Antwort von Koni Rohner, Psychotherapeut FSP:

Eigentlich haben Sie ein Luxus­problem, das ich aber durchaus ernst nehme. Im Unterschied zu Ihnen stehen die meisten Menschen die meiste Zeit ihres Lebens irgendwie unter Druck. Sie müssen sich am Arbeitsplatz behaupten, einen Lebenspartner oder eine Lebenspartnerin finden oder Kinder aufziehen. Ihr Leben ist voller Herausforderungen, und kaum haben sie ein Problem gelöst, zeigen sich neue Notwendigkeiten oder Hindernisse. In diesem täglichen Lebenskampf stellt sich die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht – er besteht darin, sich im Alltag zu behaupten.

Wem dies gelungen ist, wer sich zurücklehnen und das Erreichte geniessen möchte, merkt wie Sie plötzlich, dass das nicht funk­tioniert. Die meisten Menschen erfüllt es nämlich nicht, sorgenfrei zu leben und die reine, unbelastete Existenz zu geniessen. Wir brauchen offenbar – im Unterschied zu Tieren und Pflanzen – einen Sinn im Leben. Vielleicht deshalb, weil nur wir Menschen wissen, dass wir sterben.

Joggen, lieben und feiern machen lebendig

Generationen von Philosophen haben gesucht. Aber keiner hat eine definitive, allgemein anerkannte Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens gefunden. Viele meinen, es gebe gar keinen. «Der Sinn des Lebens ist das Leben», hat Goethe gesagt. Der Sinn einer Eiche ist es, eine Eiche zu sein und sonst nichts. Der Sinn einer Rose ist es, eine Rose zu sein. Und der Sinn des menschlichen Lebens ist das menschliche Leben. Manchmal reicht uns das, und wir können unsere Lebendigkeit spüren und uns daran freuen. In der Aktion beim Joggen, Wandern, Lieben und Feiern oder auch in der Stille beim Meditieren.

«Der Sinn einer Eiche ist es, eine Eiche zu sein. Und der Sinn des Lebens? Das Leben!»

Koni Rohner, Psychotherapeut FSP

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Buddha soll gesagt haben: «Nimm dir jeden Tag Zeit, still zu sitzen und auf die Dinge zu lauschen. Achte auf die Melodie des Lebens, die in dir schwingt.» In besonderen Momenten gelingt uns das, und die Frage nach einem darüber hinausgehenden Sinn erübrigt sich. Aber oft fehlt uns diese reife, einfache Erfahrung, und dann suchen wir wie Sie weiter nach Sinnhaftigkeit. Und obwohl das Leben an sich möglicherweise keinen Sinn hat, macht es Sinn, unser Leben sinnvoll zu gestalten. Pablo Picasso meinte dazu: «Der Sinn des Lebens besteht darin, deine Gabe zu finden. Der Zweck des Lebens ist, sie zu verschenken.» Damit spricht er die zwei wichtigsten Bereiche an, die unserem Leben Sinn geben können: die Selbstentfaltung und der Dienst an der Gemeinschaft.

Menschen brauchen Menschen

Wir erleben unser Leben erst dann als sinnvoll, wenn wir aus den Begabungen, die uns geschenkt wurden, etwas gemacht haben: aus unserer Liebesfähigkeit, Intelligenz, Körperkraft und Kreativität. Selbstentfaltung allein macht aber noch nicht zufrieden. Menschen sind Gemeinschaftswesen, und deshalb sind wir nur dann erfüllt, wenn ein Teil unseres Engagements auch dem näheren sozialen Umfeld und der Gesamtgesellschaft zugutekommt.

Dazu brauchen wir kein künstlerisches Genie zu sein, wie Picasso es war. Im mitt­leren Lebensalter sorgen wir für die Familie und nützen der Gesellschaft im Beruf. Als Rentner kann man Enkel betreuen, für die gehbehinderte Nachbarin einkaufen, bei einer Waldreinigung mitmachen oder sich in einer Partei oder einem Verein engagieren.

Wer sein Potenzial, das ihm in die Wiege gelegt wurde, in Beruf, Familie und Hobby entfaltet, wer zudem nicht nur sich selbst, sondern auch anderen Menschen nützt, wer ein wenig dazu beiträgt, dass die Welt langfristig etwas besser und nicht schlechter wird, dessen Leben ist sinnvoll, ob man es nun von aussen oder von innen betrachtet.

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  • Buchtipp: Terry Eagleton: «Der Sinn des Lebens»; Verlag Ullstein, 2010, 160 Seiten, CHF 14.90.

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