Veröffentlicht am 23. Mai 2019 - 22:13 Uhr,
aktualisiert am 14. Juni 2022 - 11:56 Uhr

Wer zum Beispiel einen erhöhten Harnsäurespiegel hat, bekommt nicht automatisch Gicht.
Nur wenige sehen heute im Arzt noch den Halbgott in Weiss. Als unfehlbar gilt dagegen oft der Befund aus dem Labor. Wenn ein Wert auch nur etwas von der Norm abweicht oder der Blutdruck beim Arztbesuch ein wenig zu hoch ist, fühlt man sich ganz schnell krank. Doch die meisten nackten Zahlen liefern ohne individuelle Interpretation nur Hinweise, aber keine Diagnose.
«Ein einzelner Messwert signalisiert nur selten eine Erkrankung», sagt Mediziner David Fäh von der Berner Fachhochschule zum Beobachter. Vielmehr zeigt er an, wie ausgeprägt ein Risikofaktor für eine Erkrankung ist. Schlechte Blutfettwerte etwa zeigen einen Risikofaktor für Arterienverkalkung und Herzinfarkt, erhöhter Blutzucker einen für Diabetes.
Allerdings: «Ein erhöhter Messwert allein bedeutet zwar ein erhöhtes Risiko. Aber daraus lässt sich nicht schliessen, dass man tatsächlich erkrankt», sagt David Fäh. Zum Beispiel bei Verdacht auf Diabetes: Trotz erhöhten Blutzuckerwerten hatte mehr als die Hälfte der Testpersonen zehn Jahre später keinen Diabetes, zeigen Studien.
Hinzu kommen weitere Faktoren, die den Wert von Laborwerten relativieren können:
- Labordiagnostik ist anfällig für Fehler. Die Blutabnahme selbst, Transport, Lagerung und Kalibrierung der Messgeräte sind Fehlerquellen.
- Manche Blutwerte variieren abhängig von der Tageszeit, der Jahreszeit oder der Ernährungsweise.
- Auswirkungen hat auch, ob man einen Infekt hat, bestimmte Medikamente einnimmt oder ob eine Frau gerade ihre Menstruation hat.
- Grenzwerte unterscheiden sich je nach Alter und Geschlecht – und sogar nach Ethnie.
- Grenzwerte werden in internationalen Gremien festgelegt, die Studienergebnisse interpretieren. Viele Studien und Entscheidungsträger sind von der Pharmaindustrie gesponsert . Sie ist daran interessiert, Grenzwerte in ihrem Sinne zu beeinflussen.
Um einen erhöhten Wert richtig zu interpretieren, sind weitere Untersuchungen nötig. Dazu gehört auch die Frage nach Beschwerden, nach dem Essverhalten, wie oft man sich bewegt, ob man raucht und trinkt und ob sich in der Familie bestimmte Erkrankungen häufen.
Erst dann ergibt sich ein Gesamtbild, das eine Interpretation zulässt. Die Experten des deutschen Fachblatts «Gute Pillen – Schlechte Pillen» zeigen das beim Cholesterin: Wenn die Blutfettwerte bei einem 60-Jährigen etwas erhöht sind, er aber bereits Bluthochdruck und Diabetes hat sowie Raucher ist, wiegt ein erhöhter Cholesterinwert als Risikofaktor viel schwerer als bei jüngeren, gesünderen Leuten.
Die Fachleute von «Gute Pillen – Schlechte Pillen» empfehlen: «Es lohnt sich auf jeden Fall, nachzufragen, wie hoch das Risiko für eine tatsächliche Erkrankung ist, ob eine Änderung des Lebensstils reicht und wie ein Medikament tatsächlich die Prognose verändert.»
Falls das Erkrankungsrisiko nur gering ist, können die Nebenwirkungen der Medikamente schwerwiegender sein als der Nutzen.
Wann ist eine Blutfett-Untersuchung ratsam?
Bei Übergewicht, Bluthochdruck; routinemässig ab 50, alle zwei Jahre
Ein anormaler Blutfett-Wert kann ein Hinweis sein auf:
- eine Gefässverkalkung
- einen Schlaganfall
- einen Herzinfarkt
Kann es helfen, den Lebensstil zu ändern?
Ja. Mittelmeerdiät1, Vollwertprodukte, mehr Bewegung (mindestens 150 Minuten pro Woche), Übergewicht reduzieren
Sind Medikamente bei erhöhten Blutfett-Werten empfohlen?
Ja, wenn die Änderung des Lebensstils zu wenig bringt, bei genetischer Vorbelastung, bei bereits eintretenden Folgen (etwa Infarkt)
Wann ist eine Blutzucker-Untersuchung ratsam?
Bei Übergewicht, Bluthochdruck; routinemässig ab 50, alle zwei Jahre
Ein anormaler Blutzucker-Wert kann ein Hinweis sein auf:
- Diabetes
- Herz-Kreislauf-Krankheiten
Kann es helfen, den Lebensstil zu ändern?
Ja. Weniger einfache Kohlenhydrate2, Mittelmeerdiät1, Vollwertprodukte, Bewegung (mehr als 150 Minuten pro Woche)
Sind Medikamente bei anormalen Blutzucker-Werten empfohlen?
