Generell ist nichts dagegen einzuwenden, dass Menschen ihren Standpunkt vehement vertreten. Problematisch wird es allerdings, wenn sie keine anderen Argumente gelten lassen. Dann arten Gespräche zu Machtkämpfen aus, in denen der eine gewinnt und der andere verliert.

Eine moderne und fruchtbare Art der gewaltfreien Kommunikation vermeidet eine solche Eskalation. Statt einen Sieg anzustreben, versuchen beide Parteien, ihren Standpunkt verständlich zu machen. Erst wenn dies gelungen ist, beginnt man Lösungen zu suchen, mit denen beide Seiten leben können.

Dieses Gesprächsmodell aus der humanistischen Psychologie klingt simpel, ist aber nicht leicht in die Tat umzusetzen. Wir haben oft Schwierigkeiten, jemandem zuzuhören, ohne zu werten. Wir sind es nicht gewohnt, uns eine Zeit lang nur um Einfühlung und Verstehen zu bemühen, ohne gleich zu widersprechen oder zu diskutieren.

Umgekehrt fällt es uns auch nicht leicht, eine Weile nur von uns zu reden, ohne versteckte Appelle auszusenden oder uns zu verteidigen. Denn dafür müssten wir in der Lage sein, unsere Gefühle zu erkennen, und den Mut haben, sie zu offenbaren. Da wir diese Art des Gesprächs kaum je erlebt oder praktiziert haben, fehlt uns das Vertrauen, dass sich mit dieser Methode Konflikte lösen lassen. Es lohnt sich aber, diese Art des Kommunizierens auszuprobieren und daran zu arbeiten – sei es in der Partnerschaft, in der Erziehung oder am Arbeitsplatz.

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Dieses Gesprächskonzept gehört zu einer umfassenden Lebensphilosophie, die ich Verständnisprinzip nenne. Leider wurde unser Leben in den letzten Jahren in zunehmendem Masse vom ganz anders gearteten Konkurrenzprinzip bestimmt. Denn neben der viel zitierten Leistungsgesellschaft verkörpern wir auch eine Wettbewerbsgesellschaft.

Gegen Leistung ist im Grundsatz nichts einzuwenden. Was die Freude daran aber nachhaltig verdirbt, ist der Vergleich. Vergleichen ist lieblos, denn es produziert neben dem Gewinner viele Verlierer. Verlieren kränkt und entmutigt; Wettbewerb bedeutet Dauerstress.

Das Konkurrenzdenken macht uns alle zu Rivalen. Als Ausgleich erwarten wir dann von der Kleinfamilie ein Mass an Harmonie, das zwangsläufig zu Enttäuschungen führen muss.

Das Konkurrenzprinzip wurde vor mehr als 200 Jahren von Wirtschaftswissenschaftlern propagiert. Aber auch in diesem Bereich ist es kein Allheilmittel, wenn es zur einzigen Maxime wird. Es mag zwar sein, dass verschärfter Wettbewerb zu niedrigeren Preisen führt. Doch um konkurrenzfähig zu bleiben, müssen die Unternehmen Kosten sparen, was oft durch die Entlassung von Mitarbeitern geschieht. Viele günstige Güter nützen uns jedoch wenig, wenn wir arbeitslos sind und kaum Geld zum Konsumieren haben. Es ist Zeit, dem Konkurrenzprinzip ein anderes Denk- und Verhaltensmuster entgegenzustellen – zum Beispiel das Verständnisprinzip.

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