Ein amerikanischer Geschäftsmann schleppt sich mit letzter Kraft in die Notaufnahme in Hanoi, Vietnam. Die Brust drückt, er hat Fieber. Zuerst denken die Ärzte an eine Grippe. Doch auf dem Röntgenbild zeigt sich ein Schatten: Wasser in der Lunge. Die Antibiotika, die man ihm verabreicht, bleiben wirkungslos. Dann greift einer der Ärzte zum Hörer.

Den Anruf nimmt der Seuchenexperte Carlo Urbani entgegen. Der italienische Arzt ist für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Hanoi stationiert. Es ist ein lebensgefährlicher Job. ­Urbani handelt sofort, spricht Quarantänen aus und verhängt Schutzmassnahmen. Die Hustenprobe des Patienten fährt er persönlich ins nächste Labor – auf einem Moped.

Panik breitet sich aus. Die Menschen in Hanoi haben von der Krankheit gehört, die von Südchina über sie gekommen ist. Das Laborpersonal ist geflüchtet, nur eine Laborantin nimmt die Probe von Urbani entgegen – obwohl zu Hause ihr dreijähriges Kind wartet. Sie wird überleben. Carlo Urbani nicht. Mit ihm sterben fünf Pflegekräfte und Ärzte des Krankenhauses, weltweit 774 Menschen – an der Krankheit, die man später Sars nennen wird. Tödlich für jeden Fünften.

Sars, Schweinegrippe, Ebola

Sars konnte 2003 eingedämmt werden, weil das Virus nicht beson­ders ansteckend war und viele Fachkräfte wie Urbani richtig handelten. 2009 löste die Schweinegrippe weltweit viel Hektik aus, sie war aber harmloser als die jährliche Grippewelle. 2014 schrammte Europa knapp am Ebola-Ausbruch vorbei; derzeit wütet der Erreger im Kongo.

Ist alles halb so schlimm? Müssen wir uns gar nicht gross fürchten vor einer neuen Jahrhundertseuche?

Experten sind anderer Meinung. Sie halten eine Pandemie weiterhin für eine der grössten Gefahren unserer Zeit – weshalb weltweit in die Prävention und Bekämpfung einer solchen Katastrophe kräftig investiert wird. Viele Staaten und die Stiftung von Bill und Melinda Gates schiessen Millionen Dollar in Projekte ein, um im Fall der Fälle sehr schnell neue Impfstoffe entwickeln zu können.

Letztes Jahr führte das amerikanische Johns-­Hopkins-Institut eine Übung durch, die auf einem möglichen Katastrophenszenario basierte: Terroristen basteln aus einem Erkältungsvirus und dem gefürchteten Nipah-Virus einen Erreger und setzen ihn frei. Er ist hoch ansteckend und für jeden fünften Infizierten tödlich. Bilanz der Übung: 150 Millionen Tote weltweit. Auf die Schweiz hochgerechnet, wären das: 168'000 ­Opfer. Das ist – vielleicht – eine wenig wahrscheinliche Katastrophe. Doch auch Epidemien mit weniger Opfern wären verheerend.

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Wenig Zeit für viele Massnahmen

Eine Pandemie sei eines der «Top-Risiken» der Schweiz. Das schreibt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz in einem Dossier. 

Das Fazit: Unser Land ist auf die Katastrophe schlecht vorbereitet. Das ist fatal, weil sich Krankheiten heute in Windeseile verbreiten. Die Erde war noch nie so dicht besiedelt, und noch nie zuvor waren so viele Menschen gleichzeitig in der Luft unterwegs. «Die Vorbereitungszeiten werden nah bei null sein bei einer Grippepandemie», sagt Patrick Mathys, Leiter der Sektion Krisenbewältigung und Internationale Zusammenarbeit beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). «Früher haben wir mit sechs Monaten gerechnet für die weltweite Ausbreitung, heute sind sechs Wochen die obere Grenze.»

Wenig Zeit also, in der viel passieren muss: Schutzmasken aufstocken, Personalausfälle ­koordinieren, Impfstoffe entwickeln. Sind die Schweizer Verantwortlichen so organisiert, dass sie schnell eingreifen können? Es gibt ernst­hafte Zweifel. Die Behörden sind so kompliziert aufgestellt, als hätten sie unendlich viel Zeit.

Das 2016 in Kraft getretene Epidemiengesetz sieht vor, dass die Behörden im Pandemiefall in eine Art Katastrophenmodus wechseln können; in «besonderen» und in «ausserordentlichen» ­Lagen erhält das BAG mehr Autorität gegenüber den Kantonen und kann rascher Entscheidungen treffen. So weit die Theorie.

