
Veröffentlicht am 16. August 2026 - 05:00 Uhr

Melatonin kann etwa zu Kopfschmerzen, Blutdruckabfall und einer Senkung der Körpertemperatur führen.
Schlafprobleme sind mehr als lästig: Eine halb durchwachte Nacht macht dünnhäutig, unkonzentriert und triggert bei mir nicht selten Migräne. Als ich kürzlich nicht einschlafen konnte, nahm ich deshalb eine Melatonintablette. Tatsächlich breitete sich bald eine angenehme Schwere in mir aus, und ich schlief ein – am nächsten Tag fühlte ich mich jedoch noch über Stunden müde und benommen, und mein Blutdruck war tiefer als je zuvor. Hat mir das Melatonin diesen Hangover beschert?
In der Schweiz gilt Melatonin als rezeptpflichtiges Medikament. In internationalen Onlineshops wird es jedoch als natürliche Einschlafhilfe vermarktet und rezeptfrei als Nahrungsergänzungsmittel verkauft. Der Import kleiner Mengen für den Eigengebrauch ist erlaubt – so kam auch ich zu meinem Stoff. Bedenken hatte ich keine: Mit zunehmendem Alter produziert der Körper weniger Melatonin. Das fehlende Hormon zu ersetzen und dem Körper so zum dringend benötigten Schlaf zu verhelfen, schien mir vernünftig und im Vergleich zu einer chemischen Schlaftablette harmlos zu sein.
Melatonin kann Nebenwirkungen haben
Dass das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) bereits 2024 vor gesundheitlichen Risiken warnte, war an mir vorbeigegangen. Selbst bei Dosierungen von unter einem Milligramm wurden Kopfschmerzen, Blutdruckabfall und eine Senkung der Körpertemperatur beobachtet, lese ich nun in der über 100 Seiten umfassenden Bewertung nach. Manche Menschen bauen Melatonin langsamer ab, so dass hohe Konzentrationen bis in den nächsten Tag anhalten.
Die Folgen können Schläfrigkeit, Benommenheit und eine verzögerte Reaktionszeit sein – gefährlich etwa im Strassenverkehr oder beim Bedienen von Maschinen. Zudem besteht ein erhebliches Risiko für Wechselwirkungen, besonders im Zusammenhang mit Blutverdünnern, blutdrucksenkenden Medikamenten und Antidepressiva. Die Autoren warnen vor allem vor einer langfristigen Einnahme ohne ärztliche Begleitung.
«Bevor man medikamentös eingreift, kommt in der Regel die kognitive Verhaltenstherapie der Insomnie zum Zuge.»
Helen Slawik, Schlafmedizinerin
Melatonin aus dem Internet ist zusätzlich riskant, weil Nahrungsergänzungsmittel weder standardisiert noch geprüft werden. Eine Studie wies nach, dass manche Präparate die empfohlene Tagesdosis stark überschreiten und dass die Deklarationen teils vom tatsächlichen Gehalt abweichen: Gemessen wurden bis zu 83 Prozent weniger oder 478 Prozent mehr Wirkstoff als angegeben.
Gemäss Helen Slawik, Schlafmedizinerin an den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel, ist bei Ein- und Durchschlafstörungen Melatonin grundsätzlich nicht die Therapie der ersten Wahl. «Bevor man medikamentös eingreift», sagt sie, «kommt in der Regel die kognitive Verhaltenstherapie der Insomnie zum Zuge.»
Das kann jeder für besseren Schlaf tun
Eine gute Schlafhygiene ist unerlässlich, und kognitive Verhaltenstherapie kann hilfreich sein, um wieder ein entspanntes Verhältnis zum Schlaf zu finden. Denn Schlafprobleme erzeugen Stress – der Druck, unbedingt schlafen zu müssen, verhindert dann erst recht das Einschlafen. «Hier kann die kognitive Verhaltenstherapie helfen, den inneren Druck abzubauen. Anders als eine Tablette setzt sie bei den Ursachen an», sagt Slawik zum Beobachter.
