«Muss ich die Brille ablegen?», fragt Daniel Wyss. Nein, muss er nicht, Paul Kobel kann ihn auch so lesen. Er ist Physiognom, analysiert den Charakter seines Gegenübers am Gesicht. Fleischige Ohr­läppchen, volle Lippen, gerade Nase: Nichts sei zufällig, alles verweist für Kobel auf die Persönlichkeit, die hinter der Fassade wohnt.

Wer abstehende Ohren habe, sei leichter zu provozieren. Menschen mit schmalen Oberlippen seien weniger emotional, und wer eine spitze Nase habe, sei neugierig und interessiert. «Das Erlebte formt dich», erklärt Kobel. «Wenn du dich immer unwohl gefühlt hast, werden deine Mundwinkel irgendwann nach unten zeigen.» Vermutlich sei das nervlich gesteuert, eine Überdurchblutung lasse das Gewebe wachsen, bei Unterdurchblutung bilde es sich zurück. «Es ist wie bei einem Blüemli: Wenn du ihm Wasser gibst, blüht und gedeiht es, wenn nicht, verdorrt es.»

Für eine Analyse gibt sich Kobel ­allerdings nicht mit einzelnen Merkmalen zufrieden – er benötige eine Kombination verschiedener Züge. Für den Beobachter hat er fünf Personen analysiert, von denen er nichts wusste und die er nie zuvor gesehen hatte.

Analyse in harmonischer Umgebung

Testperson Daniel Wyss sitzt reglos am Tisch. Sein Gesicht ist dem Fenster zugewandt, jede Falte wird vom Tageslicht ausgeleuchtet. Kobels Gesicht ist im Gegenlicht nur schemenhaft erkennbar. Der 44-Jährige mustert Wyss und fängt an: «Du hast wenige Falten, du kannst sehr kreativ sein, du bist ein grosser Teamplayer, du hast viel Lebenskraft, du bist ein sehr mitfühlender Mensch.» Ein Wortschwall, vorgetragen mit gleichmässig sanfter Stimme, ganz in Harmonie mit der Meditationsmusik, die den Raum erfüllt.

Der Mann mit der Gelfrisur, dem Sportpulli und dem schwarzen Maserati war früher halbprofessioneller Eishockeyspieler. Heute ist Paul Kobel Naturheilarzt mit eigener Praxis in Meilen ZH. Die Gabe, Gesichter zu lesen, habe er schon im Kinderwagen gehabt: «Wenn jemand seine Nase in den Wagen steckte und ‹Jöö› sagte, wusste ich sofort, ob er es ehrlich meinte oder nicht.» Als Esoteriker will er sich nicht sehen. «Physiognomie ist eine Wissenschaft.»

Das allerdings ist äusserst umstritten. Unter Akademikern gilt sie als Pseudo-Wissenschaft. Früher haben sich zwar illustre Gelehrte mit der Physiognomie befasst: Aristoteles, Charles Darwin und vor allem der Zürcher Pfarrer und Philosoph Johann Caspar Lavater. Letzterer verfasste ein fast 2000 Seiten starkes Werk: Seine «Physiognomischen Fragmente zur Beförderung von Menschenkenntniss und Menschenliebe» waren ein Grosserfolg. «Je mehr ich forsche, desto mehr find ich Harmonie zwischen körperlicher und moralischer Schönheit, körperlicher und moralischer Hässlichkeit», schrieb Lavater.

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Zweifelhafter Ruf

Dann bemächtigten sich Nazi-Ideologen der Physiognomie. Die Verquickung von Anatomie und Charakter diente ihrer Rassentheorie. Vor allem die Schädelkunde wurde herangezogen, um «minderwertige» Menschen zu definieren und im Dritten Reich die Vorherrschaft der weissen, nordischen Rasse zu rechtfertigen.

Später wurde die Physiognomie zwar von der Genetik und der Biometrie als Nazi-Leitdisziplinen abgelöst – aber den Ruch, ein Instrument der Nazis gewesen zu sein, ist sie bis heute nicht richtig losgeworden.

 

«Was im Zweiten Weltkrieg passiert ist, ist schlimm. Aber es hat nichts mit mir oder der heutigen Physiognomie zu tun.»

 

Paul Kobel, Naturheilarzt

Jeder könne frei für sich entscheiden, ob er die schlechte oder die gute ­Seite einer Methode ausleben wolle, so Kobel. Wenn man die Physiognomie positiv betreibe, könne sie das zwischenmenschliche Verständnis fördern. «Ich glaube immer an das Gute im Menschen.»

