Mir scheint, Sie sind auf der richtigen Spur. Es geht wohl weder um das besagte Fahrrad noch um das Portemonnaie. Man könnte die Traumserie so deuten, dass in Ihrem Unbewussten wohl eine bedeutende Verlustangst verborgen ist. Bei Tag wird sie verdrängt, aber im Schlaf kommt sie in diesen Diebstahlbildern zum Vorschein. Ich kann mir vorstellen, dass Ihnen der Traum sagen will, dass es an der Zeit wäre, sich etwas intensiver mit den Themen Verlust, Vergänglichkeit, Abschied und Loslassen zu beschäftigen.

Es handelt sich dabei um zentrale Themen unserer Existenz. Wir können materielle Verluste erleiden, und alles Lebendige vergeht ohnehin früher oder später, auch unsere Jugend, unsere Gesundheit und am Ende wir selbst. Bereits ab der Lebensmitte, sicher aber im Alter ist das Thema für uns alle aktuell und wichtig. Wie kann man trotz Schmerzen und unausweichlichen Verlusten optimistisch bleiben und Freude am Leben haben? Das ist die Herausforderung für alle alternden Menschen.

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Träume sind keine Schäume

Ich habe für die Deutung des Traums die Theorie des berühmten Küsnachter Psychiaters C. G. Jung beigezogen. Er spricht von der «kompensatorischen Funktion» und meint damit, dass Träume oft auf etwas hinweisen, was im Wachleben vernachlässigt wird, bei Ihnen eben das existentielle Thema Vergänglichkeit. Jung war bekanntlich ein Lieblingsschüler Sigmund Freuds, der in seiner Traumdeutung von 1900 dargelegt hat, dass Träume keine Schäume, sondern sinnvolle Spiegelungen seelischer Regungen sind. Er betonte allerdings, dass der erinnerte Traum seine wirkliche Bedeutung nicht preisgebe, er würde das tatsächlich Gemeinte vielmehr verhüllen und es wie ein Bilderrätsel erscheinen lassen. Aufgabe des Therapeuten sei es dann, dieses zu entschlüsseln, das heisst, den Traum in Zusammenarbeit mit dem Träumenden zu deuten. Er gestand zwar ein, dass es Traumsymbole gäbe, die alle Leute verstünden, von vielen Bildern könne aber nur der Träumende die individuelle Bedeutung erkennen. Meine Analyse Ihres Traums ist also bloss eine Hypothese.

Träume müssen jedoch ohnehin nicht unbedingt gedeutet werden, erkannte C. G. Jung. Jede Beschäftigung mit ihnen wirkt bereits heilend, weil sie hilft, die Trauminhalte ins Selbstbild der Person zu integrieren. Man kann malen, mit Ton arbeiten, Träume aufschreiben oder sie in der Phantasie weiterspinnen.

Auch ohne Fachperson kann man sich auf fruchtbare Weise mit Träumen beschäftigen. Am besten legt man dazu ein Traumtagebuch an. Die Form der Aufzeichnung kann variieren von Erinnerungsfragmenten bis hin zu ausformulierten Erfahrungsberichten. Nicht nur Traumhandlung und Details der Traumlandschaft werden notiert, sondern auch die Stimmungen während des Traums. Da sich die Erinnerung rasch verflüchtigt, kann es hilfreich sein, unmittelbar nach dem Erwachen Stichworte zu notieren. So wird eine spätere Rekonstruktion des Traums vereinfacht.