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Melatonin ist ein Hormon und signalisiert dem Körper, dass es dunkel ist, man nennt es deshalb auch Dunkelhormon. Nachtaktive Tiere macht es wach, Menschen müde. In der Schlafmedizin wird es eingesetzt, um Jetlag abzumildern, bei Schlafproblemen wegen Schichtarbeit oder um bei ausgeprägten Nachteulen den Schlafrhythmus etwas anzupassen.
Bei jüngeren Menschen wird es vor allem bei Schlafrhythmusstörungen eingesetzt – als Impuls zum Einschlafen. Ältere erhalten es bei Ein- und Durchschlafstörungen, sofern andere Therapien nicht helfen. Bei ihnen gibt retardiertes Melatonin den Wirkstoff langsam frei und unterstützt so auch das Durchschlafen.
Antidepressiva als Schlafhilfe
Fachkundig eingesetzt, ist Melatonin oft die bessere Wahl als stärkere Mittel, etwa bestimmte Antidepressiva. Diese werden von Ärzten offlabel auch als Schlafhilfe eingesetzt, weil sie müde, aber nicht abhängig machen. Sie haben allerdings oft Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme oder Hangover. Klassische Schlaftabletten wie Benzodiazepine haben dagegen den Nachteil, dass sie abhängig machen, und sollten nur kurzfristig verwendet werden.
Neu ist der Wirkstoff Daridorexant gegen chronische Insomnie, der in der Schweiz unter dem Markennamen Quviviq zugelassen ist. Er ist teuer und wird nur mit Kostengutsprache von der Grundversicherung übernommen. «Dieses Medikament wirkt an einem spezifischen Kippschalter im Gehirn, der Schlaf- und Wachzustände stabilisiert», sagt Slawik. «Es macht nicht abhängig, ist nicht generell dämpfend wie Benzodiazepine, wirkt aber weniger stark.»
Noch einmal zurück zum Melatonin: 2025 schreckte eine Langzeitstudie auf. US-Forschende analysierten die Daten von über 130’000 Menschen mit chronischer Schlaflosigkeit und kamen zum Schluss, dass Menschen, die Melatonin länger als ein Jahr eingenommen hatten, ein um 90 Prozent höheres Risiko hatten, eine Herzschwäche zu entwickeln, als Personen, die kein Melatonin nahmen.
Die Studie wird jedoch kritisch beurteilt. Ob Melatonin tatsächlich die Ursache für die Herzprobleme ist, ist unklar. Denkbar ist auch, dass die Langzeitanwender bereits an einer Herzinsuffizienz litten, die zur Schlafstörung führte. Oder dass sie Melatonin einnahmen, weil sie unter einer besonders schweren Schlafstörung litten, und der Schlafmangel die Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigt hat. «Bei solchen Beobachtungsstudien lässt sich kein ursächlicher Zusammenhang beweisen», sagt Slawik zum Beobachter.
Klar ist: Schlechter Schlaf kann krank machen – man sollte etwas dagegen tun. Medikamente kommen jedoch erst in Frage, wenn man mit kognitiver Verhaltenstherapie nicht weiterkommt. Und ja: Auch Melatonin ist ein Medikament und gehört in ärztliche Hände.
Was hilft Ihnen, wenn Sie mal nicht einschlafen können? Teilen Sie Ihre Erfahrungen mit uns in der Kommentarspalte.
- Hintergrundgespräch: Helen Slawik, Oberärztin Zentrum für Affektive, Stress- und Schlafstörungen der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel
- Bundesinstitut für Risikobewertung: Melatoninhaltige Nahrungsergänzungsmittel: BfR weist auf mögliche Gesundheitsrisiken hin
- American Academy of Sleep Medicine: Melatonin Natural Health Products and Supplements: Presence of Serotonin and Significant Variability of Melatonin Content
- «Phytotherapy Research»: A randomized, double blind, placebo-controlled, prospective clinical study to demonstrate clinical efficacy of a fixed valerian hops extract combination (Ze 91019) in patients suffering from non-organic sleep disorder
- Schweizer Psychiatrische Schlafmedizin: Behandlungsempfehlungen Insomnie der Gruppe «Schlaf & Psychiatrie» der SGSSC