Testperson Jonas Züger möchte nicht nur seine positiven Eigenschaf­ten hören. Kobel zögert: «Ich will nur ein ‹Stüpfli› geben, ein ‹Zückerli›.» Denn mit der Physiognomie habe er ein Werkzeug in der Hand, mit dem man manipulieren und Abhängigkeit schaffen könne. Die Augen etwa, die lasse er in Kurzsitzungen ausser Acht, weil sie viel zu Intimes offenbarten. Um delikate Themen anzusprechen, brauche es eine Vertrauensbeziehung, ein therapeutisches Setting. Bei Jonas Züger tut er es dann trotzdem. «Ich sehe an deiner Stirn, dass du es nicht immer ganz easy hattest.» Züger wird später sagen, das sei ihm «eingefahren», die eindrücklichste Episode gewesen.

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Was sagt ein breites Gesicht über einen Hockeyspieler aus?

Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte das Gesichterlesen im Untergrund weiter, als okkulte «Geheimwissenschaft». Heute boomt sie in der Alternativmedizin und in der populärwissenschaftlichen Literatur.

Aber auch an den Unis erfährt die Physiognomie eine Renaissance. Etliche Psychologen erforschen die Relation zwischen Antlitz, Persönlichkeit und Fremdwahrnehmung. So zeigte eine Studie in Kanada, dass Hockeyspieler mit breiten Gesichtern mehr Strafminuten für Tätlichkeiten absitzen mussten. Die beiden US-Psychologen Nicholas Rule und Nalini Ambady demonstrierten, dass Versuchspersonen anhand von Fotos zuordnen konnten, ob ein abgebildeter Mann schwul ist oder nicht – und zwar auch dann, wenn Haar und Augenbrauen wegretuschiert waren oder nur die Mund- oder die Augenregion gezeigt wurde. Nur 50 Milli­sekunden brauchten die Tester für die Zuordnung, die Trefferquote lag klar über dem Zufallswert.

Attraktive hält man für intelligenter

Schon lange bekannt ist die Tatsache, dass attraktive Menschen für gesünder, intelligenter und sozialkompetenter gehalten werden. In vielen Bereichen sind sie tatsächlich erfolgreicher. Sogar vor Gericht schneiden sie besser ab. Als Erklärung ziehen Forscher die «selbst­erfüllende Prophezeiung» heran: Wenn jemand aufgrund seines Äus­seren stets die gleichen Reaktionen erntet und mit denselben Erwartungen konfrontiert wird, wird er sich entsprechend verhalten. So weiss man zum Beispiel, dass eine Person mit «Kindchenschema» – grosse, runde Augen, kleiner Mund und kleine Nase – hilfsbedürftig wirkt und beim Gegenüber fürsorgliche Instinkte weckt. Das prägt.

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«Ich muss spüren, wozu das Gegenüber bereit ist», sagt Kobel. Als Physiognom habe er eine Verantwortung, er wolle keine Show. «Bekannt aus dem TV und der Presse», steht allerdings auf seinem Flyer. Für die «Schweizer Illustrierte» hat er die Miss-Schweiz-Kandidatinnen anhand von Fotos analysiert, für den «Sonntags-Blick» die Eishockeyspieler des HC Davos.

«Wer gelöst ist, ist immer schön»

Für die Physiognomie geht Kobel sogar auf die Strasse: Auf Youtube hat er Kurzfilme mit Gesichterlesungen von Passanten geladen. In einer Zürcher Bar liest er einmal im Monat die Gesichter von Partygängern. «In nur 5 bis 10 Minuten erfährst du eine Reflektion deiner Persönlichkeit, wie du sie vorher nicht für möglich gehalten hast!», verspricht er auf seinem Flyer. Kobel hat sogar ein Patent angemeldet: «Ich bin an einer Erfindung dran.» Zusammen mit Partnern habe er ein «technisches Programm» entwickelt, das anhand des Gesichtes die Persönlichkeit eines Menschen beschreibe. Mehr will Kobel nicht verraten. Er wartet auf die Antwort des Patentamts.

