Sie schreiben in Ihrer Kolumne immer wieder, dass man zur Verarbeitung von Schicksalsschlägen oder Verletzungen nochmals durch alle Gefühle hindurchmüsse. Wäre es nicht gescheiter, die Vergangenheit einfach beiseite zu schieben und vorwärts zu schauen?

Frage eines Lesers

Nur im äusserst seltenen Idealfall: Ein sehr weiser und reifer Mensch braucht sich tatsächlich nicht lange mit Verletzungen oder den Folgen von schlimmen Ereignissen herumzuschlagen. Aber nur deshalb, weil er alle dazugehörigen Gefühle spüren kann und zugleich genügend Distanz hat, um das Leben so zu nehmen, wie es eben ist: ein Wechsel von Glück und Unglück, von Hochs und Tiefs.

Auch Kinder verarbeiten Frust und Schmerz in der Regel schnell, weil sie ihre Gefühle spontan ausdrücken. Erwachsene hingegen neigen je nach Persönlichkeit und Schwere eines Schicksalsschlags dazu, unangenehme Gefühle zu verdrängen. Damit haben sie sich jedoch nicht aufgelöst, sondern unsere Seele braucht sehr viel Energie, um sie aus dem Bewusstsein herauszuhalten. Dies ist ein erstes Argument, wieso man zur Heilung die Gefühle wieder zulassen soll: weil diese Verdrängungsenergie damit frei wird und einem wieder zur Verfügung steht.

Sich weiterentwickeln – wie es die Kinder tun

Es lohnt sich auch, die seelischen Wunden freizulegen, weil sie nur dann nachhaltig heilen können. Im Unterschied zu einem engen medizinischen Verständnis von Gesundheit und Krankheit, das davon ausgeht, dass der Arzt oder das Medikament heilt, dass ein Krieg gegen die Krankheit gewonnen werden muss, vertraut die Psychologie auf die Kräfte des Organismus – ähnlich wie es die Homöopathie oder die ayurvedische Medizin tut. Der Psychologe Carl Rogers sprach von einer organismischen Kraft zur Heilung, sein Kollege Abraham Maslow hat gar sein Leben der Erforschung der menschlichen Wachstumsmotivation gewidmet.

Beispiel ist das Kind: Es hat Freude am Neuen und am Funktionieren und entwickelt sich deshalb weiter – und nicht aus Konkurrenzgründen oder weil es ein bestimmtes Ziel erreichen will. Genauso schreitet der Mensch in seiner seelischen Entwicklung oder Heilung automatisch vorwärts, wenn Blockaden – meist indem er Sicherheit und Akzeptanz erfährt – beseitigt werden.

Deshalb funktioniert Heilung auch optimal, wenn ein mitfühlender Mensch ebendieses Klima vermitteln kann.

So können Sie Mitmenschen in einer Krise helfen

  • Mitgefühl zeigen
  • nicht werten, sondern akzeptieren
  • Geduld haben
  • vorsichtig auf Selbsttäuschungen hinweisen
  • Vertrauen in Entwicklungs- und Selbstheilungskräfte haben und ausstrahlen
  • verstehen, dass grosse Veränderungen zuerst Angst machen
  • ständig an der eigenen Entwicklung arbeiten

«Wissen, was dem Körper gut tut.»

Chantal Hebeisen, Redaktorin

Wissen, was dem Körper gut tut.

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