Distanzhalten allein genügen dann nicht mehr für ein sicheres Raum­klima», warnt Walter Hugentobler. Der pensionierte Hausarzt befasst sich seit Jahrzehnten mit der Übertragung von Viren und Bakterien durch die Luft.

Virenbiotop Büro

Im März veröffentlichte Hugentobler zusammen mit amerikanischen Forschern eine Metastudie zu den aktuellen Erkenntnissen. Fazit: «Die kalte Jahreszeit beschert uns eine tiefere Luftfeuchtigkeit in den Räumen. Das wird die Lebenszeit der Viren markant verlängern», sagt Hugentobler. Er prognostiziert einen grundlegenden Wandel für die Lüftungs­industrie – ausgelöst durch Sars-CoV-2.

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Büros sind keine Schlachthöfe. Doch auch weniger kalte und besser durchlüftete Räume können zum Virenbiotop werden. «Temperatur, Sonnenlicht und Luftfeuchtigkeit sind die entscheidenden Faktoren für die Lebenszeit der Viren.» Ihre Konzentration kann durch die Zufuhr von frischer Luft lediglich reduziert werden.

«Der ultravio­lette Anteil des Sonnenlichts ist in Innenräumen nicht vorhanden und darum zu vernachlässigen. Die Temperatur kann sich nur im Komfortbereich von 20 bis 24 Grad bewegen, sonst wird das Arbeiten zu belastend. Es bleiben also die Luftfeuchtigkeit und der Luftaustausch als beeinflussbare Faktoren», so Hugentobler.

Studien zeigen, dass eine höhere Luftfeuchtigkeit die Infektionsdauer der Viren um ein Mehrfaches reduziert (siehe nachfolgende Infografik). US-Wissenschaftler haben inzwischen einen SARS-Airbone-Calculator ins Internet gestellt, mit dem man die Infektionsdauer der Viren in seinem Umfeld berechnen kann. «Ich empfehle eine relative Luftfeuchtigkeit von über 40 Prozent. Bloss werden wir die im Winter in vielen Innenräumen nicht so einfach erreichen», sagt Hugentobler.

Infografik: So lange überleben Coronaviren in der Luft

Infografik: Wie lange Coronaviren in der Luft überleben

Ein Berechnungsmodell zeigt mittels fünf verschiedener Umgebungen, wie lange es dauert, bis 90 Prozent aller Sars-CoV-2-Viren zerfallen sind. Berücksichtigt wurden die Faktoren Temperatur, relative Luftfeuchtigkeit und Sonnenlicht.

Quelle: dhs.gov/«Estimated Airborne Decay of SARS-CoV-2» / Dr. med. FMH Allgemeine und Innere Medizin Hugentobler – Infografik: Beobachter/Anne Seeger
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Das Bundesamt für Gesundheit rät – losgelöst vom Corona­pro­blem – zu einer minimalen Feuchtigkeit von 30 Prozent. Selbst dieser Wert wird oft nicht erreicht. «Es ist ein Teufelskreis, weil die wichtige Zufuhr von Frischluft die Feuchtigkeit zusätzlich senkt. Die Luft muss darum im Winter künstlich befeuchtet werden. Und das verbraucht Energie», so Hugen­tobler.

Roger Waeber vom BAG relativiert: «Sars-Cov-2 scheint sich relativ stabil zu verhalten, auch gegenüber saisonalen Temperatur- und Feuchtigkeitsveränderungen.» Bei tiefer Luftfeuchtigkeit dürfte es aber länger überleben, räumt er ein «Für eine Einschätzung, wie relevant dies für die Übertragung ist, liegen aber noch zu wenige gesicherte Daten vor. Unbestritten ist, dass eine zu tiefe Luftfeuchtigkeit in einem Raum die Schleimhäute austrocknet, was wiederum die Abwehrkraft gegen Viren reduziert», so Waeber.

Für ein optimales Raumklima müssten Lüftungs- und Klimaanlagen dringend intel­ligenter werden, fordert Walter Hugentobler. ­«Es braucht in jedem Raum CO2-Messgeräte, die die Zufuhr der Frischluft permanent der Anzahl Personen angepasst steuern. So kann verhindert werden, dass man zu ­wenig, aber auch dass man zu viel lüftet, und die Luftfeuchtigkeit bleibt besser erhalten.»

Pflanzen in die Räume

Die Schweizer Lüftungsbranche lobt derweil ihre Anlagen, vor allem die Kom­fort­lüftungen, die Frischluft ansaugen und mit Filtersystemen ausgestattet sind. Sie sind meist in Wohnhäusern im Einsatz. In Büros und Spitälern, wo Hunderte Menschen arbeiten, wird die Raumluft dagegen oft ­umgewälzt.

Das Feuchtigkeitsproblem relativieren Lüftungshersteller und Verbände gern mit einer Stellungnahme des BAG: «Wenn Sie in einem Gebäude mit mechanischer Komfortlüftung wohnen oder arbeiten, haben Sie kein erhöhtes Risiko, sich anzustecken.»

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Anders in Deutschland. «Zusätzlich zur Frischluftzufuhr kann durch eine Befeuchtung der Raumluft ein Infektionsrisiko vermindert werden», halten mehrere Verbände für Gebäudetechnik fest. Und: «Für die Übertragung von Grippe- und anderen respiratorischen Viren ist bekannt, dass diese bei einer Raumluftfeuchte von unter 40 Prozent zunimmt», wird auf Hugentobler verwiesen. Der empfiehlt ­separate Befeuchtungssysteme oder üppige Bepflanzung der Räume, falls eine akzeptable Luftfeuchtigkeit durch die Lüftung nicht erreicht werden kann. Andernfalls zögen Angestellte das Homeoffice dem Büro wohl weiterhin vor.

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Peter Johannes Meier, Ressortleiter

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