20 Minuten lang beschreibt Paul Kobel im Beobachter-Test jeden Kandidaten. Normalerweise nehme er sich mehr Zeit, arbeite therapeutisch, dringe in die Tiefe der Seele ein. So könnten sich die Schubladen der Erinnerungen öffnen, und der Patient könne die Erfahrungen ausleben und «verstoffwechseln». Denn: «Was wirklich gelöst ist, ist immer friedlich und schön», sagt er.

Am Ende jeder Gesichtsanalyse stellt er die «alles entscheidende Frage»: «Und? Wie viel hat gestimmt?» Er will es genau wissen, am liebsten in Prozent. 70 bis 90 Prozent geben ihm die fünf Kandidaten. Kobel ist zufrieden.

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Die Gesichtsanalysen unserer fünf Testpersonen im Detail

 

  • Was sagt Daniel's Nase über seinen Charakter aus?
  • Welchen Schluss zieht der Gesichterleser aus Naëmi's Lippen?
  • Wie treffend findet Urs die Analyse?
  • Ist Nicole wegen ihrer Ohrläppchen wirklich nicht rational ehrgeizig?
  • Und was hat Jonas am meisten verblüfft?


» Das liest der Experte aus den Gesichtern unserer Kandidaten
 

Quelle: Stephan Rappo

Geschichte der Physiognomie

 

Vom Feigling zum Verbrecher oder: Von Aristoteles bis zu den Nazis

Aristoteles (4. Jhdt. v. Chr)
Der griechische Philosoph Aristoteles (oder möglicherweise andere Autoren unter seinem Namen) hat typische Charaktere und deren Aussehen beschrieben, etwa den «Feigling»: Dieser habe einen weichen Haarwuchs, sei etwas bleich und habe einen geduckten Körper. Aristoteles' Ausführungen gelten als die ältesten überlieferten Quellen der Physiognomie.


Giambattista della Porta (1535?–1615)
Wenn sich zwei Objekte oder Wesen in ihrer Form ähneln, gleichen sich auch ihre Eigenschaften. Das glaubte der neapolitanische Arzt und Gelehrte Giambattista della Porta. Er vermutete, dass die ganze Welt durch ein Netz von Analogien (Gleichartigkeiten) miteinander verbunden sei. Hat etwa ein Mensch ähnliche Gesichtsformen wie ein Wolf, verhält er sich auch wie ein Wolf. 1586 beschrieb er seine Theorien im Werk «De humana physiognomia».


Johann Caspar Lavater (1741-1801)
Als göttliches Alphabet verstand der Zürcher Pfarrer und Gelehrte Johann Caspar Lavater die Gesichtszüge des Menschen. Zumindest teilweise könne man dies auch entschlüsseln, meinte Lavater. Er verhalf der Physiognomie endgültig zum Durchbruch. Mit seinem fast 2000 Seiten starken Werk «Physiognomische Fragmente» gelang ihm ein Grosserfolg. Zahlreiche Künstler zeichneten Porträts für seine Sammlung. Sein Buch löste den Trend aus, an gesellschaftlichen Anlässen Schattenrisse der Gäste zu zeichnen und zu deuten. Diese Silhouetten wurden zu Sammelobjekten.


Franz Josef Gall (1758-1822)
Dutzende von Schädeln sammelte der deutsche Arzt und Anatom Franz Josef Gall, um seine Theorie zu untermauern, wonach die Form des Gehirns Rückschlüsse auf Eigenschaften erlaube. Nach seiner «Phrenologie» deutete jede Delle oder Ausbuchtung am Schädel auf geistige Eigenschaften hin. Dafür vermass er den Schädel und teilte ihn in verschiedene Bereiche ein. Wissenschaftlich wurden seine Schlüsse bald widerlegt. Seine Theorien wurden aber später von den nationalsozialistischen Rassentheoretikern wieder aufgenommen


Cesare Lombroso (1835-1909)
Verbrecher könnten präventiv durch ihre Schädelkunde erkannt werden ­– diese Meinung vertrat der italienische Arzt und Psychiatrie-Professor Cesare Lombroso. Zum Beispiel wiesen zusammengewachsene Augenbrauen und eine bestimmte Kopfform auf eine niedere und agressive Entwicklungsstufe hin. Lombroso ging davon aus, dass Delinquenten geborene Verbrecher waren und liess sie systematisch fotografieren und vermessen. Auch die Schädel von Hingerichteten mass er aus. Nach seinem Tod beriefen sich die Nationalsozialisten auf ihn, als sie systematisch Kriminelle zwangssterilisierten.

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