Frederik S.: «Immer wieder bin ich emotional hin und her gerissen, ganz unterschiedliche Gefühle kämpfen in mir gegeneinander an. Dann kann ich keine Entscheidung mehr treffen.»

Gefühle sind höchst spannend. Sie sind der Motor, der uns zum Handeln antreibt. Manchmal erleben wir sie als Stimmungen, die weniger intensiv und oft diffus sind, jedoch über eine längere Zeit andauern. Manchmal entstehen Gefühle schnell und sind sehr intensiv. Manchmal sind sie klar, manchmal irritierend. Wenn unsere Emotionen für uns nicht klar zu fassen sind, spüren wir zwar, dass wir erregt sind, können jedoch nicht genau benennen, was mit uns los ist. Unser Körper kribbelt, wir sind unruhig, in Aufregung oder wie gelähmt.

Gefühle entstehen in einem komplexen Prozess. Wie wir auf Erlebnisse emotional reagieren, hat viel mit unserem Denken und unserer Beurteilung einer Situation oder Person zu tun. Der US-Psychologe Richard Lazarus geht davon aus, dass wir in einem ersten (oft sehr schnellen und unbewussten) Bewertungsprozess das, was wir aufnehmen und erleben, daraufhin beurteilen, ob es für uns von Bedeutung ist und ob wir damit umgehen können. Basis dafür sind unsere Erfahrungen und Erlebnisse. Wenn wir gelernt haben, dass eine bestimmte Situation für uns gefährlich oder selbstwertschädigend ist, sind wir in Alarm versetzt. Verbinden wir eine Situation mit etwas Positivem, reagieren wir erfreut. Und wenn eine Situation für uns überhaupt keine Bedeutung hat, wird nichts in uns angeregt.

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Warum wir fühlen

Hintergrund der Emotionen sind unsere aktuellen Motive und Bedürfnisse. Das Psychologenpaar Norbert Bischof und Doris Bischof-Köhler geht von fünf grundlegenden Motivsystemen aus, die uns aktivieren:

  • das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Vertrautem

  • das Bedürfnis nach Neuem und Entdecken

  • das Bedürfnis, Einfluss zu haben, sich durchsetzen zu können und Dinge selber regeln zu können

  • das Bedürfnis nach Sexualität

  • das Bedürfnis nach Fürsorge

Das Gefüge dieser Motive verändert sich je nach Lebensphase. Während im Kindes­alter Bindung und Sicherheit zentral sind, sind diese im Jugendalter weit weniger wichtig. Im Erwachsenenalter hat das Bedürfnis nach Autonomie grosse Bedeutung.

Die Emotionen geben uns Hinweise auf unsere inneren Ziele – und ob das, was gerade passiert, mit ihnen übereinstimmt. Unsere Emotionen gehen dann hoch, wenn für uns relevante Bereiche unseres Seins und unseres Selbstwerts bedroht werden. So erleben wir Ärger, wenn jemand uns Schaden zufügt oder uns angreift, Scham, wenn wir das Gefühl haben, unserem eigenen Ideal nicht genügt zu haben, Traurigkeit, wenn wir einen Verlust erleben, Erleichterung, wenn ein unangenehmer Umstand sich zum Besseren gewendet hat, oder Freude, wenn wir einen Erfolg erleben, der uns unserem Ziel näher bringt.

Die Emotionen können wir nicht ändern

Sobald wir wissen, was wir aktuell fühlen, verstehen wir besser, was mit uns passiert oder was uns fehlt. Unsere Gefühle sagen uns, dass wir etwas tun sollten. Wie wir reagieren wollen, können wir aber selbst entscheiden und dabei die Gefühle als Helfer nutzen.

Nicht selten spüren wir gleichzeitig mehrere Gefühle, die scheinbar nicht zueinander passen. Denn oft werden durch ein Erlebnis verschiedene Aspekte unseres Seins angesprochen. Versuchen Sie wahrzunehmen, welche Gefühle genau in Ihnen kreisen. Benennen Sie diese.

Richtig klar wird ein Gefühl, wenn wir uns auch seiner Bedeutung bewusst sind. Überlegen Sie bei jedem Gefühl, wodurch genau es ausgelöst wurde. Die Emotionen selbst können wir nicht ändern. Aber wir können versuchen, die Umstände zu ändern, die uns belasten. Zu handeln, wenn es wichtig ist. Zu lernen, uns selber mehr zuzutrauen und uns bewusst zu werden, wie unser Denken mit unseren Gefühlen zusammenhängt.

Buchtipps

  • Cornelia Dehner-Rau, Luise Reddemann: «Gefühle besser verstehen. Wie sie entstehen. Was sie uns sagen. Wie sie uns stärken», Verlag Trias, 2010, 160 Seiten, CHF 30.50

  • Doris Wolf, Rolf Merkle: «Gefühle verstehen, Probleme bewältigen. Eine Gebrauchsanleitung für Gefühle», Verlag Pal, 2004, 160 Seiten, CHF 24.90
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