Schock­starre statt Durchgreifen

In der Praxis sind Reibungen programmiert. Das zeigt ein vor einem Jahr erschienener Bericht, den nur ein paar wenige Fachleute zur Kenntnis nahmen. Die «Analyse: Besondere ­Lage» untersuchte insbesondere, wie gut die verschiedenen kantonalen und nationalen Behörden zusammenarbeiten. Auf knapp 200 Seiten zeigt der Bericht Widersprüchlichkeiten und Schwachstellen zwischen den beteiligten Gremien auf: dem Bundesstab Bevölkerungsschutz, dem Sanitätsdienstlichen Koordinationsgremium, dem Koordinationsorgan Epidemien­gesetz – und das sind noch längst nicht alle.

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Wer nun denkt: «Was so kompliziert klingt, kann nur für Verwirrung sorgen», liegt genau richtig. Im Bericht steht wörtlich: «Es ist nicht auszuschliessen, dass Kompetenzkonflikte sowie Unklarheiten darüber entstehen, wessen Lagebeurteilungen, Koordinationsvorstellungen und Empfehlungen massgeblich sein sollen, und dass die Handlungsfähigkeit des Bundes entsprechend eingeschränkt ist und wertvolle Zeit verlorengeht.» Kurz: Schock­starre statt Durchgreifen.

Je nach Situation

Patrick Mathys vom BAG relativiert: «Was Sie sich herausgepickt haben, macht Sinn aus rein juristischer Sicht, aber in der Realität sieht es anders aus.» Die verschiedenen Gremien hätten unterschiedliche Kompetenzen. «Das Koordinationsorgan Epidemiengesetz wurde für den Normalzustand geschaffen, um regelmässig wichtige Fragen zu besprechen.»

Gäbe es im Pandemiefall also keine Kompetenzprobleme? «Das Koordinationsorgan Epidemiengesetz käme wahrscheinlich in irgendeiner Art und Weise zum Einsatz», sagt Mathys. «Es gab bisher aber keine Gelegenheit, das Gremium im Ereignisfall zu testen. Was seine Rolle sein wird, wird sehr von der Situation abhängen.» Das BAG sei daran, eine Stellungnahme auszuarbeiten. Es stehe aber noch nicht fest, wann sie erscheinen wird. Der Bericht ist vor fast einem Jahr veröffentlicht worden, geändert hat sich bislang wenig.

Wofür gibt es den Koordinierten Sanitätsdienst (KSD)?

Im Bericht wird eine weitere Behörde kritisiert: der Koordinierte Sanitätsdienst (KSD), der in Katastrophen und Notlagen zwischen den Kantonen koordinieren soll, also: Spitäler alarmieren, Transporte von Patienten organisieren, Impfungen verteilen. Die Autoren des Berichts befragten dazu zahlreiche Amtspersonen; sie antworteten anonym – also wahrscheinlich ehrlich. «Der KSD kann nicht führen oder koordinieren, er hat dafür zu wenig Personal und keine Linie», sagte zum Beispiel eine Person des Bundesamts für Bevölkerungsschutz.

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Viele befürchten zudem, dass es Kompetenzprobleme geben wird. Denn der KSD hat eine ähnliche Aufgabe wie das BAG: Er muss die Lage beurteilen. Diese Doppelspurigkeit wird im ­Bericht kritisiert. Die St. Galler Kantonsärztin Danuta Reinholz sagt dazu: «Der KSD möchte gern koordinieren. Im Krisenfall sind wir aber schon im kantonalen Führungsstab mit Polizei, Sanität und Zivilschutz zusammengeschlossen. Die kantonalen Führungsstäbe wiederum koordinieren sich untereinander.» Sinnvoll findet sie nur, dass der KSD die Armee einbinden könne.
 

«Wenn es wirklich losgeht, können wir Kantonsärztinnen und Kantonsärzte oder andere Schlüsselpersonen nicht nach Bern fahren.»

Danuta Reinholz, St.Galler Kantonsärztin


Im Fall einer Pandemie soll noch ein weiteres Organ mit abstimmen, das sogenannte Sanitätsdienstliche Koordinationsgremium – es kann einem schwindlig werden bei diesen vielen ­Namen. Kantonsärztin Reinholz bezweifelt aber, dass es dieses Gremium, in dem auch sie Einsitz nehmen soll, überhaupt braucht. Warum? «Wenn es wirklich losgeht, können wir Kantonsärztinnen und Kantonsärzte oder andere Schlüsselpersonen nicht nach Bern fahren.»