Ja, wenn die Änderung des Lebensstils den Blutzucker nicht normalisiert, ab HbA1c höher als 6,5 Prozent
Wann ist eine BMI-Untersuchung ratsam?
Bei Verdacht auf Übergewicht; bei Untergewicht
Ein anormaler BMI-Wert kann ein Hinweis sein auf:
- Folgen wie Diabetes, Bluthochdruck et cetera
- Essstörung
- Mangelernährung
- Gebrechlichkeit
Kann es helfen, den Lebensstil zu ändern?
Ja. Gewicht reduzieren, etwa mit Mittelmeerdiät1, mehr Bewegung (mehr als 150 Minuten pro Woche); Gewicht aufbauen
Sind Medikamente empfohlen?
Nein, Adipositas-Chirurgie ab einem BMI über 35
Wann ist eine Blutdruck-Messung ratsam?
Routinemässig, speziell bei Übergewicht, Bewegungsmangel, familiärem Risiko, für Alkoholiker und Raucher
Ein anormaler Blutdruck-Wert kann ein Hinweis sein auf:
- Bluthochdruck
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen (vor allem Hirnschlag)
Kann es helfen, den Lebensstil zu ändern?
Ja. Übergewicht reduzieren, mehr Bewegung, mediterrane oder speziell blutdrucksenkende Ernährung
Sind Medikamente bei Bluthochdruck empfohlen?
Blutdrucksenker ab Werten von über 140/90
Wann ist eine Untersuchung ratsam?
Druck im Oberbauch, Übelkeit und Erbrechen, Appetitmangel, gelbliche Augen/Haut, heller Stuhl
Ein anormaler Leber-Wert kann ein Hinweis sein auf:
- Leberinfektion
- Fettleber
- Leberzirrhose
Kann es helfen, den Lebensstil zu ändern?
Ja. Bei Fettleber: Mittelmeerdiät1, kein Alkohol, keine einfachen Kohlenhydrate2, Gewicht reduzieren, Medikamente kontrollieren
Sind Medikamente empfohlen?
Ja, wenn Hepatitis-Viren als Infektionsquelle nachgewiesen sind
Wann ist eine Untersuchung ratsam?
Viel heller Urin, hoher Blutdruck, Wasseransammlung, (Verdacht auf) Diabetes
Ein anormaler Wert kann ein Hinweis sein auf:
- Nierenschwäche
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Kann es helfen, den Lebensstil zu ändern?
Ja, aber nur begleitend: bei Nierenschwäche viel trinken, wenig Salz
Sind Medikamente empfohlen?
Ja, harntreibende Medikamente
Wann ist eine Harnsäure-Untersuchung ratsam?
Bei Gelenkschmerzen
Ein anormaler Harnsäure-Wert kann ein Hinweis sein auf:
Kann es helfen, den Lebensstil zu ändern?
Ja, aber nur begleitend: weniger Fleisch , Alkohol, Zucker; Gewicht reduzieren
Sind Medikamente empfohlen?
Ja
Wann ist eine Untersuchung ratsam?
Bei Müdigkeit, Labilität, Blässe, Kurzatmigkeit
Ein anormaler Eisen-Wert kann ein Hinweis sein auf:
- Anämie (Eisenmangel)
Kann es helfen, den Lebensstil zu ändern?
Wenn ernährungsbedingt: eisenreichere Ernährung 4
Sind Medikamente empfohlen?
Bei Blutverlust, etwa durch Menstruation
Wann ist eine Untersuchung ratsam?
Schmerzen, Rötungen, Schwellungen, Fieber, Abgeschlagenheit
Ein anormaler Wert kann ein Hinweis sein auf …
- akute virale oder bakterielle Infektion
- chronische Entzündung (etwa Rheuma)
Kann es helfen, den Lebensstil zu ändern?
Nein
Sind Medikamente empfohlen?
Je nach Ursache
Wann ist eine Untersuchung ratsam?
- bei Überfunktion: Unruhe, Gewichtsabnahme, Zittern, Wallungen
- bei Unterfunktion: Gewichtszunahme, Verstopfung, Haarausfall, Depression
Ein anormaler Wert kann ein Hinweis sein auf:
- Verstärkung der Symptome
Kann es helfen, den Lebensstil zu ändern?
Nein
Sind Medikamente empfohlen?
- bei Überfunktion: eventuell Schilddrüsenblocker
- bei Unterfunktion: Hormontabletten
Erläuterungen:
1 Mittelmeerdiät
: wenig Fleisch, viel Obst und Gemüse, gesunde Fette wie Olivenöl, nur moderat Alkohol
2 wie Weissmehl und Zucker
3 Berechnung des Body-Mass-Index: Körpergewicht (in kg) geteilt durch Grösse (in m) im Quadrat
4 wie rotes Fleisch, Sojabohnen, Linsen
Medizinische Beratung: Prof. Dr. med. David Fäh, Berner Fachhochschule
Lassen Sie Ihre Werte regelmässig untersuchen? Oder finden Sie das unnötig? Teilen Sie ihre Erfahrungen in den Kommentaren.
Hinweis: Dieser Text wurde erstmals am 23. Mai 2019 veröffentlicht und am 14. Juni 2022 aktualisiert.




