Frage von Rolf Z.: In der Familie meiner Cousine bewahrheitet sich die Redewendung «Ein Unglück kommt selten allein» in trauriger Weise. In unserer Familie hingegen ist noch nie Schlimmes passiert. Haben die einen einfach Pech und die andern Glück? Ist vorbestimmt, was das Leben bringt? Ich frage mich in diesem Zusammenhang auch, was von Wahrsagerei, Hand- oder Kartenlesen zu halten ist.

Zuallererst: Seien Sie dankbar, dass Ihnen und Ihren Lieben schwere Schicksalsschläge bislang erspart geblieben sind. Ihren Verwandten können Sie zu helfen versuchen, indem Sie Mitgefühl zeigen und vielleicht das eine oder andere zur Unterstützung leisten.

Auf das Hier und Jetzt reagieren

Was die Wahrsagerei betrifft: Natürlich möchten wir alle manchmal um die Ecke in die Zukunft gucken. Denn wir wissen, dass zum Leben auch Unsicherheit gehört – oder wie Erich Kästner sagte: «Seien wir ehrlich, Leben ist immer lebensgefährlich.» Jederzeit sind Unfall, Krankheit, Invalidität oder Tod möglich. Wir möchten deshalb von Wahrsagern meist lediglich hören, dass alles gut kommt. Uns interessiert, ob wir mit einem baldigen Lottogewinn rechnen dürfen oder irgendwann unseren Traumpartner finden werden. Ich halte nicht viel von diesen Zukunftsspekulationen. Vielmehr denke ich, dass wir schon mehr als genug gefordert sind, auf das Hier und Jetzt zu reagieren und uns von der Vergangenheit zu lösen.

Ob ein Schicksal vorgegeben ist, ob unser Leben gelenkt wird oder ob alles nur Zufall ist, weiss ich nicht. Das Christentum geht davon aus, dass Gott die Macht hat, alles zu lenken, wir aber trotzdem über einen freien Willen verfügen und damit Verantwortung tragen. In der östlichen Karmalehre sind Glück oder Unglück die Folgen früherer Taten. In Schicksalsschlägen sieht man Lernprozesse, die einen Menschen in der Entwicklung seiner Persönlichkeit unterstützen, ihn reifen lassen. Man erachtet Schicksalsschläge somit als sinnvoll.

Für Psychologie und Psychotherapie gilt etwas Ähnliches: Wut, Enttäuschung, Trauer, Verzweiflung und so weiter sollen zwar gespürt werden und auch zum Ausdruck kommen, aber auch da gilt: Jede Krise ist auch eine Entwicklungschance. Die daraus resultierende Lebensweisheit lautet: Versuche zu akzeptieren, was das Leben bringt, mach das Beste daraus und sei so offen und aufmerksam, dass du die Chancen, die dir das Schicksal bietet, erkennst und ergreifen kannst.

Es macht keinen Sinn, nach einer Schuld zu suchen

Auch die Religionen, die von einer göttlichen Kraft ausgehen, empfehlen das. In ihrem Glauben ist es ein lenkender Gott, der zwar Prüfungen schickt, aber auch Wege öffnet. Sogar Wissenschaftler, die von einem absoluten Zufallsprinzip ohne jeden Sinn dahinter ausgehen, kommen zum selben Schluss: alles so nehmen, wie es kommt, es so gut wie möglich bestehen und immer nach neuen Chancen Ausschau halten, die der Zufall bringt. Sicher ist, dass es keinen Sinn macht, nach der Schuld am Unglück zu suchen oder vorwurfsvoll «Warum muss das gerade mir geschehen?!» auszurufen. Denn: warum nicht?

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