«Das Gremium kann auch virtuell in einer Telefonkonferenz einberufen werden», sagt Stefan Trachsel, der Chef der KSD-Geschäftsstelle. Von zeitraubenden Überschneidungen will er nichts wissen: «Das BAG hat das Lead, wir bearbeiten operative Themen.» Der rege Austausch der verschiedenen Gremien sei hilfreich, man könne von Expertenwissen profitieren und mögliche Versorgungslücken schnell schliessen. Es sei wichtig, ein funktionierendes Netz­werk für den Ereignisfall einsatzbereit zu haben. Wenn schon, müsse der KSD gestärkt werden, meint Trachsel.

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Beton aus dem Kalten Krieg

Während sich die Behörden um Kompetenzen zanken, müffelt es in der Tiefe. Im Kalten Krieg hatte die Schweiz tief gegraben und Spitalbunker und geschützte Sanitätsstellen gebaut. Die meisten sind inzwischen aber ausser Betrieb, nur noch 8000 der 52'000 Betten gelten als aktiv. «Die Anlagen sind intakt, aber die medizinischen Einrichtungen veraltet», sagt Kurt Münger vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz. «Es fehlt auch an ausgebildetem Pflegepersonal.»

Der Bevölkerungsschutz möchte das eigentlich ändern – oder zumindest überprüfen. Wenn eine Seuche massenhaft Menschen ins Fieber legt, könnten die Spitäler rasch überfordert sein, und Pflegepersonal könnte fehlen. «Viele Spitäler stecken in einem engen ­wirtschaftlichen Korsett und haben nur wenig Personalreserven für einen Massenanfall an Patienten», warnt Münger. Deshalb arbeite der Bevölkerungsschutz nun Vorschläge aus, wie sich die unterirdischen Anlagen modernisieren lassen.
 

Die EU unterhält ein eigenes Frühwarnsystem. Die Schweiz ist nicht dabei.


Um das Personalproblem zu entschärfen, soll im Zivilschutz wieder ein Sanitätsdienst eingeführt werden. Das neue Bevölkerungs- und Zivilschutzgesetz wollte das so, doch der Natio­nalrat kippte den Sanitätsdienst vor wenigen ­Wochen aus der Vorlage. Nun verhandelt der Ständerat.

In der Zwischenzeit ist noch ein anderes Problem akut. Die Schweiz ist auf sich allein gestellt. Die EU unterhält ein eigenes Frühwarnsystem für Infektionskrankheiten. Die Schweiz ist von diesem Warnsystem ausgeschlossen – und das schon seit 2013. Und wird es vermutlich bleiben, solange sie das Rahmenabkommen mit der EU EU-Rahmenvertrag Darum streitet die Schweiz mit der EU nicht unterzeichnet. Die WHO bietet in Europa kein vergleichbares System an. Ein Problem, denn Bakterien auf dem Gemüse oder Zika-­Ausbrüche werden nicht durch Grenzzäune ­aufgehalten. «Wenn wir Glück haben, ruft uns jemand an», sagt deshalb Patrick Mathys vom BAG. «Darauf müssen wir hoffen.»

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Derzeit keine Sicherheitsübungen geplant

Ob sich die Behörden zusammenraufen und die Spitäler auch ohne Bunkerbetten genügend Patientinnen und Patienten aufnehmen können, wird sich vielleicht erst zeigen, wenn eine Pandemie ausgebrochen ist. Stefan Trachsel vom Koordinierten Sanitätsdienst ist überzeugt: «Das System ist tragfähig, doch es fehlt an Katastrophen – zum Glück. Wir müssten deshalb in einen Modus kommen, in dem wir das intensiver üben.»

In nächster Zeit ist allerdings keine Übung geplant. Zuletzt war sie 2014 ein Thema, während der sogenannten Sicherheitsverbundsübung. In der Zwischenzeit wurde das neue Epidemien­gesetz erlassen. Der Bundesrat wird aber erst 2020 die Übungsszenarien für die nächsten ­Jahre veranschlagen. Hoffentlich wird darunter eines für den Pandemiefall sein. Sonst könnte die Realität die Schweizer rasch einholen. Können die Behörden gut anpacken? Denkt jemand vom europäischen Warnsystem an die Schweiz und ruft an? Kommen die Masken, Medika­mente und Patienten an den richtigen Orten an?

Sicher ist nur eins: Carlo Urbani, der italie­nische Arzt aus Hanoi, wird nicht mit seinem Moped aushelfen.

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Chantal Hebeisen, Redaktorin

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